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Wer Kinder liebt, pfeift auf Kindergottesdienste

Heute werden zahlreiche regelmäßige Gottesdienstbesucher den Pfarrgemeinden fernbleiben. Es ist Weißer Sonntag, aka Kinderbibelspieltag feat. Erstkommunion. Kindergottesdienste sind schon für Erwachsene kaum zu ertragen. Wieso tun wir das unseren Kindern an?

Es ist ein Schauspiel, bei dem man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. In den Bänken sitzen hibbelige Buben, Mädchen und Eltern herausgeputzt für ihren großen Tag, vorne hüpft eine Mittvierzigerin in langen Röcken herum und singt schief „Fürchte Dich nicht“. Dann treten die Kinder der Reihe nach vor und verlesen in schleppendem Ton Fürbitten, die sie selbst nicht geschrieben haben, die aber angeblich ihre Sorgen und Nöte aufgreifen. Für gegen den Klimawandel. Für gegen einsame Kinder. Für gegen Krieg in Syrien. Ein Kind heult, weil es sein Sprüchlein vergessen hat. Aufruhr im Altarraum. Nach dem läppischen Spektakel haben die Kinder zwar Erstkommunion gehabt, aber wie ein normaler Gottesdienst aussieht, wissen sie immer noch nicht. Ebenso wenig könnte man behaupten, sie seien nun Teil der Gemeinde. Die war nämlich nicht da, weil sie im Pfarrbrief gelesen hat, dass Kindergottesdienst ist. Die Besucher der Kindergottesdienste bilden in den Pfarrgemeinden eine sorgsam herangezüchtete Parallelkultur. Wer Veranstaltungen für Familien organisieren möchte, begibt sich entweder auf das Niveau „Malen und Klatschen“ oder stößt auf Unverständnis. Die Liturgie wird für diese Veranstaltungen bis zur Unkenntlichkeit verbogen und zerstückelt. Ein Pfarrer, der da nicht mitmachen möchte, stört im Zweifelsfall nur die Harmonie und wird dann eben zum Gottesdienstgültigmacher degradiert.

Alters-Segregation und ihre Folgen

Die Botschaft dieser degenerierten, pädagogisch vorgekauten Eucharistiefeiern ist fatal: Wenn es spezielle Gottesdienste für Kinder bzw. Familien gibt, dann muss ja mit den „normalen“ Gottesdiensten etwas nicht stimmen, sie müssen schädlich für Kinder sein oder zumindest sind Familien dort nicht erwünscht. Die meisten Familien, die man bei den Kindergottesdiensten sieht, sieht man dann folgerichtig an anderen Sonntagen nicht. Es wirkt, als wolle man der Gemeinde die Kinder nicht zumuten und den Kindern die Gemeinde nicht. Etwas, das dafür gedacht war, Kindern den Gottesdienst nahezubringen, hat schon längst dazu geführt, dass Kinder vom Gottesdienst ferngehalten werden.

Wir sollten doch eigentlich froh sein, wenn auf den Fluren unserer Gotteshäuser lärmend Kinder auf- und abziehen. Nicht nur bedeutet das, dass es in der Gemeinde überhaupt noch Kinder gibt, sondern die Kinder wachsen auch mit dem Rhythmus und der Ästhetik des „richtigen“ Gottesdiensts auf. Da wird nicht gemalt und geklatscht, es spielt die Orgel statt dem Keyboard und gelegentlich muss man auch mal stillsitzen.

Dabei erbringen die Gottesdienste nicht einmal den intendierten Nutzen. Angesichts der schwindenden Zahl der Täuflinge, Erstkommunikanten und Firmlinge in Deutschland müssten sich die Kinderbeglücker eigentlich in die Stille Ecke stellen. Religionsgemeinschaften, die weiterhin wachsen, weisen hingegen meist kein überragendes religionspädagogisches Konzept auf. Oder glauben Sie, die Moschee in Ihrer Nähe bietet Mitmachgottesdienste für coole Kids an?

