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Der „Humanist“ in meinem Newsfeed

Lieber „Humanist“ in meinem Newsfeed,

seit ein Paar Monaten bin ich nun schon mit Dir befreundet. Ich kenne Dich nicht so gut, aber weil Du so fleißig postest, weiß ich schon viel über Dich. Z.B., dass Du denkst, dass Du schlauer bist als ich, weil Du nicht an Gott glaubst und dass Du davon überzeugt bist, dass „Nazi“ schon am konservativen Rande der SPD beginnt. Genau wie ich würdest Du sagen, Du bist „liberal“. Ich verstehe das nicht. Ich dachte immer, Liberalismus steht für Freiheit.

„Die meisten Menschen sind einfach nur noch widerlich.“

hast Du gestern geschrieben.

Solche vagen Facebookposts, die implizieren, dass es einem nicht gut geht, ohne klarzustellen, worum es geht, sind ja eigentlich ohnehin schon als social-Media-inkompetente Vorgehensweise legendär. Natürlich hast Du Leute unter Deinen Freunden, die auf diese aufmerksamkeitsheischende Masche hereinfallen. Warum? Wird gefragt.

„Nichts spezielles. Aber sieh dich einfach mal um und lies die Kommentare unter Medienberichten.“

Ist die Antwort. Oh „Humanist“ in meinem Newsfeed, Du bist so eine besondere Schneeflocke mit Deinen Gefühlen und Träumen und Wünschen. Du willst diese Welt zu einem besseren Ort machen. Du schreibst nämlich nur nette Dinge über Deine Mitmenschen. So teiltest Du alleine in der letzten Woche insgesamt sechs Nachrichten, die als „Strawman argument“ gegen religiöse Menschen dienen sollen. Es handelt sich um Extrembeispiele, größtenteils aus den USA , von Muslimen, Christen oder Juden, die religiös gegen naturwissenschaftliche Überzeugungen angehen, deren Argumente verkürzt und damit zur Lächerlichkeit verzerrt werden oder die Atheisten, Homosexuelle oder Frauen unmenschlich behandeln. Neben den naiven politischen Posts der Marke „alles Nazis außer Mutti“ verbreitest Du also auch noch grob menschenfeindliche Propaganda, beispielsweise dass die Situation chinesischer Katholiken „Säkularisierung“ und damit letztlich wünschenswert sei.

Während Du Dich also über den „wiederlichen“ Ton in der Debatte beschwerst und für mehr Toleranz und Offenheit in der Gesellschaft wirbst, teilst Du auf der anderen Seite Memes des Inhalts,

„Scooby-Doo teaches kids that everything supernatural or otherwordly is just some asshole trying to scare you so they can make some money“

also dass alle religiösen Institutionen mit z.B. alternativen Medizinern und Esoterikanbietern gleichzusetzen, sowie alle nur Arschlöcher sind, die aus der Angst der Menschen Geld machen. Das macht mich traurig, weil ich mir gerne die Freiheit nehmen würde, an einen Gott zu glauben und Du mich aber vor dieser freien Entscheidung schützen möchtest.

Du teilst Posts, in denen Du Dich über den zugegebenermaßen etwas skurrilen orthodoxen jüdischen Brauch lustig machst, zu Jom Kippur ein Huhn über dem Kopf zu schwingen, um es danach als Opfer an die Armen zu geben, den zu kritisieren wohl als antisemitischer Topos gelten kann, nennst Beschneidung ein Verbrechen und prangerst anschließend selbst rechtsradikale Äußerungen an, Juden seien keine Deutschen. Die Rechte von Juden interessieren Dich also nur dann, wenn Du den Antisemitismus Deiner Feinde anprangern kannst. Das ist, am Rande, genau dieselbe Haltung, welche die von Dir mit so viel Leidenschaft verureilte AfD zu ihnen hat.

Du teilst wisseschaftlich-skeptische Beiträge von Stephen Hawking, der aber von der päpstlichen Akademie der Wissenschaften unterstützt wird und machst Witze darüber, dass Erwachsene an Jesus glauben aber nicht an den Nikolaus. Einen Beitrag, der die Einstellung von „Religion“ an sich zur Evolution mit „Kreationismus“ beschreibt. Dann teilst Du einen Post darüber, dass die Leute lieber an einfache Lügen als an komplexe Wahrheiten glauben.

Dass Du möglicherweise selbst eine sehr simple Ansicht von der Gesellschaft hast, in der wir leben, kommt Dir logischerweise nicht in den Sinn, oder dass Du Hass sähst und einen Graben gräbst, wo bisher gar keiner war, nämlich zwischen Wissenschaft und Religion, ganz besonders in Europa. Du möchtest nämlich gar nicht, dass Religion und Wissenschaft koexistieren können. Du möchtest, dass sie sich bekriegen, bis die Religion ausgelöscht wird.

Wenn Du den Religionen vorwirfst, einen Keil zwischen die Menschen zu treiben, die anderen Glaubens sind, aber selbst False-Flag-Posts und grob verletzende Posts über andere Menschen in Deiner Umgebung teilst, weil diese an etwas anderes glauben als Du, wenn Du menschliches Leid nicht ernst nimmst, weil „die falschen“ Menschen leiden, wenn Du inhumane Handlungen von Staaten gut findest, weil sie Deine eigene Ansicht durchsetzen, woher nimmst Du dann auf der anderen Seite Deinen moralischen High-Ground? Wie kannst Du es wagen, Dich als liberal zu bezeichnen?

Lieber „Humanist“ in meinem Facebook-Feed. Ich lausche mit Erstaunen, wie Du Kinderfickerwitze übergangslos mit dem Wunsch nach einer sachlicheren Debatte abwechselst, wie Du alles Jüdische und Muslimische verbieten möchtest, wie Du von einer Gesellschaft träumst, in der es nur Deinesgleichen gibt, aber dann genau das wiederum den rechten Kräften im Land ankreidest.

Vielleicht solltest Du Dir mal von einer Katholikin, die Dir immerzu schweigend gelauscht und sich geduldig beleidigen lassen hat, Nachhilfe in Sachen Liberalität geben lassen.

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Der Katholik als nützlicher Idiot

Je näher die US-Wahlen rücken, desto erstaunlichere Entwicklungen zeigen sich innerhalb der katholischen Stimmen zu eben diesem Thema. Plötzlich ist Hillary Clinton in der katholischen Berichterstattung ein Monstrum, das sich nicht entscheiden kann, ob es lieber erst Kinder oder Kirchen fressen will. Gerade als nicht-amerikanische Katholiken sollten wir darauf achten, wessen Karren wir hier eigentlich ziehen.

Donald Trumps Felle schwimmen davon. Auch, wenn deutsche Linke sich gerne weiterhin einreden wollen, dass die USA tatsächlich den Leibhaftigen auf den Thron eines Landes setzen würden, der für sie das säkulare Äquivalent zur Hölle ist, sieht es momentan nach krachendem Scheitern aus.

Die Katholiken sind Trumps letzte Hoffnung

Wer, fragt er sich, soll ihn jetzt noch wählen? Frauen jedenfalls fallen aus – nur noch ein sehr geringer Teil der Amerikanerinnen ist blöde genug, jemanden zu wählen, der sie für eine Mischung aus Schoßhund und Gummipuppe hält. Auch bei anderen Gruppen mit „spezifischen“ Interessen, also beispielsweise Schwarzen, Immigranten, chronisch Kranken, etc., kann Trump keinen Blumentopf mehr gewinnen. Wäre da noch die eine Gruppe in den USA, um die sich sonst nie einer auch nur das Schwarze unterm Fingernagel schert: die Katholiken.

Katholiken haben einen Ruf als SwingVoters. Auf der einen Seite neigen sie zu konservativeren Ansichten in Themen wie der Außenpolitik, Frauenrechten, Religions- und Familienpolitik, auf der anderen Seite gibt es in den Familien von Polen, Italienern, Iren und Latinos noch so etwas wie ein „Milieu“-Gedächtnis. Dass sie als arme Arbeiter in die USA kamen, ist in der Regel nicht viel mehr als hundert Jahre her. Daher sympathisieren sie ähnlich wie die jüdische Milieus der USA, die aber keine derart große statistische Signifikanz aufweisen, zugleich mit Politikern, die sich eben dieses Arbeitermilieus annehmen und für die Armenvorsorge eintreten und haben ein generelles Misstrauen gegenüber sogenannten WASPs (White Anglosaxon Protestants), denen sie im besten Falle vollkommen Wurst sind. Mit Ausnahme von Kerry und Kennedy haben die Katholiken seit dem Krieg auch keine Gelegenheit mehr bekommen, bei einer Präsidentschaftswahl für etwas anderes als das in Bezug auf ihre Belange kleinere Übel zu stimmen.

