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Über Biotechnologie und Barmherzigkeit

Vor einigen Wochen veröffentlichte Bavarikon – eine Online-Datenbank für Schrift- und Bildzeugnisse der Bayerischen Geschichte – Bilder, die Experimente bezüglich der Düngung mit Kalisalz dokumentieren.

Für viele mögen diese Bilder in den Bereich „special interest“ fallen. Dabei sind sie ein deutliches Signal an die heutige Gesellschaft.

Ein Landwirt aus Unterfranken demonstriert die verdreifachte Kartoffelernte.

Was die bayerischen Landwirte da auf ihren bescheidenen Höfen, in ihren Scheunen demonstrieren, ist eine Chance für fünfeinhalb Millionen. So viele Einwohner hatte Bayern Anfang des 20. Jahrhunderts, als diese Bilder aufgenommen wurden.

Der Hass der Satten auf den Hunger

Seit Ende des 18. Jahrhunderts wächst die Bevölkerung Bayerns. Sie wächst rasant. Alle dreißig Jahre um eine Million.

Die Menschen sind in vielen Gegenden Bayerns arm, für ihre Versorgung reichen die Felderträge des Landes kaum aus. Die Menschen in den strukturschwachen Regionen fliehen aus der ländlichen Armut in die Städte. Die Zahl der Bettler, Berufskriminellen und Armenhäusler schwillt an.

Viele der bessergestellten Bürger begegnen den Massen mit Ekel. Abhandlungen werden geschrieben, darüber, dass die Vermehrung dieses sozialen Abfalls dringend gestoppt werden müsse. Es fehle diesen Schichten an Anstand, Bildung, Vernunft, Disziplin. Deshalb setzten sie weiter sinnlos Kinder in die Welt, die dem Staat und den Wohltätigkeitsvereinen die Haare vom Kopf fressen. Diese Autoren legen den Grundstein für die Legitimation der Vernichtungslust des NS-Regimes.

Sie beschreiben Hungersnöte gar als natürliches Ereignis, welches dem ungebührlichen Wachstum der niederen Schichten in regelmäßigen Abständen die so dringend benötigte Grenze setze, nachdem der Mensch in seiner Dreistigkeit für dasselbe durch bessere Lebensumstände gesorgt habe. Die Regierung erhöht Anfang des 19. Jahrhunderts die Gebühren für Eheschließungen, in der Hoffnung die Geburtenzahlen zu senken.

Praktisch durch alle gesellschaftlichen Gruppierungen der gebildeten Schichten Deutschlands hinweg, bei Aufklärern, Katholiken, Protestanten und Atheisten brachen sich Misanthropie, materialistisch-unempathische Gesellschafts- und Menschenbilder und bürgerlicher Standesdünkel ungebremst Bahn. Bürgerliche Wohlfahrtseinrichtungen wurden belächelt oder gar als Teil des Problems betrachtet.

Nicht weniger feindselig trat man auch denjenigen entgegen, die versuchten, technische Lösungen für das deutsche Ernährungsproblem zu finden. Eindrucksvoll zeigt sich diese Haltung bei der Ursachensuche für die Hungerkrise, die 1816/17 durch einen Vulkanausbruch hervorgerufen wurde.

Ausgerechnet die neu entwickelte moderne Fruchtfolge, welche Erträge in ganz Deutschland hatte verbessern können, wurde jetzt als „unnatürlich“ und „den Boden auslaugend“ verdammt. Man erfand eine krude Theorie über ein energetisches Missverhältnis von Himmel und Ackerboden, das zu den heftigen Regengüssen geführt habe. Andere hingegen glaubten gar nicht an eine Missernte und spuckten Hass und Galle auf Juden, Franzosen, Österreicher, Aufklärer, Jesuiten und/oder Montgelas‘ Wirtschaftspolitik.

Was wir auf den Bildern sehen können, ist der Triumph über den Dünkel, über jene Satten, die den Hungernden das Leben nicht gönnten. Mit der durch Justus von Liebig erfundenen Kalidüngung stiegen die Erträge bis ins Jahr 1913 um bis zu 90%.

Der Hunger war besiegt. Für alle. Die neue Technologie würde mehr Leben retten als zwei Weltkriege zu rauben im Begriff waren.

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Mein Urgroßvater Sebstian Räuschl auf seinem Hof in in Milbertshofen (zwischen den Weltkriegen).