Wenn Sie mal in einer Synagoge, einer Moschee, einer (wie auch immer gearteten) orthodoxen oder einer evangelikalen Kirche gewesen sind, dann werden Sie bemerkt haben, dass nicht nur genauso viele Kinder da sind wie bei uns im Kindergottesdienst, sondern dass sich auch niemand nur das Schwarze unterm Fingernagel darum schert. Warum? Weil die Eltern nicht in einer Parallelwelt leben, sondern in der Gemeinde. Weil die Gemeinde die Kinder nicht nur erträgt, sondern als Teil ihrer selbst betrachtet und deshalb niemand auch nur das Konzept Kindergottesdienst verstehen würde. Für die Kinderkatechese gibt es Veranstaltungen wie Sonntags-, Freitags- oder Sabbat-Schulen, Kinderpredigten die parallel zur Predigt im Gottesdienst stattfinden (ein Konzept, das es freilich auch in katholischen Gemeinden gibt) oder halt eben: nichts. Die grundlegende Haltung ist, dass die Kinder sich im Laufe der Jahre schon an die Gebetszeiten oder Gottesdienste gewöhnen würden. Da muss man sich schon die Frage gefallen lassen, wieso wir als einzige glauben, unsere Kinder seien zu blöd für ihre eigene Religion.

The 80s called. They want their youth culture back.

Kommen wir zurück auf die Mittvierzigerin im Altarraum. Sie würde sich selbst als junggeblieben bezeichnen und das ist sie auch. Nämlich geistig in den Achtzigern hängen geblieben. Sie romantisiert den Zeitvertreib ihrer Jugend und glaubt, dass immer noch cool ist, was sie damals cool fand. (Im Zweifelsfall das, was ihre Mitte der Sechziger sozialisierten Betreuer cool fanden). Damit es jeder merkt, nennt sie es auch „cool“. (Es gibt nämlich bekanntlich nichts Cooleres, als zu sagen, dass man cool ist.) Diese Leute lassen wir dann auf eine Generation los, die heimlich zwischen zwei Runden Zeitungsschlagen auf dem Klo ihrem Fuckboy snapchattet.

Keiner kann ernsthaft erwarten, dass Teenager beispielsweise eine Pastoralreferentin – eine Person, die so lame ist, dass sie Theologie studiert hat, aber nicht einmal das gescheit – als Gegenüber auf Augenhöhe geschweige denn als Freundin wahrnehmen. Die gesamte Klatschen-und-Malen-Fraktion mit ihrer Fairtrade-Schokolade und ihren Trekkingsandalen kann schon froh sein, wenn sie als Autorität durchgeht. Und selbst diese Rolle ist man nicht bereit auszufüllen. Nein, den Meinungen der Jugend gegenüber präsentiert man sich butterweich. Konfrontation wird gescheut, Positionen nicht bezogen. Egal wie weit sich der Teenager aus dem Fenster lehnt, man reagiert mit Verständnis. Man ist ja froh, wenn er mitmacht und genau diese unterwürfige Position vermittelt man ihm auch. Wer soll eine Kirche ohne Rückgrat ernst nehmen?

Jedem Teenager, der sich unter diesen Umständen nicht firmen lässt, kann man nur gratulieren: Denn wenigstens beweist er Rückgrat und lässt sich nicht mit Geschenken bestechen. Letztere sind nämlich der Grund, wieso sich Jugendliche diese unwürdige, nach Verzweiflung und Selbstbetrug stinkende Dilettantenshow reinziehen, die wir Firmvorbereitung und -gottesdienst nennen.

Das einzige, wonach sich heutige Generationen sehnen, Authentizität, gibt man ihnen nicht. Und sie selbst können sich diese Authentizität auch nicht zurückholen. Sie wüssten nicht wie, weil sie ja von Kindesbeinen an nie in einem normalen Gottesdienst waren und keiner ihnen beigebracht hat, wie man sich dort verhält, geschweige denn wie so etwas funktioniert.

Wo Kindergottesdienst ist, leiden die Eltern am meisten

Die Religiosität derer, die eigentlich die wichtigste Rolle bei der Sozialisation ihrer Kinder spielen sollten, die der Eltern, wird hingegen nicht im Geringsten angesprochen.