Kurz: Katholiken sind der einzige größere Bevölkerungsanteil, bei dem Trump eventuell noch was reißen könnte. Und das versuchen er und seine in- wie ausländischen Unterstützer nun mit aller Macht zu reißen

Catholic Nightmare before Election

Da kommen also – whoopsie – ausgerechnet eine Woche, nachdem Trump auf der 18th Annual Catholic Leadership Conference in Colorado der katholischen Sache, was auch immer er dafür halten mag, seine uneingeschränkte Unterstützung ausgesprochen hat, diese Clinton-Emails auf Wikileaks heraus.

Die katholische Welt dreht voll auf – ganz besonders die deutsche, die sich von diesen Emails deshalb so sehr getroffen fühlt, weil sie ein Ziel formulieren, das für sie in Deutschland schon der gefühlte Ist-Zustand ist. Laienverbände sollen gezielt eingesetzt werden, um die als veraltet dargestellte Moral der Kirche auszuhöhlen. Alte und liebgewonnene Begriffe der katholischen Intellektualität werden verhöhnt. Diese Emails sind geradezu dafür designt, sich tief ins Herz konservativerer Katholiken zu bohren

Vladimir, ick hör dir trapsen

Designt? Schon vor dem Auftauchen jener Emails, die sich auf Katholiken kaprizieren, erklärten die Demokraten, die Emails auf WikiLeaks seien möglicherweise russische Erfindungen. Die russische Regierung, daran lässt sie selbst keinen Zweifel, will Trump als Präsidenten sehen.

Dafür die katholische Kirche zu benutzen bietet für sie gleich mehrere Vorteile: Selbst, wenn die amerikanischen Katholiken sich nicht davon überzeugen lassen, einen protestantischen Frauenversteher von Schrott und Korn wie Trump ins Amt zu wählen, kann man über die Skandale und Skandälchen, die man Hillary Clinton anlastet, das Vertrauen der Katholiken in die amerikanische Regierung weltweit nachhaltig erschüttern.

Die Katholiken verbreiten solche Nachrichten auch noch komplett von selbst, da sie praktischerweise über ein weltumspannendes Mediennetzwerk verfügen. Auf diese Weise greift Russland also nicht nur in den amerikanischen Wahlkampf ein, sondern überzeugt gleichzeitig Millionen von Katholiken, dass die Amerikaner ihre angestammten Feinde seien, obwohl die Russen selbst im eigenen Lande alles tun, um religiösen Minderheiten auf die Füße zu treten.

Dieser Effekt tritt selbst dann ein, wenn diese Emails echt sein sollten. Deutsche Katholiken tendieren auch dazu zu glauben, dass sie in den USA politisch und im generellen Ansehen eine ähnliche Rolle einnähmen wie in Deutschland. Tatsächlich gehen sie aber WASPs, die wie Hillary Clinton auf ein links angehauchtes, mit Frauenrechten und Multikulturalismus beschäftigtes College-Milieu abzielen,  komplett am Arsch vorbei. Wenn Hillary Clinton für Abtreibung ist, dann ist sie nicht gegen die katholische Kirche, sondern für Frauenrechte. Deshalb ist ihre Aussage, sie habe 2003 gegen das Verbot von Teilgeburtsabtreibungen gestimmt, weil die Situation der Frau nicht berücksichtigt worden sei, nicht ausweichend, sondern schlichtweg glaubwürdig. (Und nein: ich gebe ihr nicht Recht. Es geht mir nur darum, dass sie damit nicht gegen die Pro-Life-Bewegung argumentiert, sondern an ihr vorbei). Um gegen die katholische Kirche zu sein, müsste Hillary sich erstmal überhaupt für die katholische Kirche interessieren. Das ist es, was in Verbindung mit ihrer perfekten Abstimmung auf meist ausschließlich intern diskutierte katholische Angstthemen diese Emails so unglaubwürdig macht.

Es stimmt, es gibt keinen Grund für einen Katholiken, Hillary Clinton zu wählen.

Aber Trump? Meint ihr das Ernst? TRUMP?

Aber stellen Sie sich mal vor, der große Retter und Beschützer der ungeborenen Kinder, Donald Trump, würde mit einer Nicht-Ivana-Frau schlafen und ihr ein Kind machen. Denken Sie ernsthaft, er würde ihr dann sagen, dieses Kind sei ein Geschenk Gottes, das sie aufziehen müsse und das er lieben werde?

Kaum. Aber er sähe kein Problem damit, sie nach erfolgter Abtreibung dafür auch noch ins Gefängnis zu stecken.

Trump ist nicht Pro-Life oder für die Katholiken, er ist kein starker Beschützer vor dem Islamismus oder ein Verbündeter Deutschlands. Trump ist Pro-Trump, er ist ein Beschützer Trumps und ein Verbündeter Trumps. Moral ist keine Kategorie für ihn.

Ein solches Individuum unterstützt jeder Katholik, der Hillarys „Vergehen“ aufbläst.

Nicht nur das: er unterstützt auch Vladimir Putin und seinen Staat, in welchem es Katholiken hundertmal dreckiger geht als in den USA. Als nicht-amerikanische Katholiken sollten wir über den Tellerrand amerikanischer Innenpolitik hinwegsehen und verstehen, dass wir in den USA einen Verbündeten haben, der uns weltweit schützen kann.

Wer sich so sehr austricksen lässt, dass er vor Abtreibungskliniken in den USA mehr Angst hat als vor Tyrannen wie Putin, Assad und Erdogan, wer eine politische Destabilisierung eines der für Katholiken bei allen Problemen immer noch bequemsten Länder dieser Erde in Kauf nimmt, weil er sich persönlich von einer Präsidentschaftskandidatin beleidigt fühlt, der ist kurzsichtig.

Und ein nützlicher Idiot.

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Männer, die beim Fußball nerven

Es ist so sicher wie das Amen in der Kirche. Kaum steigt ein größeres Fußballereignis, schon kräht er von allen Dächern: der Salon-Sexismus. Sei es das rituelle „HAHAH FRAUEN BEIM FUßBALL JETZT HABT DOCH MAL HUMOR MÄDELS“ oder die Kritiker von Claudia Neumann die „ganz neutral betrachten“ und „jetzt unabhängig davon, dass sie eine Frau ist“ an allem was sie tut etwas auszusetzen haben. Da sind mir die „FRAUEN RAUS VON FUSSBAL IS MÄNNERSACKE“-Typen schon fast lieber. Die geben wenigstens offen zu, dass sie Würstchen sind.

Aber liebe Männer, im Gegensatz zu uns Frauen habt ihr schließlich Humor und müsst Euch nicht über die harmlosen, klischeehaften Witze aufregen, die wir über Euch machen. Und Anlass gibt es da genug. Wisst Ihr eigentlich, wie unerträglich es ist, mit Euch Fußball zu gucken? Eine Typologie der fünf Männer, mit denen keiner Fußball gucken will. Nicht mal Männer.

  1. Der ehrenamtliche Co-Trainer

Dieses Exemplar, das vor maskuliner Fußballerfahrung nur so strotzt, hat den größten… äh, die größte Ahnung von allen.

Bundestrainer copy

 

„Özil raus“. Die Schlachtrufe des Co-Traines sind selten als solche zu erkennen.

 

Er kennt die Spieler besser als Jogi persönlich und ereifert sich das gesamte Spiel über die diversen Fehlbesetzungen – inklusive des Bundestrainers selbst. Das Ganze hat nicht so dringend etwas mit einer angeregten Diskussion zu tun, denn dafür müsste ihm ja jemand antworten. Tut aber keiner, weil die anderen eigentlich nur das Spiel gucken wollen. Das Schweigen nimmt er konsequent als Zustimmung beziehungsweise als Zugeständnis derer, die selber keine Ahnung haben, wahr.

Wenn er zusieht, dann gewinnt sowieso keiner – er selbst nicht, denn nach einem gewonnenen Spiel muss er heraus-analysieren, wieso seine Mannschaft falsch gesiegt hat, und auch die Anderen nicht, die sich nur mit viel Mühe zurückhalten konnten, ihn nicht zu lynchen.

 Quizzmaster

2. Der Quizmaster

Dieser Typ hat es sich zur Aufgabe gemacht, die Fankultur des Fußballs rein zu halten und zwar von allen Personen, die keine so harten Fans sind, wie er. Sein Profiling ist klar: Vor allem Frauen stehen unter dem Verdacht, „Erfolgs-“, „Saison-“ oder „Mitläuferfans“ zu sein. Um dies zu überprüfen gibt es nur einen Weg: Quiz. Also stellt er an anwesende weibliche Wesen, die sich seiner Meinung nach zu gewagt (also überhaupt) über den Spielverlauf geäußert haben, diverse Fragen, mit denen sie ihr Fußballwissen unter Beweis stellen können. Sollen. Müssen. Als wäre das nicht schon entwürdigend genug, kann er damit natürlich selbst dann nicht aufhören, wenn die ins Auge gefasste Frau einfachere Fragen beantworten kann, z.B., was die 3-Punkte-Regel, Abseits oder Handspiel ist und wann ein Elfmeter gegeben wird. Das würde ja eigentlich schon ausreichen, um ein Fußballspiel zu verfolgen, aber jetzt kann auch nicht mehr aufgegeben werden. Er stellt lieber immer absurdere Fragen („Wenn Du so schlau bist, dann weißt Du sicher auch, wer zweiter Torhüter war, als 1980 die DDR olympisches Silber gewonnen hat.“), um dann bei Nichtbeantwortung mit einem lauten „HA!“, erleichtert in sein bestätigtes Weltbild zurückzusinken. Anwesende männliche Saisonfans halten natürlich betreten die Klappe und sind froh, dass sie nicht ausgefragt werden.