Nichts gelernt

Doch die Technophobiker, die Forschrittsverweigerer und Menschenhasser sind nicht verschwunden, und ihre Rhetorik ist es auch nicht.

Im Angesicht des Klimawandels und der Globalisierung sind unsere Herausforderungen heute gewachsen.

Wieder ekeln sich Menschen vor der Armut und dem Lebenshunger der anderen, besonders gerne auf globaler Ebene.

„Chinas Hunger nach Fleisch“, wird getitelt, oder „Indiens neue Lust am Fahren“. Unerhört ist es dem Deutschen, dass andere es auch so bequem und schön haben wollen, wie er. Da bräuchten wir ja zwei Erden! Besser wäre es, sie lernten seine (eingebildete) Zurückhaltung – mit dem Babymachen, dem Energieverbrauch, dem Autofahren und dem Fleischkonsum.

Wieder wird der Begriff des „Natürlichen“ in den Raum gestellt. Der Chinese solle doch bitte bei seiner angestammten tierproduktarmen Ernährungsweise bleiben und aufhören, sich so viele Autos zu kaufen, statt den Fehler der Deutschen zu wiederholen. Die globale Plebs möge doch bitte im ihr zugedachten Authentizitätsrahmen verbleiben.

Wer versucht, das Problem anders als durch zwangsweise Disziplinierung der gesamten Menschheit zu lösen, wird mit Feindseligkeit und Argwohn beobachtet.

Sollen sie doch Kuchen essen

Dass die Kulturbanane als Klon nur durch Gentechnik zu retten ist, ist egal, denn der Deutsche ist nicht darauf angewiesen. Sollen die Inder doch Äpfel vom Bodensee essen. Bio-Qualität.

Gleiches gilt für die Auster, die ihm als Luxusgut ohnehin suspekt ist – dass ihr Sterben für ganze europäische Küstenlinien ein Desaster ist, interessiert ihn nicht, weil die landwirtschaftliche Nutzung der Meere sowieso ein widernatürliches Verbrechen gegen Mutter Erde ist.

Die Bekämpfung von Vitamin-A-Mangel durch Goldenen Reis setzt am falschen Ende an, weil Gentechnik unnatürlich ist. Das wird der Asiate schon noch einsehen müssen.

Und dass die Inder eine insektenresistente Auberginensorte – ein Grundnahrungsmittel für viele Regionen – vollkommen idiotischerweise aus dem Land gejagt haben, weil westliche Greenpeace-Aktivisten die Bevölkerung aufstachelten, nimmt er als Sieg für die gute Sache.

Mit einer dekadenten Lust am Untergang beobachtet er den Klimawandel, spuckt Drohungen und Mahnungen gegen alle, die er – wir erinnern uns – sowieso hasst. Gegen die Großkonzerne natürlich, gegen den Freihandel, gegen die Amerikaner, gegen den Pöbel im eigenen und fernen Land. Denjenigen, die sich nicht wie er im Untergangsgrusel aalen wollen und stattdessen irgendwie versuchen, technische Wege zu finden, um die wie ein Damokles-Schwert über den armen Regionen hängenden Folgen des Klimawandels abzufangen, legt er Steine in den Weg.

Das kann er, denn im satten Deutschland wird er ohnehin nie hungern. Lieber kauft er sich Biolebensmittel, schließlich kann er es sich leisten, aus ideologischen Gründen Anbauflächen zu verschwenden. Noch schlimmer: Die strengen Auflagen der EU gegenüber gentechnisch veränderten Lebensmitteln werden in Entwicklungsländer, die doch auf den landwirtschaftlichen Fortschritt doppelt angewiesen sind, übertragen und stolz ist man auch noch ‚drauf. Während dort einfach oft das Geld für die eigene Forschung fehlt und man hofft, die Europäer wüssten schon, was sie tun.

Biotechnologie ist eine Frage der Menschenwürde und der Barmherzigkeit

Doch nur mit der Gentechnik können schnell und sicher Pflanzensorten gezüchtet werden, die den neuen klimatischen Bedingungen und Schädlingen widerstehen.