Gerade ihnen sollte man die Teilnahme am Gottesdienst doch erleichtern. Sie könnten ihn ganz bewusst als ihre Erwachsenenzeit etablieren, die Eltern doch oft so dringend brauchen. Aber nein. Sie haben die Wahl: Entweder sie sitzen als einzige mit Kind in einem normalen Gottesdienst und werden ob der unvermeidlichen Lautstärke böse angeguckt, oder sie verbringen die nächsten 17 Jahre damit, religionspädagogische Hits aus den Siebzigern zu den schiefen Klängen der debil grinsenden geriatrischen Jugendband zu singen. Auf mehrstündige Festgottesdienste müssen sie dafür komplett verzichten. Auch hier hilft der Blick in andere Religionen: Charismatische Konfessionen oder Synagogen bieten z.B. für die aufwändigeren Feiertage Kinderbetreuungen an, damit die Eltern auch diese mitfeiern können. Aber wer interessiert sich schon für die Religionsausübung von Erwachsenen?

Gerade hier liegt der Hund begraben. Unsere Religionspädagogik ist geschaffen, um imaginierte Kinder- und Jugendwünsche zu erfüllen und nicht dafür, unsere Kinder und Jugendlichen zu kompetenten, religionsmündigen Erwachsenen zu machen. Sie hält Kinder und Jugendliche gezielt uninformiert und klein, damit sich eine ganze Kaste von pädagogischen Drohnen möglichst lange an ihnen abarbeiten kann.

Wie unzureichend sie das auf ein Leben als Christ vorbereitet, zeigt die gähnende Leere in unseren Kirchenbänken.

Schafft die Kindergottesdienste ab. Und lasst die Kinder wieder in die Gottesdienste.

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Reinhard Marx und TTIP

Mein letzter Blogpost bedarf eines Nachtrags:

Reinhard Marx warnt vor den Folgen eines Abbruchs der Verhandlungen zu TTIP. Ich finde es  schön, dass nicht alle immer nur das Schlechte an den Verhandlungen sehen. Schließlich bedeutet mehr Handel, mehr Gemeinsamkeiten, mehr Verständnis, mehr Frieden. Eine zusammengewachsene Welt, in der allen dieselben, fairen Spielregeln gegeben werden ist eine Welt, in der Chancen weniger davon abhängig sind, auf welchem Flecken Erde man geboren wird.

Auch das it TTIP. Obwohl Reinhard Marx, wie so viele der Wirtschaft eher skeptisch gegenüberstehende Kirchenleute bestimmt Teile des Freihandelsabkommens kritisch sieht, verteufelt er es nicht, sondern sieht es eben auch als eine Chance für Alle.

Und Personen, die so tun, als würden sie mit ihren an Verschwörungstheorien grenzenden eingebildeten Politskandalen auch noch die Interessen der Kirche reflektieren, hat Marx damit klar in ihre Schranken gewiesen. Gelegentlich kommen vom Amt doch die so dringend benötigten Zurechtweisungen.

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Über die seltsamen Prioritäten von Laien

Die Pfarrgemeinde bei mir um die Ecke bewirbt in ihren Schaukästen die Anti-TTIP- und -CETA-Demo im September in München und ich sehe das nicht ein.

Was hat die Vereinbarung von Investorenschutzmaßnahmen, die Abschaffung von Zöllen und die Etablierung gemeinsamer Gesundheits- und Verbraucherschutzstandards im Handel zwischen Kanada, Europa und den USA mit der Kirche zu tun?

Richtig, genau gar nichts, außer, dass die Kirche ein Tummelplatz genau jener antiamerikanischen besorgten Bürger von braun über grün bis dunkelrot, ist, die gegen dieses Abkommen sind. Fragt man sie, wieso sie das sind, dann kommen Geschichten über Chlorhendl, den erhöhten Wettbewerbsdruck auf KMUs, dass die Reichen noch reicher würden (denn, Gott behüte, einem Land kann wirklich nichts Schlimmeres passieren, als dass Leute zu Geld kommen), dass das Abkommen undemokratisch sei (weil repräsentative Demokratie anscheinend ein zu kompliziertes Konzept ist), dass die Schiedsgerichte vollkommen willkürlich Staaten verklagen würden (was sie nicht tun, obwohl es bereits massenhaft Schiedsgerichte gibt) und natürlich dass wir uns damit von den USA noch abhängiger machen würden.