Mit diesen Mitteln schafft es der Quizmaster, das Spiel für alle Anwesenden zu einer unangenehmen Situation zu machen. Und das ist bei Fußball schließlich das allerwichtigste.

3. Der Scheiß-egal-ich-bin-dabei-Typ

Proll

 

„Helene sieh dein Hösschen ausss, Schaalal ala!“ Seine Freunde schätzen ihn für seinen Charme und Witz.

 

Dieser Typ steht mit 1,4 Promille daneben, während der Quizmaster seine Fragen stellt und versucht mit Sabber am Kinn die Situation zu entspannen: „Lassdochmalseeeeein, Mädschen. Du paggstes einfach nisch!“

Er selbst hat natürlich ebenfalls höchst marginales Fußballwissen, weil für ihn Fußball eine soziale Situation ist und keine Sportart, die er ernsthaft verfolgt. Seit er zwölf ist, zieht er bei der Fußballliebe seiner Buddies mit, weil es da Freibier und Kollegialität gibt. Er ist meistens ein reichlich simpler Geist, den Frauen bei Fußballveranstaltungen eher deshalb stören, weil er denkt, dass sie ihn für sein rüpelhaftes Gehabe heimlich verurteilen. Die Essenz eines Fußballspiels ist es für ihn, sich zuzulöten, bis er nicht mehr stehen kann und kein schlechtes Gewissen mehr hat, Fangesänge widerwärtigsten Inhalts von sich zu geben („FC Bayern Judenclub“ oder ähnliches) oder mit der Begeisterung eines Vierjährigen gegen alles zu bieseln, das sich nicht schnell genug wegbewegt. Wenn er damit fertig ist, kriecht er um 3 Uhr morgens mit einer Ordnungsstrafe, Erbrochenem und Urin bedeckt zu seiner Freundin unter die Bettdecke, über die er sich beim Frühstück lustig macht, weil sie gestern Abend bei einem Dirty Martini mit ihren Kolleginnen einen Grey’s-Anatomy-Marathon gemacht hat. Das ist nämlich echt lächerlich im Vergleich zu seiner würdevollen Tagesgestaltung.

4. Der rassistische Generalisierer

Eine Fußball-EM oder -WM bietet reichlich Gelegenheit, seine gesammelten Klischees am

Nationalist

 

„Schigt die Neeeega surügg in den Busch“. Dass man die eigene Mannschaft anfeuern kann, ohne die andere rassistisch zu beleidigen ist eine meiner vielen Falschannahmen zum Thema Fußball.

 

lebenden Objekt auszuprobieren. Dabei gibt es die ein oder andere Idee, derer wir uns alle irgendwie schuldig machen, die aber auch tatsächlich etwas mit den Spielkulturen in den jeweiligen Ländern zu tun hat (z.B. dass südeuropäische Mannschaften Schwalben für ein vollkommen legitimes technisches Element halten). Das gehört ja auch irgendwie dazu und ist, so lange es auf der Ebene des Fußballs bleibt, eher unterhaltsam. Man schenkt sich in der Regel dabei auch nichts. Problematisch wird es dann, wenn jemand der Meinung ist, er müsse aus der Spielweise der gegnerischen Mannschaft deren Volksseele extrapolieren und alle anderen mit einem Vortrag hierüber erfreuen.

Ist der Schiedsrichter ein Grieche, kriegen wir erzählt, dass sie ihm an der Akropolis seinen Selfie-Stick geklaut haben und die Griechen alle hinterhältige Betrüger sind. Besteht die französische Mannschaft hauptsächlich aus dunkelhäutigen Spieler, erfolgt ein Vortrag darüber, dass das unfair sei, dass die Mannschaft bei der EM antritt, weil der Neger an sich ja schneller laufe als der Weiße und dass angesichts dieser Ausländerquote die Anschläge von Paris keine Überraschung seien. Natürlich gibt es auch Frauen mit solchen Meinungen, nur trauen sich die meisten Frauen aus gutem Grund eher selten, ganze 90 Minuten Spiel durchzulabern. Würde ich gerne mit wildfremden Primitivlingen über Politik reden, dann ginge ich zu Public Viewing von Anne Will. Aber die gibt es komischerweise nicht.

5. Der Sozialanalyst

Der Sozialanalyst lässt zu jedem Moment durchblicken, dass

Sozialkritiker

 

„Es ist schon echt schade, dass eine Sportart mit derart homoerotischen Anklängen immernoch so homophob ist.“ Der Sozialanalyst weiß, wie man sich amüsiert.

 

er diese ganze Fußballgeschichte mit einer gewissen ironischen Distanz mitmacht. Er vertritt einen post-maskulinen, post-nationalistischen und dem Wettbewerbsgedanken gegenüber kritischen Standpunkt. Für ihn ist Fußball ein faszinierendes soziales Phänomen, dem er nur beiwohnt, weil er die Gesellschaft beobachten möchte, von dem er aber weiß, dass es Rassismus, Sexismus und Ableismus fördert und dessen Kollektivitätsgedanke ihn total abstößt.

Er sitzt mit einer nicht-alkoholischen aktuellen Trendbrause an der Wand und versucht verzweifelt, die Begeisterung des nicht-postkolonialistischen Achtjährigen, der sich irgendwo tief in ihm drin über den Einzug ins Halbfinale freut, zu unterdrücken. In der Halbzeit möchte er Leute in ein Gespräch darüber verwickeln, wie schade es ist, dass im Fußball alles mit Kriegsmetaphern ausgedrückt werden muss und wie sehr in die ganze Kommerzialisierung des Fußballbetriebs ankotzt. Anwesenden Frauen wirft er gerne mitleidig-verständnisvolle Blicke zu. Seine Solidaritätsbekundungen lassen dabei mehr als nur durchblicken, dass auch er sie immer noch als Fremdkörper wahrnimmt. Seiner Meinung nach sollten sie diesen sexistischen Betrieb eigentlich boykottieren und lieber den Frauenfußball unterstützen. Da stören sie ihn nämlich auch nicht damit, dass ihnen seine sozialkritische Perspektive scheißegal ist.

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Schluss mit dem Kinderficker-Mythos

Nach langer Zeit hat mich ein Erlebnis wieder so bewegt, dass ich darüber schreiben möchte.

Ich saß in gemütlicher Runde zum Abendessen, als plötzlich die Frage aufkam, was ein Ministrant sei. Noch bevor ich antworten konnte, kam die lakonische Antwort, das seien die Buben die am Altar stehen und die der Priester sich, wenn er Lust habe, nehmen könne.

Leider konnte ich nicht rechtzeitig reagieren, denn diese Aussage kam so plötzlich daher, wie sie wieder verschwand. Die Diskussion brandete einfach darüber hinweg, niemand war betroffen (und es wussten auch nur zwei Leute am Tisch, dass eine Katholikin anwesend war).

In den Jahren nach dem Missbrauchsskandal waren die Faschingssendungen voll mit Katholische-Priester-sind-Kinderficker-Witzen. Inzwischen ist der Witz nicht nur den Faschingssendungen entwachsen, er ist auch dem Witz entwachsen. Er ist zu einer Trope, einer Redensart geworden, die wiederspruchlos akzeptiert wird. Auch von Leuten, die sonst Aussagen mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit nicht akzeptieren.

Leider akzeptieren auch wir Katholiken diese Witzeleien viel zu oft. Dabei gibt es mehrere gute Gründe, wieso wir uns entschieden gegen sie wenden sollten, wieso wir uns gegenüber diesem Problem sensibilisieren sollten. Eine grundsätzliche Einlassung zum Thema Kinderfickerwitze.

  1. Der Witz verschiebt die Schuldfrage weg von den Tätern hin zum System – Eltern und manchmal sogar Opfer erhalten somit die Mitschuld

Vielen dieser Aussagen ist die diffuse Vorstellung gemein, dass das System Kirche Pädophilie fördere. Entweder, weil Zölibat und angebliche Prüderie dazu führen, dass Männer sich aus sexueller Frustration heraus an Kindern vergehen und Eltern bzw. Kinder zu verschämt sind, um über dieses Thema zu sprechen, oder, weil das System (ob unfreiwillig oder freiwillig) Pädophilen ein sicheres Versteck und im Zweifelsfall Schutz biete, weil es deren Taten unter den Tisch kehre.