„Natürlichkeit“ als Wert gegenüber Menschenleben aufzuwiegen ist zynisch und kaltherzig. Es ist Teil unserer Verantwortung als Christen, auf dieses Missverhältnis hinzuweisen und diejenigen zu unterstützen, die helfen wollen, statt mit dem Finger auf diejenigen zu zeigen, die hungern und nach Gerechtigkeit suchen. Und so hat die katholische Kirche dies, fast heimlich, und von Vielen unbeachtet schon seit längerem verfolgt. 2009 verurteilte beispielsweise die Päpstliche Akademie der Wissenschaften die restriktive Ablehnung der Gentechnik durch die EU sowie den Import ihrer Richtlinien in Entwicklungsländer. 2013 segnete Papst Franziskus den „Goldenen Reis“ und dürfte somit auf den katholischen Philippinen dessen Toleranz erheblich verbessert haben. In der Enzyklika Laudato Si weist er explizit darauf hin, dass Gentechnik und Agrar-Innovationen nicht „unnatürlich“ sind und nicht per se schlecht – er kritisiert zwar ihre sozio-ökonomische Umsetzung (er kann eben nicht aus seiner wirtschaftspolitisch linken Haut) – warnt aber davor, das Wohl des Menschen einem ideologisch-verbohrten Naturschutz unterzuordnen. (§131-136)

Blicken wir nochmals auf die Bilder aus der Sammlung des Hauses der Bayerischen Geschichte. Sie zeigen unsere Ahnen, die das Nötige vollbracht haben, die mutig vorangegangen sind, um mit Cleverness und Flexibilität den Wohlstand schufen, in dem wir heute leben und den wir mit anderen teilen sollten.

Wer also durch den Kauf von Biolebensmitteln oder die Mitgliedschaft in bestimmten Lobbyvereinigungen gezielt den landwirtschaftlichen Fortschritt torpediert, der verrät damit jene Teile der Weltbevölkerung, die auf innovative Lösungen angewiesen sind, um sich ernähren zu können.

Barmherzigkeit ist nie kostenlos. In diesem Fall kostet sie uns vor allem liebgewonnene Überzeugungen.

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Ich mache keinen Frieden mit dem Papst

Den Frieden mit dem Papst zu machen ist insofern Unfug, als der Papst ja nicht weiß, dass man ihm unversöhnlich gegenüber steht. Eine Wahl hat man eh nicht. Allmählich hält sein Pontifikat aber so lange an, dass die Leute beginnen, sich mit ihm abzufinden. Und so, wie man ihn aus den falschen Gründen nicht-mögen kann, kann man ihn auch aus den falschen Gründen rehabilitieren.

Klaus Kelle hat seinen Frieden mit dem Papst gemacht.

Dabei ist es wichtig zu sehen, was ihn bisher am Papst gestört hat. Nämlich:

“ Katholiken müssten sich auch nicht vermehren „wie Karnickel“ sagte er einmal. Und ich muss sagen, das war auch mir deutlich zu viel für den Nachfolger des Heiligen Petrus. So redet ein Papst nicht, dachte ich damals und so denken bis heute viele Gläubige.“

Mich hat das noch nie gestört. Ich bin eben auch erst 25 und außerdem genervt von jenem katholischen Milleu, das meint, es gehöre zu den „Charismen“ einer Frau, so lange Kinder aus sich rauszudrücken, bis sie nur noch ein Schatten ihrer selbst ist. Christi Zahnpastatube sozusagen. Nein, ich finde es gut, dass der Papst gelegentlich verbal austeilt. Nicht umsonst war ich vor seiner Wahl unter denjenigen, die auf Timothy Dolan hofften. Aber gerade, weil der Papst bestimmt nicht zimperlich ist, fällt es umso mehr dann auf, wenn er es wird.

„Welch‘ starke Worte, welche ansteckende Begeisterung, die in diesem Moment von dem fast Achtzigjährigen ausging. Und der Jubel der jungen Menschen, zusammengeströmt aus 180 Ländern auf dieser Welt, um zusammen den Glauben, das Vermächtnis von Jesus Christus zu feiern und zu leben.[…] , da, genau in dem Moment, habe ich meinen persönlichen Frieden mit Papst Franziskus und seiner Art gemacht.“

Papst Franziskus begeistert die Jugend. Aber leider nicht nur für den Katholizismus sondern auch für seine Ansichten zu Themen, zu denen er nicht nur keine Expertise besitzt, sondern regelrecht gefährliche Ansichten hat.
Seine platte und einseitige Kapitalismuskritik ist meiner Meinung nach eine Katastrophe.