Vereint im Hass auf die USA

Bei letzterem Problem liegt nun der Hund eigentlich begraben. Anti-TTIP und Anti-CETA ist nicht so erfolgreich, weil sich ein Großteil der Bevölkerung plötzlich wahnsinnig für internationalen Handel interessiert, sondern weil es gleich zwei diffus politisch aufgeladene Lager in Deutschland gibt, die einfach einen generellen Rochus auf die USA haben: die Rechten und einige Konservative sind sauer, weil die USA den Ersten und den Zweiten Weltkrieg gewonnen und danach Deutschland auch noch wieder auf die Füße gestellt haben, statt es zu vernichten, so daß man ihnen nicht mal böse sein *darf*. Außerdem mögen sie den internationalen Gestus und Erfolg der Siegermacht nicht – aus genannten Gründen und weil Multikulti, das die Amerikaner schließlich erfunden haben, für diese Kreise ohnehin ein Rotes Tuch ist.

Auf der anderen Seite gibt es das eher linke bzw. grüne Milieu, das den Amerikanern übel nimmt, den Kalten Krieg gewonnen und den Real-Sozialismus so ziemlich von der Platte geputzt zu haben. Außerdem halten sie sich nicht an die Emissionsgrenzen und betreiben weiter Gentechnik im Agrarbereich.

Das alles hat nun, wenn Sie genau aufgepasst haben, nichts mit der Kirche und ihren Werten zu tun, außer ich habe etwas verpasst und das elfte Gebot lautet: Du sollst ein Land Dir erwählen und es irrational mit ganzer Seele hassen und verachten.

Also schrieb ich eine freundliche Email an das Pfarrbüro und erhielt eine Antwort. Vom Diakon, der mir bezeichnenderweise nicht in seiner Funktion als Diakon, sondern als Mitglied von Pax Christi antwortete. Deren Inhalt: der Diözesanrat hätte diesen Aushang empfohlen. Nun schienen aber sämtliche andere Gemeinden Münchens, an denen ich im letzten Monat vorbeigekommen war, diese Empfehlung ignoriert zu haben, unter anderem die meisten Innenstadtkirchen. Vielleicht liegt es daran, dass es in diesen Gemeinden keine so eifrigen Pax-Christi-Mitglieder Diakone und somit am Drücker sind, so dass sie ihre Aktionen über die Pfarrgemeinde abwickeln können. Pax Christi steht nämlich seinerseits auch auf den Plakaten, gemeinsam mit so kirchennahen Vereinigungen wie der Linken, den Piraten und der Humanistischen Union. Aber meines Feindes Feind ist ja mein Freund. Und der Feind ist in dem Fall ein Land, in dem Katholiken unbehelligt leben und glauben können. Ich möchte fast behaupten, in Amerika macht es zur Zeit mehr Spaß, katholisch zu sein, als in Deutschland.

Ist ja nicht so als gäb’s was besseres zu tun

Zeitgleich sieht sich an einer komplett anderen Front die Kirche mit Personen in Verbindung gebracht, welche sich politisch entgegen sämtlicher Werte der Kirche äußern. Die empfehlen, Menschen an der Grenze zu erschießen, auf Inseln auszusetzen und chemisch zu kastrieren. Die aktiv alles daran setzen, unsere demokratische Regierung von innen zu zersetzen. Pegida und Konsorten laufen herum und tragen Kreuze, erklären sich zum „christlichen Abendland“, wissen nicht mal, was eine Parusie ist. Und die christlichen Laien? Die geben zwar gelegentlich anderslautende Meinungen von sich, aber im großen Stil Maßnahmen gegen die rechte Suppe zu ergreifen, das fällt ihnen nicht ein. Pegida lässt an Aschermittwoch Muezzin-Rufe durch die Innenstadt erschallen und die geballte Kraft christlicher Empörung zündet als maximale Reaktion am Gehsteig ein paar Kerzen an. Aber die Aggressivität, Masse und Lautstärke der Anti-TTIP und Anti-CETA-Demos erreichen die Wortmeldungen gegen Pegida nicht.

Die Laienvereinigungen in Deutschland haben schon interessante Prioritäten. Vielleicht liegt es ja daran, dass Anti-TTIP und Anti-CETA alle unter einem Schirm vereinigt. Denn da finden sich AfD, Pax Christi und die Grünen inhaltlich plötzlich in trauter Eintracht.