Gemein ist diesen Ansätzen die Vorstellung, die Kirche bedinge, fördere und schütze die Misshandlung von Kindern strukturell. Die eigentlichen Täter, die Männer, die sich an den Kindern vergehen, haben somit keine andere Wahl, sie sind selbst Teil oder Opfer dieses Systems. Die Eltern hingegen sind diejenigen, die ihre Kinder diesem grausamen System aussetzen und sie aufgrund ihrer Indoktrination quasi den Priestern zur Befriedigung zur Verfügung stellen und dann auch noch die Taten vertuschen wollen. Betroffene Kinder sind zwar freilich Opfer, aber der Theorie nach wachsen sie ja, werden sie nicht rechtzeitig „da rausgeholt“, in der Kirche auf und setzen dann selbst ihre Kinder dem Missbrauch aus.

Diese Vorstellungsblase ist letztlich auch unmenschlich gegenüber den Eltern: Katholische Eltern sind Ungeheuer, die den Missbrauch ihrer Kinder gutheißen. Sie sind so indoktriniert, dass sie ihre Kinder nicht richtig lieben können. Die allermeisten Eltern werden aber in Wirklichkeit entsetzt und betroffen darüber gewesen sein, was ihren Kindern angetan wurde. Oft wird ins Feld geführt, sie hätten den Kindern nicht geglaubt, oder die Vorfälle verschweigen wollen, um den Priester zu schützen. Diese Mechanismen sind aber nicht exklusiv den Missbrauchsfällen in der Kirche vorbehalten. Gerade im allerhäufigsten Szenario für sexuellen Missbrauch, nämlich innerhalb der eigenen Familie, ist es nicht minder üblich, dass Eltern versuchen, die Täter zu schützen, welche sie lieben, schätzen und von denen sie sich nicht vorstellen können, dass sie solcher Monstrositäten fähig sind.

Dem System Kirche und somit auch den Eltern die Schuld an den Missbrauchsfällen zuzuschieben aber verlegt den Fokus ungut von den Tätern selbst fort. Es gibt keine Entschuldigung für einen Menschen, sich so an einem Kind zu vergehen, das ihm anvertraut wurde. Weder sexuelle Frustration, noch angebliche kirchliche Prüderie oder die Behauptung, die Täter wüssten, dass die Kirche sie damit schon davon kommen ließe, heben die Fähigkeit eines Menschen auf, sich willentlich zu entscheiden, Böses zu tun. Dass der sexuelle Missbrauch von Kindern böse ist, das hat die Kirche bereits vor den Missbrauchsfällen offen gelehrt und vertreten.

Es ist wichtig, solche Priester als echte Täter zu betrachten, weil bei ihnen die echte Schuld ist. Niemand hat sie zu ihren Taten gezwungen, die Kirche nicht, die Eltern nicht und ganz bestimmt nicht die Opfer.

  1. Es handelt sich um die systematische Diskriminierung sexuell inaktiver Menschen

Kehren wir zu einem der Argumente aus Punkt eins zurück, nämlich, dass der Missbrauch von Kindern eine Folge des Zölibats sei.

Themen, bei denen man über die Penisse religiöser Menschen reden kann, sind ja unglaublich beliebt. Von der Beschneidungsdebatte über die Vielehe bei den Mormonen bis hin eben zum Zölibat ist das nach wie vor ein echter Hit. Gekreuzt wird das mit dem aktuellen Zustand, dass die sexuelle Befreiung dem Sex zwar auf der einen Seite das Schmuddel-Image entzogen hat (zumindest behauptet sie das gerne von sich selbst), auf der anderen Seite aber somit Nicht-Sex als ungesund und prinzipiell verdächtig wahrgenommen wird. Man braucht nur den ein oder anderen Tatort mit katholischem Priester anzusehen, um zu begreifen dass einer, der sich freiwillig entscheidet, auf sein Sexualleben zu verzichten, nicht ganz dicht sein kann.

Vorurteile, die früher nur Homosexuellen entgegenschlugen, tauchen jetzt plötzlich wieder gegen Personen auf, die keinen Geschlechtsverkehr haben. Sie sind effeminiert, bzw. bei Frauen: maskulinisiert, in ihrer Kindheit sexuell traumatisiert worden, sie haben schlechte Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gemacht/sind für dieses zu unattraktiv, oder/und sie sind in Wirklichkeit heimlich pädophil. Weniger progressiven Menschen ist es ja auch nicht zufällig ein besonderes Fußbad, Gerüchte darüber zu streuen, dass die meisten Priester schwul seien. Ich wage jetzt aber mal die Aussage, dass die „progressivere“ Variante, diese alte, hässliche Fratze der Homophobie jetzt einfach Asexuellen und freiwillig enthaltsam lebenden Menschen zuzuwenden, kein Deut besser ist.

Es ist gut, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der sexuelle „Devianz“ mehr und mehr akzeptiert wird. Homosexualität wird allmählich als natürlich gegebener Teil der menschlichen Verhaltenspallette anerkannt und nicht mehr gesellschaftlich sanktioniert. Es müsste doch auch möglich sein, dieselbe Akzeptanz Menschen entgegen zu bringen, deren Lebensentwurf oder sexuelle Neigung eben im Verzicht auf Sex liegt.

  1. Es verzerrt die Realität des sexuellen Missbrauchs und es zerstört Kindheitskulturen

Kindesmissbrauch ist definitiv kein primär kirchliches Problemthema. Am allerhäufigsten findet er im direkten Umfeld der Familie statt. Wäre das Fernhalten der Kinder von Risikosituationen ein sinnvoller Weg zur Prävention von sexuellem Missbrauch, dann müssten Eltern sie weniger von der Kirche fernhalten, als viel mehr von sich selbst, ihren Verwandten und engen Familienfreunden. Sexueller Missbrauch findet in Sportvereinen und Schulen statt, bei den Pfadfindern und in den Häusern von Spielkameraden, durch Männer und durch Frauen. Es ist falsch, Eltern das Gefühl zu geben, dass das Fernhalten ihrer Kinder von der Kirche, vom Sportverein, von fremden (männlichen) Erwachsenen diese vor Missbrauch schütze. Es ist falsch, Eltern das Gefühl zu geben, dass es überhaupt ihre Schuld sei, wenn sie ihr Kind unwissentlich irgendwo sexuellem Missbrauch ausgesetzt haben. Im Gegenteil: die Vorstellung, dass man sich nur genug einschränken muss, damit man Missbrauch vermeidet, verunsichert Kinder und Eltern. Unsichere Kinder hingegen sind leichtere Beute für Kinderschänder. Sie sind leicht zu beeinflussen und neigen dazu, sich selbst die Schuld zu geben, zu schweigen, sich nicht zu wehren.

Wer seine Kinder vor Kindesmissbrauch schützen will, sollte ihnen keine Angst vor Priestern, Sportlehrern oder dunklen Gebüschen einreden, sondern sie stärken, selbstbewusst machen und ihnen das Gefühl geben, auf ihrer Seite zu sein.

Der Schaden, den die omnipräsente Angst vor Kindesmissbrauch angerichtet hat – nicht nur in der Kirche – ist hingegen beachtlich. Viele Männer trauen sich nicht mehr, mit ihren eigenen oder fremden Kindern natürlich umzugehen. Sie fühlen sich unter Generalverdacht oder Beobachtung. Bei einem Vater, der seinem Sohn auf dem Spielplatz Klimmzüge beibringt, sieht die Gesellschaft ganz genau hin.

Einer unserer Pfarrer schlief bei einer Firm-Fahrt im Liegewagen nicht mit uns im Sechserabteil, sondern auf dem Flur – ein anderer musste beim Ministrantenwochenende bei 35 Grad im Schatten voll bekleidet am Ufer des Badesees auf uns warten, um sich vor Anschuldigungen zu schützen.

Auf der einen Seite ist es gut, dass unsere Gesellschaft ein Auge auf ihre Kinder hat. Die Art, wie sie es tut, ist aber wenig effektiv und sie entzieht dabei den Kindern die so wichtigen männlichen Bezugspersonen. Sportlehrer, Väter, Pfarrer, Lehrer, Onkel, Kindergärtner. Hinter den ach so harmlosen Kinderschänderwitzen steht ein komplexes Geflecht tiefster Verachtung von Menschen mit einem bestimmten Geschlecht, einer bestimmten Religion und einem bestimmten sexuellen Lebensstil. Das Männerbild, das Kinder bekommen, wenn sie in so einem giftigen Milieu aufwachsen, kann nur verheerend sein. Darunter leiden ganz gewisse alle. Nicht nur Priester

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche, Medien - Kritik und Empfehlungen, Zu allgemeiner Religionskritik

Das Innen-Außen-Problem

Viele Religionen die ein Problem mit der Vermittlung ihrer Position nach Außen haben, haben in Wirklichkeit ein anderes Problem: sie verwechseln konsequent ihre internen und externen Konflikte miteinander und liefern damit versehentlich den falschen Personen die richtigen Argumente

Der IS und der Islam

Ein gutes Beispiel dafür ist z.B. ein Phänomen, das ich seit Monaten auf den Facebook-Pinnwänden meiner muslimischen Freunde und Kommilitonen beobachten kann: Videos sowie Bilder- und Textposts, die zusammengefasst die Aussage tragen, IS oder wie auch immer die Kollegen sich gerade genau nennen, sei nicht muslimisch, ihre Taten seien nicht muslimisch und die Anhänger verstießen gegen den Islam.