Papst Franziskus erzählt jungen Menschen, der Kapitalismus töte, sie seien in einem unmenschlichen System gefangen, das sie knechtet und die Welt in ihrem Würgegriff hält, entgegen aller Statistiken, die nun einmal zeigen, dass es immer mehr Menschen immer besser geht, nicht schlechter. Das ist wohlfeil und kommt auch gerade bei den jungen Menschen gut an, die aus Ländern mir wirtschaftlichen Schwierigkeiten (aus Südeuropa, Südamerika, Osteuropa) kommen; Menschen zu sagen, dass das System falsch ist und dass sie nicht vielleicht nur Pech hatten, sondern Opfer böser Mächte sind, das ist für diese auf den ersten Blick erleichternd. Sie fühlen sich verstanden, deshalb jubeln sie. Aber es ist die falsche Botschaft. Seine Kapitalismusschelte ohne Gegenvorschlag schürt lediglich Angst, Ungewissheit, Unsicherheit und zerstört das Selbstvertrauen. Er ermuntert sie nicht dazu, ihre Länder wirtschaftlich zu sanieren und mit ihrem Einfallsreichtum und Gottes Hilfe neue Wege zu finden, um innerhalb dieses Systems, vielleicht unter dessen Transformation, ihre Zukunft zu sichern, sondern er sagt: „alles Scheiße. Da hilft nur noch beten.“ Er entmutigt sie.

Seine Begegnung mit Fidel Castro vor zwei Jahren trieb mir die Zornesröte ins Gesicht.  Er küsste diesem mörderischen Despoten das Bauchi. Einem Mann, der für alles steht, gegen das Papst Johannes Paul II gekämpft hat. Es ist noch nicht  einmal 5 Jahre her, da hat das Regime in Kuba christliche Widerständler verschwinden lassen. Wo ist da plötzlich der scherzend ermahnende Papst? Nirgends, denn mit seinen wirtschaftspolitischen Äußerungen gibt er Regimes wie dem Kubanischen, die mit Katholiken nie anderes anzufangen wussten, als sie zu morden, verfolgen und schikanieren, auch noch ziemlich eindeutig Recht.

Der Realsozialismus als Feind scheint uns verstaubt; Aber diese jungen Leute, die Papst Franziskus heute mit Stiefeln an den Füßen und Unzufriedenheit in den Herzen in die Wallfahrtsorte schickt, die werden irgendwann verarmte, perspektivlose Familienväter und -Mütter sein. Immer noch mit Unzufriedenheit im Herzen. Damit ist nichts erreicht.

Und bei dem Gedanken, dass ein alter Mann junge Leute aufhetzt war mir noch nie besonders wohl. Papst Franziskus würde mich nicht mögen. Und ich muss ihn dann auch nicht gut finden.

 

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Gardinenpredigerin in der FAMA und beim Schwester-Robusta-Preis

Hallo,

dies ist nur eine kleine Zwischenmeldung:

1. Oh mein 28o57alnk.ahlö### Gott! Der Papst hat endlich etwas zugegeben, was schon seit geschätzten 50 Jahren die Haltung der Kirche ist! Lasst und komplett AUSFLIPPEN!!!

2. Ich freue mich, dass ich einen Beitrag in der neuen Ausgabe der FAMA schreiben durfte! Ich bin froh, dass es Frauen gibt, die sich für die Sache des Feminismus innerhalb ihrer christlichen Religion einsetzen.

3. Einige werden es noch nicht bemerkt haben: aber ich bin in zwei Kathegorien für den Schwester-Robusta-Preis nominiert. Stimmt fleißig ab! (Und, wenn Ihr noch ein Stimmchen für mich übrig habt: stimmt fleißig für Gardinenpredigerin)

Grüße in die Welt da draußen,

Gardinenpredigerin (oder Raschelmaschine… wieso hab ich eigentlich zwei Pseudonyme?!)

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„Owê der bâbest ist ze…

…junc: hilf hêrre, dîner kristenheit.“ Heißt es bei Walther von der Vogelweide (die letzten beiden Verse aus „ze rome“). Das ist selbstverständlich ein Problem, über das der moderne Katholik nur noch lächeln kann. Was ich aber sehr gut nachvollziehen kann, ist die Hilflosigkeit, die einen befällt, wenn man als Katholik mit seinem Oberboss so gar nicht kann. Dass man das übrigens ohne Weiteres von sich geben darf, zeigt ja bereits der liebe Walther, dem niemand zu Lebzeiten – und das war im „finsteren“ Hochmittelalter – dafür auch nur ein Haar krümmte (so weit wir wissen, zumindest nicht, aber wir wüssten wohl davon, wenn dem so wäre).