„Ja, was soll man denn da gegen Pegida auch tun?“, werden jetzt Viele fragen. Möglicherweise das, was bei den Anti-TTIP und Anti-CETA-Demos so einfach fällt: plakatieren, denn die Montags-Demos haben ja bekannte Strecken. Und weil ich mich ja nicht dem Vorwurf aussetzen möchte, ich würde stets nur unkonstruktiv herumkritteln, hätte ich auch ein paar Vorschläge für öffentlichkeitswirksame Plakate:

„Christ werden statt Islam hassen“, „Fronleichnam war hier mehr los“, „Putin rettet niemanden. Jesus rette uns vor Putin.“ und „‚Wer ist bitte diese Pegida?‘ – Jesus von Nazareth“.

Aber das wäre ja wieder provokant und cool und hat tatsächlich etwas mit der Kirche zu tun. Das geht nicht, denn es sind ja deutsche christliche Laienvereine. Da ist man mit wichtigeren Dingen beschäftigt, bei denen man sich wenigstens nur von unseren wirklich problematischen, gefährlichen und gewalttätigen Mitbürgern Kritik einfängt: von Unternehmern und Wirtschaftsliberalen.

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Kirchenlatein

Latein wird innerhalb reformorientierter Bewegungen in der Kirche als eines der Zeichen des verkalkten Geistes der Kirche angesehen. Als Benedikt XVI. versuchte, die Lingua Franca wieder zu stärken, wurde ihm dies als Teil eines reaktionären Kurses ausgelegt. Dabei geht das an dem, was Laien wünschen meilenweit vorbei, das Lateinische Hochamt ist in unserer Gemeinde jedes Mal überdurchschnittlich gut besucht.

In der Religionswissenschaft ist es weit verbreitet, die religiöse Landschaft in Marktbegriffen zu betrachten, Religionen demnach als Anbieter Spiritueller Dienstleistungen. Wie auf jedem Markt gibt es hier Nischen, Corporate Designs, Kundenbindung und z.B. die Idee, dass sogenannte „Alleinstellungsmerkmale“ die Attraktivität eines Anbieters erhöhen.

Die katholische Kirche hat eine Menge äußerst charakteristischer Alleinstellungsmerkmale – nicht umsonst verwechseln Personen mit wenig Erfahrung die katholische Kirche mit dem Christentum allgemein. Das macht sie auch so attraktiv für die mediale Verwurstung: unsere Marke wird mit beeindruckenden Kirchenräumen, schweigsamen, eleganten Herren in Soutanen, freundlichen und nicht-so-freundlichen Nonnen im Pinguindesign, rauschenden Gemeinde- und Volksfesten, strengen Heiligenfiguren und skurrilen Reliquien assoziiert. Und natürlich mit Gläubigen, die Gebete in einer klang- und geheimnisvollen Sprache flüstern. Latein. Latein ist einer der ästhetischen Exportschlager der katholischen Kirche. Latein gilt immer noch als die Sprache der Intellektuellen und wenn in einem noch so billigen Abenteuerschinken ein geheimnisvolles Pergament, eine bedeutungsschwere Inschrift auftaucht, dann ist es auf Latein.

Wer aber die Kirche aufsucht, weil er gezielt jenes zu finden hofft, was nach Meinung der Öffentlichkeit die Kirche ausmacht, der wird bitter enttäuscht: der alltägliche Gläubige sitzt in einer grob verputzten Betongarage, wird dabei angestiert von bis zur Unkenntlichkeit verfremdeten Bronzeklumpen mit Hungerleichenappeal und hört kitschige Verslein auf Deutsch, die in ihrer Nüchternheit und intellektuellen Flachheit genauso gut in einem frommen Büchlein zur Kindererziehung von 1890 stehen könnten. Der Priester schleicht im golddurchwirkten Kartoffelsack auf ausgelatschten Birkenstocks mit graubraunen Wollsocken durch die Bänke und ruft danach die Gemeinde zur gemeinsamen Verkostung der fair gehandelten Haferkleiesuppe mit veganen Tofusaitlingen. Der Unterschied zur evangelischen Kirche nebenan ist nur, dass es dort nach Keller riecht – und dass der Pastor im schwarzen Talar nicht nur mehr Würde, sondern mehr Lebensfreude ausstrahlt.