In der internen Logik ist dies ganz klar eine Ausgrenzungshaltung: man signalisiert damit den Tätern, dass man sie nicht nur in den eigenen Reihen nicht möchte, sondern sie haben sich quasi durch ihre Vergehen selbst exkommunizieren und es ist eine klare Ansage an andere Muslime, die sich in der internen Diskussion nicht ausreichend vom IS distanzieren. Das funktioniert mit dem Christentum genauso: Jemandem, der seine Frau betrügt, seine Kinder schlägt und vom Verkauf von unter unmenschlichen Bedingungen in Indien gefertigten Shirts für 1,50€ das Stück lebt, dem würde so mancher auch gerne sagen, er sei kein Christ.

Aber bei der Aussage, dass der IS nicht zum Islam gehöre entwickelt sich ein ganz eigenes Dilemma: Außenstehende greifen solche Argumente auf und bringen sie in den falschen Zusammenhang. Selbsternannte Islamexperten und Integrationsromantiker sagen nämlich ebenfalls, IS habe nichts mit dem Islam zu tun, meinen damit aber, dass es unfair sei in Deutschland lebende Muslime in irgendeiner Form damit in Verbindung zu bringen und sei es nur dahingehend, von ihnen gewisse Präventionsmaßnahmen im Hinblick auf den eigenen Nachwuchs zu erwarten.

Natürlich ist der IS Kilometer weit entfernt von dem, was verantwortungsbewusste Imame in irgendeiner Moschee auf der Welt predigen. Aber das ändert nun mal überhaupt nichts daran, dass der IS eine sich aus dem Islam ideell und personell speisende Bewegung ist. Daher wird sich auf die Dauer die Radikalisierung von muslimischen Jugendlichen – und das überall – eben auch nur durch Maßnahmen in und von den muslimischen Gemeinden reduzieren lassen, wie es eben teilweise auch schon geschieht.

„ISIS gehört nicht zum Islam, daher werden wir alles versuchen zu verhindern, dass sie den Namen des Propheten und unsere Kinder für ihre Taten missbrauchen.“, ist daher eine Variante dieses Statements, die man so auch von verschiedenen in der Öffentlichkeit stehenden Muslimen hören kann.

Aber leider bildete sich über die vorab geschilderte Rezeption durch selbsternannte Freunde des Islam die Variante „ ISIS gehört nicht zum Islam“, mit dem unausgesprochenen Subtext: „Deshalb brauchen wir uns auch nicht zu rechtfertigen oder gar irgendetwas dagegen zu tun, und wer mir damit kommt, ist ein Rassist.“ Und die ist einfach nur eine lahme Entschuldigung.

Wer es ohnehin zum Ziel hat, dem Islam ans Bein zu pinkeln, findet in der Aussage ebenso seinen Ansatzpunkt, indem er es prinzipiell als ein Statement auffasst, hinter dem sich der Muslim an sich verstecke, der IS heimlich bewundere. Die Trope ist somit gleich zweifach nach hinten losgegangen.

Natürlich werden die muslimischen Gemeinden im Westen nicht alleine in der Lage sein, den Terror zu beenden und ganz gewiss sind sie auch nicht, oder zumindest nicht vollständig, schuld daran. Jedoch sind sie in der Position, an der Grundlage zu arbeiten und etwas zu ändern. Sie dabei zu ermutigen und notfalls auch zu ermahnen muss im Rahmen einer pluralistischen Gesellschaft möglich sein, jedoch brauchen sie, gerade sie, deren Verwandte und Kinder selbst am allermeisten unter dem islamischen Staat zu leiden haben, kaum jemanden, der ihnen dessen Brutalität andauernd unter die Nase reibt.

Die katholische Kirche als Spielplatz für Religionskritiker

Aber betrachten wir weitere Beispiele für die Vermischung interner Diskussionen mit externer Selbstdarstellung. Die katholische Kirche ist reich daran, es gibt wohl kaum ein internes Problem der Kirche, das nicht genüsslich von Außenstehenden ausgewalzt wurde, selbst wenn es diesen vollkommen schnurzepieps egal sein kann, da es wirklich nur Katholiken – oder gar einen Teil davon – betrifft. Da sind zum Beispiel die ganzen Humanisten die sich über die Unmenschlichkeit des Zölibats aufregen, oder die Kollegen, die sich mit dem Limburger Bischof in seine schöne neue, sündhaft teure Badewanne legen wollten, um uns unsere plötzlich wiederentdeckten christlichen Moralvorstellungen vorzuhalten.

Nur: Wenn Katholizismuskritiker Katholiken Probleme unter die Nase reiben, mit denen dieselben gerade intern ringen, dann stehen die Katholiken – im übrigen genau wie Muslime, wenn sie mit ISIS konfrontiert werden – in einer Zwickmühle: Sollen sie nun ihre Religion verteidigen, mit der sie sich identifizieren und die ihr Leben erfüllt, oder sollen sie darüber aufklären, dass man sich des Problems bewusst ist und dass sie durchaus mit dem Kritiker in Teilen übereinstimmen? Das Ergebnis ist dann meist ein ziemlich unguter Mischmasch, leicht angreifbar und nach Belieben in die eine oder andere Richtung zitierbar.

Denn weder der Islam noch der Katholizismus haben in den letzten Jahrhunderten ausreichend Übung darin gewinnen können, sich in einer Gesellschaft mit einer pluralistischen Öffentlichkeit zu bewegen, vor allem nicht in einer, die zahlreiche ihnen vom Prinzip her feindselig gesinnte Personen umfasst.

Das leidige Thema Israel

Das Judentum hingegen hat diese Übung sehr wohl und musste zusätzlich aus den mehr als nur schlechten Erfahrungen von Jahrtausenden und besonders der letzten Jahrhunderte – gerade im Antisemitismus des 19. und 20. Jahrhundert gab es einen regen Ideenaustausch mit der innerjüdischen Diskussion – lernen, dass man seine inneren Streitigkeiten besser unter sich ausmacht. Hierbei gibt es jedoch heutzutage eine unrühmliche Ausnahme, den Zionismus nämlich. Immer öfter kann man beobachten, dass einige israelische, aber auch nicht-israelische Juden sich von verschiedenen, zumeist nichtjüdischen antizionistischen Bewegungen als Kronzeugen vor ihren Karren spannen lassen – und zwar selbst dann, wenn es dort nicht beim Antizionismus bleibt (falls man Antisemitismus und Antizionismus überhaupt sauber trennen kann). Denn zwischen den weltanschaulichen, religiösen oder rein praktischen Gründen, aus denen Israelis und bzw. oder Juden den israelischen Staat grundsätzlich oder nur teilweise kritisieren, auf der einen Seite und Einstellungen vom Format „Israel ist ein Schandfleck auf der Landkarte und nur noch durch die Atombombe in Ordnung zu bringen“ auf der anderen besteht dann doch ein feiner Unterschied.

Während Mitglieder ihre eigene Religion durchaus differenzierter und mit einem Blick für die Umsetzung in der Praxis kritisieren, formen, verhandeln, werden sie von außen, bisweilen sogar absichtlich, missverstanden und für eine Sache vereinnahmt, der sie so gar nicht zustimmen können.

Die Obrigkeiten, die sich über dieses Problem oft wesentlich genauer im Klaren sind als die gelegentlich hoch schädlichen Einzelakteure im öffentlichen Diskurs (ich schaue da niemand Bestimmtes an, Frau Uta Johanna Ingrid Ranke-Heinemann), neigen dazu, auf das Problem zu reagieren, indem sie sich der Kritik von außen so gut wie möglich verschließen und immer nur dieselbe, konventionalisierte Version verbreiten. Aber auch das ist auf die Dauer nicht immer hilfreich, weil man dann als „vernagelt“ und „nicht kritikfähig“ abgestempelt wird.

Nicht zuletzt darf man sich der Kritik von Außenstehenden nicht vollkommen verschließen, da diese manchmal einen genaueren Blick für Probleme haben, die man im Betrieb selbst gar nicht so wahrgenommen hat.Wehrlose Opfer müssen möglicherweise von Außenstehenden unterstützt und zu ihrem Recht gebracht werden. Aber allzu oft sind es gar keine „wehrlosen Opfer“, derer man sich annimmt, noch viel öfter aber sind die Opfer vollkommen uninteressant im Vergleich zu der jeweiligen „Täterorganisation“, die man mit Legitimation der Opfer kritisieren kann.

Denn wer sich z.B. tatsächlich für die Sicherheit von Kindern vor sexuellen Übergriffen einsetzen möchte, der könnte auch gegen den Kontakt mit männlichen Verwandten jeglicher Art wettern und das mit einer wesentlich größeren statistischen Berechtigung. Wem die Menschenrechte der palästinensischen Bevölkerung so sehr am Herzen liegen, der könnte bei den Verbrechen der Hamas anfangen, und wer wirklich die Situation von Frauen verbessern möchte, dem böte sich die Möglichkeit zur Mitarbeit in diversen Frauenorganisationen an, die sowohl Frauen mit als auch ohne Kopftuch vor manipulativen und gewalttätigen Ehemännern, Vätern und Brüdern schützen.