Das Kuriose ist: ich habe mittlerweile mit unserem Papst mehr Probleme, als Personen, die keine Kirchenmitglieder sind. Im Internet erfreut er sich einer geradezu spektakulären Beliebtheit, sucht man Beispielsweise auf der amerikanischen Comedy-Seite 9Gag nach ihm, erhält man zahlreiche Suchergebnisse mit dem Titel „Good Guy Pope Francis“, die seine Demut, seine Menschenfreundlichkeit und seine (angebliche) Toleranz feiern: Papst Franziskus auf 9Gag

Vom Prinzip her freue ich mich ja wirklich, dass wir endlich einen Papst haben, der nicht als eine Art Kreuzung zwischen einem Ölscheich und der Schwester Mildred Ratchet aus „Einer flog übers Kuckuksnest“ wahrgenommen wird, aber gleichzeitig fürchte ich mich vor dem Einfluss, den dieser Papst auf die Kirche nehmen wird und ich fürchte mich auch ein wenig davor, was passieren wird, wenn die Sympathieblase platzt.

Einer der Gründe dafür, dass Franziskus sich so ungemeiner Beliebtheit erfreut, ist gewiss sein Äußeres. Während Benedikt XVI, besonders wenn er lächelte, teuflische Ähnlichkeit mit einem Alligator aufzeigte, wirkt sein Nachfolger eher wie ein Wombat oder ein Koala. Mit seiner Knubbelnase, den kleinen, runden funkelnden Knopfaugen und dem kindlichen Lächeln trifft er voll ins Kawaii -Herz des Webs. Er ist eben der nette Opa.

Ist er das?

Eigentlich ist der Papst meiner Meinung nach eher die Sorte Opa, die selbstgerecht bei jeder Gelegenheit den Zeigefinger erhebt: keine Bonbons, im Krieg wären wir zwei Kilometer für einen Kanten schimmliges Brot gelaufen und ein Hemd genügt, wenn man noch eins zum Wechseln hat! Eine weitere Eigenschaft teilt er mit dieser Sorte Opa zusätzlich: er ist immer noch kein Freund der Homosexuellen, er will keine Frauen im Priesteramt und auch sonst sind seine Ansichten eher Konservativ als irgend etwas anderes – auch, wenn das Internet das gerne hätte. Seine Aussage über Homosexuelle unterscheidet sich nämlich nicht von den bereits seit einigen Jahrzehnten durch viele Kirchenmänner offiziell vertretenen Meinungen. Eine Änderung der Haltung der Kirche zu praktizierter Homosexualität wird es unter ihm ebenfalls kaum geben.

Die ihm unterstellte vollkommen neuartige Weltoffenheit und Toleranz dient lediglich der Selbstbestätigung jener Außenstehenden, die ihn irgendwie sympathisch finden und mit viel Mühe verdrängen, dass ihre bisher in ungebrochenem Nörgelchor hervorgebrachte Kirchenkritik auf ihn genauso anwendbar ist. Ein anderer hätte auf dieselben (zugegebenermaßen vorsichtigen) Äußerungen möglicherweise viel mehr Kritik geerntet, als er.

Eine weitere Neigung teilt er mit diesem Opa: er hat zwar ein teuer eingerichtetes Wohnzimmer, aber er benutzt es nicht. Ähnlich, wie die sparsamen Kinder der Kriegsgeneration ihre guten Stuben hüteten, hockt er vor dem verschlossenen Papstpalast.

Ich habe bis heute nicht verstanden, wieso ihm das als Demut und Volksnähe ausgelegt wird, in meinen Augen ist es eher Verschwendung: die Räumlichkeiten müssen dennoch gepflegt und erhalten werden, ob er nun darin wohnt oder nicht. Die Bude zu verkaufen und den Erlös an die Armen zu spenden, wie er es gewiss tun würde, wenn er so könnte, wie er wollte (oder zumindest vorgibt zu wollen), ist so oder so keine Option, weil den Kasten ohnehin keiner kaufen würde (außer vielleicht irgend ein Ölscheich?). Wieso also nicht die Party auf dem sinkenden Schiff genießen? Ich kann mir vorstellen, dass jeder Flüchtling auf Lampedusa mit dem größten Vergnügen in die Räumlichkeiten des Papstes einziehen würde – ist es da nicht blanker Hohn von ihm, es nicht zu tun, obwohl er kann?