Die Alleinstellungsmerkmale, genau die, sind es, die seit Jahrzehnten eins nach dem anderen abgeschwächt und abgeschafft werden. Wie das immer-evangelischer-werden die Austritte vermindern soll, obgleich unsere Freunde und Lutheraner ebenso mit Austritten zu kämpfen haben, ist mir ein absolutes Rätsel.

Von einer rein-lateinischen Kirche konnte noch nie die Rede sein

Aber kommen wir speziell zum Thema Latein: die Argumentation zur Abschaffung war ja, dass das näher am Gläubigen ist, dass damit die Liturgie für den Laien leichter zugänglich wird und damit der Elitarismus in der Kirche ein klein wenig reduziert wird. Dummerweise nur sehen das viele Laien ganz anders: sie trauerten dem Latein hinterher, wünschten sich die alte Ästhetik zurück und reiben den neueren Generationen immer noch ihr überlegenes Wissen unter die Nase, sie könnten die Gebete noch „gescheit“. Zugegebenermaßen waren vor der Liturgiereform und dem 2. Vatikanum, teils inoffiziell, bereits einige Erleichterungen eingeführt worden: Predigt, Lesungen und das Evangelium wurden auf Deutsch verlesen. Allerdings gab es bereits seit dem frühen Hochmittelalter (!) Gebete, Predigten, Andachtsbüchlein und sogar Bibeln in Volkssprachen (z.B. auf Alt- und später Mittelhochdeutsch).

Sobald größere Teile von Gemeinden des Lesens mächtig waren, war das zweisprachige Gebetbuch üblich. Im Kommunions-, Firm- und schulischen Religionsunterricht wurde der Inhalt der Liturgie und der lateinischen Gebete vermittelt und zwar nicht erst seit dem 19. Jahrhundert. Wer also wissen wollte, was die lateinischen Texte bedeuten, der hatte alle Möglichkeiten der Welt, es zu erfahren. Ohne Mehrkosten und ohne eine exklusive Ausbildung, die nur den oberen Schichten zugänglich gewesen wäre. Lesen können war von Vorteil, aber das wäre spätestens bei der Reform in den 60ern für die meisten Gläubigen zutreffend gewesen.

Die Argumentation, Latein sende die Botschaft, dass sich die Gläubigen aus der Liturgie herauszuhalten hätten, dass sie ohnehin nichts „verstehen“ könnten und ihnen demnach genauso gut Dichtung auf Mandarin hätte vorlesen können, ist demnach absolut hinfällig.

Meiner Meinung nach stellt die Umstellung auf Volkssprachen eher ein Aufgeben gegenüber einer ganz speziellen Semiotischen Ideologie (man verzeihe das schmutzige Wort, mir fällt kein besseres ein), dar, deren Darlegung ich aber auf ein Andermal verschieben möchte.

Die rituelle Funktion von Latein als liturgischer Sprache

Latein hat viele andere Vorteile: es unterstreicht die Globalität der Kirche – wäre es immer noch die dominante Kirchensprache, dann könnte ich jederzeit in jeden katholischen Gottesdienst auf der Welt gehen und wäre zuhause, das geht bis hin zu einer Translokalität: Gläubige sprechen zur gleichen Zeit die selben Texte wie ich, wir beten tatsächlich zusammen in einer weltumspannenden Kirche für die selbe Sache. Latein unterstreicht die Überzeitlichkeit der Kirche: ich spreche die gleichen Texte, wie meine Großeltern und Urgroßeltern. Ich bin Teil eines einstimmigen, überzeitlichen, weltweiten Chors.

Zeitgleich entsteht durch die nicht direkte Zugänglichkeit der Sprache ein gefühltes Mysterium: wenn es nicht meine Muttersprache ist, dann habe ich an mich gar nicht den Anspruch, die Texte im Moment des Hörens und Sprechens auch verstehen zu müssen. Der Zugang ist kein rein intellektueller sondern auch ein ästhetischer: wenn ich möchte, dann kann ich auch in einer Art religiösen Trance die Ästhetik der Sprache bewundern, ihren Klang schmecken, mich ein bisschen treiben lassen. Latein ist eine heilige Sprache: sie wirkt durch ihr Ausgesprochen-werden, ihre Phoneme (ihre Klänge) haben selbst eine Bedeutung und damit Wirkung, nicht nur ihre Signifikate (also das, was sie bezeichnet), wie es bei der Alltagssprache der Fall ist. Das signalisiert auch, dass gar kein Zwang besteht, immer alles verstehen zu müssen: dass Katholizismus auch bedeutet, Nicht-Verstehen-Können auszuhalten, eben da, wo es an die Glaubensmysterien geht.