Schon allein deshalb, weil sich die Kritiker oft für das eigentliche Problem einen feuchten Kehricht interessieren, sollte man es sich als „Insider“ dreimal überlegen, ob man sich mit solchen Leuten abgeben möchte, ohne dabei freilich vorhandene Probleme zu leugnen.

Das ist ein absurd schmaler Grad, der oft überhaupt nicht zu beschreiten ist, so sehr wird an beiden Seiten gezerrt.

Vielleicht sollte man als in die Kritik geratene religiöse Person, möglicherweise sogar als „Opfer“ öfter mal mit der Gegenfrage reagieren: Und was geht Sie das an? Wieso ist das Ihr Problem? Glauben Sie wirklich, auf die Hilfe von jemandem wie Ihnen haben wir gewartet?

Wir zahlen unsere Badewannen schließlich selbst!

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Wer hat Angst vor der Bärtigen Lady?

Eine Verteidigungsrede für Conchita Wurst und wieso ich sie kein bisschen widerlich finde.

Okay, der Name ist vielleicht doch ein bisschen widerlich, aber das ändert nichts an einem Faktum: seit ich Conchita Wurst das erste Mal sah, war ich in sie verliebt und zwar auf die Weise, auf die man in einen Popsong verliebt ist oder in eine Comicfigur, also auf die Weise, die ihr in meinen Augen eigentlich gerecht wird.

Ich habe mich dagegen sogar ein bisschen gewehrt, denn ab der Sekunde, in der sie erfolgreich war wurde sie für die Zwecke verschiedenster Gruppen benutzt: Die Vertreter der Rechte für Homosexuelle feierten ihren Sieg als Zeichen dessen, dass sie mit ihrem Anliegen in der Mitte der Gesellschaft angekommen sind, Begriffe wie Inter- und Transsexualität sorgten dafür, dass wiedermal Deutschlands nicht allzu zahlreiche Trans-Promis durch die Talkshows gezerrt wurden, Andere amüsierten sich darüber, dass Conchita ausgerechnet aus dem erzkatholischen und natürlich, da süddeutsch, komplett zurückgebliebenen Österreich stammte (das ja „nur“ seit Jahr und Tag den Life-Ball beheimatet), wieder Andere freuten sich einen Ast, dass Russland nicht nur schon wieder keinen ESC-Sieg kaufen konnte, sondern nun mit dem Leibhaftigen als Sieger konfrontiert wurde.

Unabhängig davon, wie legitim nun der einzelne Anlass zum öffentlichen Händereiben war, er ging an dem Grund vorbei, aus dem ich Conchita Wurst für eine Bombenidee halte.

Die Bärtige Lady ist Teil des westlichen Kulturguts

Die Bärtige Lady ist bereits älter als das Dogma der jungfräulichen Empfängnis Jesu. Schon Anfang des 19. Jahrhunderts zogen Frauen mit Bart in bunten Wägen der sogenannten „Sideshows“ durch die USA. Sie waren mit einer Krankheit geschlagen, durch welche ihre Behaarung, ähnlich wie die eines Mannes – oder sogar eines Wolfes – überall sprießte, sogar im Gesicht, und sich zu einem ordentlichen Vollbart trimmen ließ. Ihre Beliebtheit stand in keinem Verhältnis zur Angebotslage und deshalb ist es wohl vernünftig davon auszugehen, dass einige der Bärtigen Ladys in Wirklichkeit bärtige Gentlemen in Frauenkleidern waren.

Sie zogen in diesen Wagen herum, zusammen mit zweiköpfigen Kälbern, Jongleuren, starken Männern und zwergenwüchsigen Apachen. Aber im Gegensatz zu Schlangenbeschwörern und dem Schwarzen Mann mit dem Fußballgroßen Geschwür auf dem Rücken waren sie nicht nur oder sogar in geringerem Maße Gegenstand des Ekels, sondern die Leute bewunderten sie und dann graute ihnen ein bisschen vor der verruchten erotischen Note, die ihr anhing, auch, weil sie sich oft freizügiger kleideten als gewöhnliche bürgerliche Frauen und ihre weiblichen Reize gegenüber der maskulinen Haarpracht in Szene setzten.

Conchita und die Geschlechterrollen

Die puritanisch und viktorianisch beeinflusste Gesellschaft der USA des späten 19. Jahrhunderts ist eine der Quellen für unsere Vorstellungen von Geschlechterrollen. In dieser schwülen, fast hysterischen Atmosphäre war die Androgynie der bärtigen Lady eines der sexuellen Flucht- und Vexierbilder, das den Betrachter zugleich quälte und lockte. Sie vereinte in sich die beiden übersexualisierten Bilder des starken, entschlossenen, bis hin zur Homoerotik kameradschaftlichen Mannes und der mädchenhaften, liebevollen, mütterlichen Kindsfrau. Die bärtige Lady ist über-weiblich und über-maskulin, im Gegensatz zu anderen androgynen Figuren (z.B. Außerirdische in der Science-Fiction der 80ger Jahre), die keinerlei Geschlechtsmerkmale aufweisen.

Deshalb gehört sie auch nicht in eine Gesellschaft, in der die Geschlechterrollen allmählich verwischen, das ist meiner Meinung nach der grundlegende Irrtum der sie feiernden Gender-Mainstreaming-Verfechter.

Sie gehört in eine Gesellschaft, für die es immer noch verwirrend und deshalb unterhaltsam ist, mit einer Vermischung des Über-Männlichen und des Über-Weiblichen konfrontiert zu werden – auch, weil nur eine solche Gesellschaft logischerweise diese Technik überhaupt identifizieren kann.

Beispiele für die erneute Bestärkung traditioneller Geschlechterrollen können sein, dass der Vollbart wieder so in Mode ist und auch der Dutt der Ballerina, dass Frauen wieder taillierte Kleider und luftige Röckchen tragen und der Mann das schroff-maskuline Holzfällerhemd präferiert, ebenso die Hose, die so eng ist, dass man sie beinahe wieder in der Renaissance tragen könnte, oder auch, dass unsere Spielwaren immer stärker in rosa und blau aufgeteilt werden.

Denk doch mal einer an die Kinder!

Die Conchita-Gegner, die Derartiges wohl eher gutheißen würden, argumentieren ja gerne, dass die Konfrontation mit einer uneindeutigen Figur wie Conchita ganz schlimm und extrem verwirrend ist für Kinder. Ich weiß nicht, was für Verreckerl von Kindern diese Leute haben. Ich habe zum Beispiel als kleines Kind bei der Primiz meines Onkels konstatiert, dass dieser ein Kleidchen trage. Ich bin übrigens trotzdem heterosexuell, ich habe auch nicht geweint oder gefragt, ob ich nicht lieber zwei Mamis haben kann (vielleicht war ich ja auch das tougheste Kind der Welt, wer weiß).

Meine Mutter ging auf den Gemeindefasching als bärtiges Sandmännchen und wurde trotzdem hereingelassen.

Dann gab es auch noch diese Geschichte von der Heiligen Johanna, die von Gott inspiriert einen Harnisch anzog und gegen die Briten in die Schlacht zog, die ich einfach für die coolste Heilige auf Gottes Erde hielt.

Immer noch Hetero. Keine Sorge, ich bin nicht naiv, ich bin auch der Meinung, dass Unterricht zur sexuellen Diversität während der Pubertät noch früh genug einsetzt, mitunter, weil dieses Thema Kindern bis dahin ziemlich egal sein sollte. Wer Kinder aus Regenbogenfamilien oder Jungs in Strumpfhosen auf dem Schulhof hänselt sollte im Rahmen der Schulvorschriften eine auf die Mütze kriegen und damit hat es sich.

Denk doch  lieber mal einer an die Erwachsenen.

Aber meine These ist ja, das dass alles vorgeschoben und reine Projektion ist: Conchita macht Erwachsenen weit mehr aus, als Kindern. Kinder finden das genauso lustig, wie eine Kindergärtnerin, die sich einen Bart angeklebt hat oder ihren Onkel in Sutane oder ihre Mutter als Sandmann. Sie merken zwar, dass hier aus zwei Kategorien vermischt wird, nämlich männlich und weiblich, aber sie finden es deshalb einfach nur lustig, weil sie sich davon nicht angegriffen fühlen.

Angegriffen fühlen sich davon Erwachsene, die ihr einerseits zu viel Bedeutung beimessen und andererseits nicht mit den Gefühlen umgehen können, die Conchita bei ihnen auslöst.