In Wirklichkeit verschwendet unser demütiger Papst in seinem von den Medien gefeierten Sich-Zieren Geld und Zeit und außerdem stößt er einen Haufen Leute vor den Kopf.

Bis zu einem gewissen Grad bedient er damit auch die ihm zugedachte Rolle: Die Kirche stand bei seiner Wahl in der Erwartung, endlich ihre Demographie in die Realität umzusetzen und einen „3. Welt-Papst“ zu wählen, wollte aber offensichtlich „nicht so richtig 3. Welt“ und entschied sich für Südamerika – jetzt mimt der Papst nach allen Regeln des Klischees den „edlen Wilden“, dem alles Gold der Erde nichts wert ist und der in herzerwärmender Einfalt eine tiefe Verbundenheit zu allen Lebewesen fühlt, wenn er mit seinem erfrischend „verrückten“ Verhalten der europäischen Gesellschaft den Spiegel ihrer eigenen Verrücktheit vorhält… doch auch ohne postkolonialistische Kritik halte ich sein Verhalten für problematisch:

Alle seine kleinen „großen Gesten“ dienen letztlich der Inszenierung seiner Tugenden von Ar- bis D-mut. Das Beste ist: es scheint tatsächlich ganz gut zu funktionieren, denn die Einzigen, die ihn dafür kritisieren sind natürlich jene, die durch ihr Intellektuelles und „Prasssüchtiges“ Gehabe ja sowieso in der medialen Kritik stehen und auf die ja genau die Gesten des Franziskus abzielen – es ist herrlich: wer ihn kritisiert, bestätigt ihn (Moment mal, erinnert uns das an irgendetwas?).

Hier beginnt meine Sorge: der Papst zieht all jene Figuren in Misskredit, die die Kirche meiner Meinung nach so dringend, dringend braucht.

Seit ungefähr 50 Jahren gibt es in steigendem Maße eine Intellektuellen- und eine Wohlstandsfeindlichkeit in der Kirche, die immer nur mühsam in Schach gehalten werden kann (in der Regel lief sie sich immer durch das Altern ihrer Protagonisten tot). Sie zeigt sich darin, dass z.B. den ständigen Rufen nach Einfachheit, Verständlichkeit und mehr kantigen Formen aus Bronzeguss stattgegeben wird. Die Abschaffung des Lateinischen als Liturgische Sprache, Taizé und die systematische Garagisierung der Kirchenräume sind deren praktische Umsetzung. In manchen Gemeinden ist alles so simplifiziert worden, dass sich ein Kindergottesdienst von einem gewöhnlichen nur noch dadurch unterscheidet, ob man nun „Satan“ oder „Verführer“ sagt (und beide abzuschaffen wird ja auch in Erwägung gezogen).

Die Kirche bricht immer mehr mit ihrer strahlenden Vergangenheit von Künstlern, Philosophen und genialen Wirtschaftern (Stichwort Benediktiner), um sie durch rhythmisches Klatschen in baufälligen Turnhallen zu ersetzen.

Unser Papst klatscht mit.

Hatten die Pastoralreferentinnen, berufs-jugendlichen Religionslehrer und pädaogisch verbildeten Jugendleiter bisher immer Mühe gehabt, den Papst und seine zu „Füllt den jungen Wein nicht in die alten Schläuche“ nur ungenügend passenden theologischen Ansichten zu vermitteln, bläst der Neue ihnen nun genau in die Segel, indem er mit seinen einfachen (um nicht zu sagen: billigen) Aktionen Schlagzeilen macht. Fingerfarben sind eben günstiger als Michelangelo.

Nur: eine Kirche, die all jene vergrault, die ihr ein intellektuell ansprechendes Profil geben und sie auf finanziell solide Beine stellen könnten, ist bald sowohl wirtschaftlich als auch geistig bankrott. Der Papst kann nicht mehr bewusst auf seine roten Schuhe verzichten, wenn er sie sich sowieso nicht mehr leisten kann. Also soll er sie doch bitte tragen – die Wirtschaft in Italien ist eh schwach und er könnte mit ein wenig Investition etwas für die Ärmsten der Armen tun.

Unser babest ist nicht ze junc, er ist ze…

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