Die Texte vor dem Verstehen erst übersetzen zu müssen bedeutet auch, dass es unerlässlich ist, sich mit ihnen näher und genau am Wort auseinanderzusetzen (z.B.: Was heißt „lumen de lumine“? Ist „Licht vom Licht“ die richtige Übersetzung? Welche anderen Lesarten gibt es?). Man wäre im Religionsunterricht gezwungen, tatsächlich nahe an der Liturgie zu arbeiten und sich ernsthaft Gedanken zu all den basalen Glaubensfragen und alternativer Lesarten zu machen, statt der Versuchung zu erliegen, Mandalas auszumalen und dabei Bibelgeschichten zu hören. Die Vielschichtigkeit der Texte wäre präsenter, die theologische Diskussion würde stärker ins Bewusstsein der Laien getragen.

Keine liturgische Sprache zu haben ist kulturgeschichtlich beinahe die Ausnahme

Der Blick in andere Religionen zeigt ähnliche Konzepte. Sei es der Islam, das Judentum, der Hinduismus oder der himmelhoch gelobte Buddhismus: nahezu überall finden wir heilige und/oder liturgische Sprachen, die keiner mehr spricht und die für sakrale Gelegenheiten vorgesehen werden. In vielen dieser Religionen werden die Übersetzungen von Schriften aus diesen Sprachen zu mittelbaren Texten – also Krücken – die gar nicht mehr dieselbe Wirkung erzielen können, wie die Originale. Im Falle der Veden führte das sogar so weit, dass die Sanskrittexte über Jahrhunderte hinweg getreu Buchstabe für Buchstabe auswendig gelernt und tradiert wurden, obwohl kaum einer oder sogar niemand mehr ausreichend Sanskrit beherrschte. Trotzdem umfassen diese Religionen jeweils Millionen von Anhängern und Europäer verzweifeln regelrecht an dem Wunsch, zu ihnen konvertieren zu können. Dass sie dafür die liturgischen Sprachen lernen müssen, nehmen sie nicht zähneknirschend hin sondern sie sind regelrecht begeistert von der Idee.

Wer eine japanische Kampfsportart betreibt schmeißt mit Vergnügen mit Begriffen wie Sensei, Dan, Obi oder Gi um sich, jede Hausfrau summt im Meditationsstudio ihr „om manipatme hum“. Und dann soll Latein Laien-feindlich sein?

Die Verwendung spezifisch religiöser Sprachen hilft, religiöse von alltäglichen Handlungen abzugrenzen, und heilige Bereiche, Texte, Gegenstände zu markieren. Der Sprachwechsel schafft Bedeutung (der Grund für all die englischen und französischen Werbeslogans da draußen), er weckt Neugierde und Identifikation mit der Sprachgruppe. Latein aufgeben oder verringern heißt, ein wichtiges rituelles, soziales und kulturelles Werkzeug für alle Zeit aus der Hand zu geben.

Nein, Latein verdient es, seinen Platz an vorderster Stelle zu behalten und es verdient auch, seinen Platz im Allerheiligsten zurückzubekommen, denn es ist die Sprache, auf der der Katholizismus das Sprechen gelernt hat, es ist die Sprache, für die wir verspottet und bewundert werden. All unsere Lehrer, all unsere Erfahrungen hinterließen ihre Spuren in dieser Sprache, in ihrem Code finden sich Hinweise auf unsere Streitigkeiten, Ungereimtheiten und großen Geheimnisse. Das aufzugeben hieße, all das zu begraben und einer Hand voll Kirchenhistorikern und Theologen zu überlassen. Ihnen den Zugang zu ihrer Geschichte und Tradition zu verwehren, weil man sie für zu dumm hält, die rechte Spalte im Gebetbuch zu lesen, das ist die wahre Ausgrenzung der Laien.

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