Ich habe aus mehreren Interviews mit Conchita den Eindruck gewonnen, dass sie zwar weiß, dass sich an ihrer Person ein moderner Krieg kondensiert, aber dass ihr das eigentlich auch ziemlich egal ist, mal abgesehen von der zusätzlichen, selbstverständlich lukrativen Aufmerksamkeit. Des weiteren habe ich den Eindruck gewonnen, dass sie eine reizende, höfliche, freundliche Person ist. Sie blieb zum Beispiel höflich, als sie betonen musste, dass ihre Eltern ihr Kind lieben, obwohl sie, wie Maischberger sich mehrfach nachzubohren entschied, österreichische Dorfbewohner sind. Ebenso wenig, wie Conchita selbst daran glaubt, dass sie die Welt umkrempeln wird, glaube ich daran, dass sie es tun wird. Die Figur wird mit allem, was in sie hineininterpretiert wird überfordert und überstrapaziert. Wie Nicole ist auch sie „nur ein Mädchen, das sagt was es fühlt“. Nur nicht so läppisch. Und mit Bart. Und besser angezogen.

Die andere Seite ist der persönliche Ekel, die Abscheu, die viele Personen Conchita gegenüber empfinden. Dies klingt nun nach einer alten linken Weisheit, aber ich denke, das Problem dieser Leute ist eher ein Persönliches. Es fällt ihnen schwer, zu akzeptieren, dass Conchita eine ziemlich hübsche Frau ist, schlank, gut angezogen, mit traumhaftem Haar, großen, dunklen Augen, einer samtweichen Stimme und sie sie attraktiv finden obwohl, oder noch schlimmer, sogar weil, in ihrem Gesicht dick und fett der Bart prangt. (Umgekehrtes gilt freilich für angeekelte Frauen) Für diese Personen scheint es mir elementar, sich selbst zu vergewissern, dass sie hundertprozentig hetero sind, denn das ist für sie identitäts- und wertebildend.

Mein Gott, lacht doch einfach mal.

Aber diesen inneren Konflikt abzubauen, indem sie, wie ihre Viktorianischen Vorgänger, einfach lachen, eine Reaktion, mit der zwar Conchitas politische Fürsprecher nicht zufrieden wären, Conchita selbst aber mit Sicherheit absolut glücklich (zur Erinnerung: sie ist Entertainerin), das können sie nicht mehr, eben weil diese Figur politisch derart aufgeladen wurde. Nein, hier geht es plötzlich um’s Ganze, um das Leben unserer Kinder, um die Verschwulung der Entertainmentindustrie oder den Fall Europas. Deshalb können diese Leute sich ansehen, wie ein männlicher Balletttänzer die böse Fee in Dornröschen tanzt oder ein männlicher Sänger die Hexe in Hänsel und Gretel singt, oder ihre Spezl’n am Fasching Männerballett machen, weil sie sichergehen können, dass sich hier keiner auf eine politische Botschaft stürzen wird und dass sie bei diesem unschuldigen, akzeptablen Kunstgenuss nicht in den Verdacht kommen werden, schwul zu sein. Obwohl es gewiss kein Zufall ist, dass Humperdinck und Tchaikovski Zeitgenossen der bärtigen Lady waren…

Aber zurück zum Thema: wenn die Bärtige Lady bereits zeigte, wie verkrampft der Umgang in den USA mit Geschlechterrollen war, was zeigt dann erst Conchita?

Darin liegt ihre Genialität, ein uraltes Prinzip anzuwenden auf eine Gesellschaft, die glaubt, sie hätte sich modernisiert und entspannt und dabei in Wirklichkeit zu zeigen, dass eigentlich alles nur noch schlimmer geworden ist. Conchita ist nicht nur selbst Entertainerin, sie öffnet eine Arena, in der sich unser hysterischer Diskurs perfekt selbst lächerlich macht. Und das trifft sowohl auf diejenigen zu, die sie für ihre übertrieben Gender-Gemainstreamte Agenda instrumentalisieren, als auch auf jene, die vor ihr erzittern und versuchen, sie wieder von den Bildschirmen zu vertreiben.

Conchita Wurst ist das Beste, was der deutschen Medienlandschaft passiert ist, seit Hallervorden das erste Mal den Witz von der Flasche Pommes erzählt hat.

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9 Aussagen, die Religionswissenschaftler zu hören kriegen und die den Meisten von uns mächtig auf die Nerven gehen

 

1. Also das würde mich echt auch mal interessieren. Klingt nach einem sehr faszinierenden Studium.

Na das freut mich aber. Ich sage es nur ungern, weil der Sprecher mir auch schmeichelt, aber dieses Satz lässt vor jedem Studenten der Religionswissenschaft ein inneres Bild auferstehen: er sieht den Sprecher, pensioniert, wie er in einer Vorlesung sitzt, vier Plätze besetzt (einen für den Mantel, einen für die Gesamtausgabe der Upanishaden und einen reserviert für Luise) und uns alle mit seiner Lebensweisheit erfreut.

Denn was die meisten zukünftigen Seniorenstudenten am Wörtchen „Religionswissenschaft“ geflissentlich zu überhören pflegen ist „Wissenschaft“. Religion hat ja so viel mit persönlicher Erfahrung zu tun, da kann es ja nicht schaden, persönliche Erfahrungen und vor allem Glaubensüberzeugungen einzubringen. Vor allem, wenn der Erfahrene und Überzeugte schon seit mindestens 70 Jahren erfahren und überzeugt ist, besonders in einem sozialen oder noch besser: einem technischen Beruf.
Sätze die mit den schönen Worten „Ich als Mutter…“, „Aber Emanuel Kant…“, „Also in der Psychoanalyse…“ oder „Als ich damals in Indien war…“ anfangen sind meistens weder sachdienlich noch wissenschaftlich noch innovativ und werden nur noch getoppt von: „Hat Jesus nicht gesagt…“, „Aber die Israeliten in der Wüste lernten, dass Gott…“ und „Ist es nicht so, dass irgendwie in allen Religionen…“.

Das, was eigentlich gesagt wird ist nämlich: Ich war in Indien, ich bin der schlaueste und bibelfesteste in meiner Gemeinde und: Das Jungvolk und der weltfremde Wissenschaftler weiß gar nicht, wie es im Leben zugeht.
Also ja: mein Studium ist faszinierend, aber es nicht auf die Weise faszinierend, wie es Sprecher dieses Satzes denken. Wir lernen weder, wie eine harmonische Zukunftsreligion aussehen könnte, noch, wie wunderbunt exotisch die Welt ist.

2. Die Schwester meiner Schwiegertochter ist bei so einer Sekte, irgendwas mit neuapostolisch und Episto-irgendwas. Hast Du davon schonmal was gehört?

Die Chancen stehen gut, dass der Sprecher dieses Satzes von mir hören möchte, dass diese Religion, der die Schwester der Schwiegertochter angehört, irgendwie voll komisch ist. Die meisten kleineren christlichen Konfessionen dieser Art wirken auf die Anhänger von Großkirchen irgendwie komisch und auch ich habe etwas Zeit gebraucht, mich an sie zu gewöhnen.

Aber eigentlich wollen sie hauptsächlich hören, ob die ganze Sache nicht möglicherweise gefährlich ist, ob sie den Sohn warnen müssen, ob die Enkelkinder bald in Zungen reden?!

Problematischer Weise kann ich gar nicht helfen: die Sprecher erinnern sich weder an den genauen Namen der Gruppe, noch würde er mir wirklich etwas sagen, denn diese ganzen Gruppen benennen sich immer mit den gleichen verschieden arrangierten Begriffen „apostolisch“, „frei“, „episkopal“, „presbyterisch“, „evangelisch“, „evangelikal“, „charismatisch“ sowie irgend einer Ortsbezeichnung. Kein Mensch blickt da wirklich durch, auch nicht der Religionswissenschaftler. Nicht mal der, der sich im Gegensatz zu mir für diese speziellen religiösen Gruppierungen interessiert. Meistens erzähle ich also irgendwas von einer stärkeren Gemeindebindung, zeit- und geldaufwendiger Mitgliedschaft, freieren Gottesdienstformen, höherer religiöser Emotionalität und Begeisterung, den USA, Afrika und lächle dann nett, wenn die Person hauptsächlich eines heraushört: die sind irgendwie komisch.

3. Buddhismus ist doch keine Religion.

Na ein Glück! Der Sprecher hat endlich eine Frage gelöst, die so alt ist, wie die Religionswissenschaft selbst: erstens, was eine Religion ist und zweitens, ob Buddhismus dazu gehört. Leute, packt zusammen, wir sind hier fertig!

Ich bin auch ehrlich gesagt sehr froh, dass sich dann in Zukunft nur kompetentere Menschen, nämlich einsame Hausfrauen, Journalisten und katholische Ordensleute mit dem Buddhismus auseinander setzen und nicht mehr die Religionswissenschaftler. Fällt ja nicht mehr in unser Gebiet.

4. Der Islam ist gefährlich und körperfeindlich.

Meistens natürlich in zustimmungsheischendem Tonfall vorgebracht, meistens, nachdem ich erzählt habe, dass wir uns sehr bemühen, keine verkitschte Idealisierung nicht-europäischer Religionen zu übernehmen.

Hier eine kurze Liste von Religionen, die mehrheitlich oder teilweise gefährlich und/oder körperfeindlich waren oder sind: Christentum, Judentum, Buddhismus, Hinduismus, Islam, diverse australische, afrikanische, nord- und südamerikanische „Stammes“-religionen, Weightwatchers, Scientology, OSHO und Mathematik.

Religionswissenschaft lebt davon, da zu differenzieren, wo andere es nicht tun. Jetzt gerade gibt es Strömungen im Islam, die gefährlich und körperfeindlich sind und ich kann einiges von ihnen erzählen. Aber halt nicht so.

Dieses Prinzip lässt sich auf jeden beliebigen Vorwurf, aber auch auf jede Lobeshymne an jede beliebige Religion ausweiten, man wird uns nicht dazu bringen können, einer Religion pauschal irgendeine Eigenschaft zuzuweisen. Deshalb läd man Religionswissenschaftler auch nie in Talkshows.

5. Meine Cousine geht zwar nie in die Kirche und schimpft auf den Papst, wo sie nur kann, aber kirchlich heiraten musste sie dann eben schon.

Das ist ja unerhört! Ich werde sofort die Abteilung für religiöse Ordnungswidrigkeiten informieren. Nicht im Bezirk der LMU!

Jetzt mal im Ernst: solche und ähnliche Dekadenzklagen zielen meistens darauf ab, mich damit zu konfrontieren, dass der Gegenstand meiner Forschung in beklagenswerte Unordnung geraten ist und wünscht dann, dass ich in dieses Bedauern einstimme.
Während ich als Katholikin von solcher Praxis tatsächlich nicht besonders begeistert bin, ist es nicht mein Job als Religionswissenschaftlerin, sie zu verurteilen oder abzuwerten. Ich würde schlichtweg beschreiben, dass die kirchliche Heirat möglicherweise Teil eines westlichen Lifestyles ohne großen Kirchenbezug geworden ist und dass eventuell die Kirche immer noch als Spezialist für soziale „Rites de Passages“ gilt, ohne, dass man sich ihr dafür fest zugehörig fühlen muss.

Im Übrigen lässt sich die allgemeine Abnahme von Religion in der europäischen Gesellschaft weder leugnen noch beweisen. Man spricht in zeitgenössischen Arbeiten gerne von „Transformation“ von Religiosität, ihrer „Privatisierung“ oder „Kommodifizierung“.

6. Dieser Abschnitt aus Dan Browns „Illuminati“: »Willkürliche Verstümmelungen sind für Illuminati äußerst… ungewöhnlich«, erklärte Langdon. »Sie sind nach einschlägiger Meinung das Werk unerfahrener Randgruppen oder Sekten – terroristische Akte von Eiferern. Die Illuminati sind stets viel umsichtiger zu Werke gegangen.«

Nun muss man für die folgende Aufregung wissen, dass erstens Robert Langdon als „Symbolologe“ irgendwie sowas, wie ein Religionswissenschaftler ist. Eigentlich ist er genau das. Zweitens muss man wissen, dass die Religionswissenschaft so wenig und so miese Öffentlichkeitswirkung hat, dass die meisten Leute gar nicht wissen, dass es sie überhaupt gibt.
Nun läuft in einer der berühmtesten Thrillerserien unserer Zeit ein Religionswissenschaftler herum und wir könnten uns alle freuen, wenn das nicht einfach nur KAPITALER BOCKMIST wäre. Nicht nur inhaltlich – ist ja klar, dass man was zusammen erfinden muss, sondern einfach in Bezug darauf, wie ein Kulturwissenschaftler denkt.

Hier also eine kurze Liste der Fehler in diesem Satz: 1. benutzt das Wort „Sekten“, 2. Schließt aus einem Verstümmelungsakt sofort auf eine religiöse Konnotation, 3. Behauptet, es gäbe in der Religionswissenschaft so etwas wie eine „einschlägige Meinung“ 4. Zieht aus einer wahrscheinlich viel zu kleinen Vergleichsgruppe (wie viele durch Illuminaten/unerfahrene „Sekten“ begangene Verstümmelungen gab es schon innerhalb dieses Kulturkreises) eine allgemeine Aussage.

Robert Langdon hätte mit solchem Geschwätz nie einen Lehrstuhl für Symbolololologie in Harward bekommen (nicht mal, wenn es dieses Fach gäbe). Er hätte das Studium im 8. Semester abgebrochen und würde davon leben, verschwörungstheoretische Artikel für Zeitschriften mit dreistelligen Ausgabenzahlen zu schreiben.

Kein Kulturwissenschaftler brächte so einen Satz über die Lippen, ohne sich danach sofort in Agonie selbst zu richten. So einfach ist unsere Arbeit nicht. Es ist nicht so, als ob wir irgendwie alles über eine Gruppe wissen könnten oder verlässliche, eindeutige Datensätze für irgendwas hätten.


So funktioniert das nicht und die Verbreitung der Vorstellung, dass es so funktioniert führt uns nur zu den Freunden aus Aussage Nummer eins.

7. „Holger H. war selbst einmal Mitglied von [böse, seltsame, eigenbrödlerische Gruppe] er enthüllt Unglaubliches:“

Liebe Raucher unter meinen Lesern: würden Sie einen Nicht-mehr-raucher befragen, um eine ausgewogene Aussage zum Rauchen zu bekommen?

Genauso ist das nämlich, wenn man einen Aussteiger zu den Vorgängen in einer religiösen Gruppe befragt. Je exklusiver die Gruppe, desto schlimmer. Wieso? Dieser Mensch hat jahrelang mit dieser Gruppe gelebt, sie war eine seiner einschneidendsten Lebensentscheidungen und er ist daran gescheitert. Könnte das an ihm liegen? Nein. Nicht er war blöd genug, einer Religion beizutreten, die ihn dann nur noch unglücklich gemacht hat, sondern natürlich ist die Religion daran Schuld. Die betreibt nämlich Gehirnwäsche und zwang ihn förmlich, bei ihr zu bleiben. Nie im Leben könnte er selbst einfach nur eine Fehlentscheidung getroffen haben, die ihn von seinem gesamten ehemaligen sozialen Umfeld abschnitt und ihn finanziell ruinierte. Überhaupt: jetzt wo er einen zweiten Schnitt gemacht hat, erkennt er natürlich, dass in der Gruppe alles nur schlecht und schlimm und traurig war. Interessant wäre mal zum Vergleich eine Aufnahme davon, wie er kurz nach dem Eintritt über sein Leben ohne die Gruppe gesprochen hat. Vermutlich genauso.

8. „Religionswissenchaftler sagen, dass […]“ und dann ein Zitat von Weber, Dürkheim, Eliade oder Frazer

Liebe Journalisten, Blogger und populärwissenschaftliche Autoren, bitte hört auf, unsere alten Schinken vollkommen kommentarlos zu zitieren, nur, weil sich daran alles so logisch und einfach anhört. Seit Dürkheim hat die Religionswissenschaft mehrere Paradigmenwechsel mitgemacht und zur Zeit wechselt sie ihr Paradigma alle zwei Wochen. Weber wollte seine Aussagen nie als universalgültig und auf alle Fälle von Religion angewendet sehen, Dürkheim baute die Hälfte seiner Theorien auf gefälschte Ethnographien auf, Eliade ist mehr Priester als Wissenschaftler (auch, wenn man sich gerade wieder über ihn streitet – aber das ist viel zu komplex für Eure Zwecke) und Frazer sieht Religion als überwundene kulturelle Stufe an, die wir baldmöglichst abschütteln sollten.

Kein Mensch würde zu naturwissenschaftlichen Themen Bücher zitieren, die schon hundert Jahre alt sind. Wieso dann bitte in der Geisteswissenschaft?

9. Religion ist inzwischen klar als neurologisches Phänomen nachgewiesen, Gott wird im Gehirn erzeugt

Erstens ist das Wörtchen „klar“ an dieser Stelle etwas hochgestapelt – die Kognitionswissenschaft formuliert gerne größenwahnsinnig (oder besser: Journalisten formulieren Kognitionswissenschaftliche Funde gerne so), aber ein bisschen unsicher ist ihr Grund dennoch.
Zweitens interessiert das den Religionswissenschaftler nicht die Bohne und die implizierte Provokation ist ihm ungefähr so neu, wie die Calvinistische Prädestinationslehre.

Das Wissen um bestimmte neuronale Abläufe ist für Teile der Religionswissenschaft ungemein wichtig, z.B. in der Ritualforschung und Religionsästhetik.

Aber die Religionswissenschaft versucht nicht die Herkunft des Phänomens „Religion“ zu erklären, sondern sie versucht, dieses Phänomen zu beschreiben, in all seinen Dimensionen, politisch, sozial, kunstgeschichtlich, psychologisch, ökonomisch (usw.). Uns zu sagen, wir seien von der Kognitionswissenschaft überflüssig gemacht worden, ist, als würde man einem Sommelier zurufen: „Sie können nach Hause gehen, Wein entsteht durch Gärung!“

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