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Über Biotechnologie und Barmherzigkeit

Vor einigen Wochen veröffentlichte Bavarikon – eine Online-Datenbank für Schrift- und Bildzeugnisse der Bayerischen Geschichte – Bilder, die Experimente bezüglich der Düngung mit Kalisalz dokumentieren.

Für viele mögen diese Bilder in den Bereich „special interest“ fallen. Dabei sind sie ein deutliches Signal an die heutige Gesellschaft.

Ein Landwirt aus Unterfranken demonstriert die verdreifachte Kartoffelernte.

Was die bayerischen Landwirte da auf ihren bescheidenen Höfen, in ihren Scheunen demonstrieren, ist eine Chance für fünfeinhalb Millionen. So viele Einwohner hatte Bayern Anfang des 20. Jahrhunderts, als diese Bilder aufgenommen wurden.

Der Hass der Satten auf den Hunger

Seit Ende des 18. Jahrhunderts wächst die Bevölkerung Bayerns. Sie wächst rasant. Alle dreißig Jahre um eine Million.

Die Menschen sind in vielen Gegenden Bayerns arm, für ihre Versorgung reichen die Felderträge des Landes kaum aus. Die Menschen in den strukturschwachen Regionen fliehen aus der ländlichen Armut in die Städte. Die Zahl der Bettler, Berufskriminellen und Armenhäusler schwillt an.

Viele der bessergestellten Bürger begegnen den Massen mit Ekel. Abhandlungen werden geschrieben, darüber, dass die Vermehrung dieses sozialen Abfalls dringend gestoppt werden müsse. Es fehle diesen Schichten an Anstand, Bildung, Vernunft, Disziplin. Deshalb setzten sie weiter sinnlos Kinder in die Welt, die dem Staat und den Wohltätigkeitsvereinen die Haare vom Kopf fressen. Diese Autoren legen den Grundstein für die Legitimation der Vernichtungslust des NS-Regimes.

Sie beschreiben Hungersnöte gar als natürliches Ereignis, welches dem ungebührlichen Wachstum der niederen Schichten in regelmäßigen Abständen die so dringend benötigte Grenze setze, nachdem der Mensch in seiner Dreistigkeit für dasselbe durch bessere Lebensumstände gesorgt habe. Die Regierung erhöht Anfang des 19. Jahrhunderts die Gebühren für Eheschließungen, in der Hoffnung die Geburtenzahlen zu senken.

Praktisch durch alle gesellschaftlichen Gruppierungen der gebildeten Schichten Deutschlands hinweg, bei Aufklärern, Katholiken, Protestanten und Atheisten brachen sich Misanthropie, materialistisch-unempathische Gesellschafts- und Menschenbilder und bürgerlicher Standesdünkel ungebremst Bahn. Bürgerliche Wohlfahrtseinrichtungen wurden belächelt oder gar als Teil des Problems betrachtet.

Nicht weniger feindselig trat man auch denjenigen entgegen, die versuchten, technische Lösungen für das deutsche Ernährungsproblem zu finden. Eindrucksvoll zeigt sich diese Haltung bei der Ursachensuche für die Hungerkrise, die 1816/17 durch einen Vulkanausbruch hervorgerufen wurde.

Ausgerechnet die neu entwickelte moderne Fruchtfolge, welche Erträge in ganz Deutschland hatte verbessern können, wurde jetzt als „unnatürlich“ und „den Boden auslaugend“ verdammt. Man erfand eine krude Theorie über ein energetisches Missverhältnis von Himmel und Ackerboden, das zu den heftigen Regengüssen geführt habe. Andere hingegen glaubten gar nicht an eine Missernte und spuckten Hass und Galle auf Juden, Franzosen, Österreicher, Aufklärer, Jesuiten und/oder Montgelas‘ Wirtschaftspolitik.

Was wir auf den Bildern sehen können, ist der Triumph über den Dünkel, über jene Satten, die den Hungernden das Leben nicht gönnten. Mit der durch Justus von Liebig erfundenen Kalidüngung stiegen die Erträge bis ins Jahr 1913 um bis zu 90%.

Der Hunger war besiegt. Für alle. Die neue Technologie würde mehr Leben retten als zwei Weltkriege zu rauben im Begriff waren.

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Mein Urgroßvater Sebstian Räuschl auf seinem Hof in in Milbertshofen (zwischen den Weltkriegen).

Nichts gelernt

Doch die Technophobiker, die Forschrittsverweigerer und Menschenhasser sind nicht verschwunden, und ihre Rhetorik ist es auch nicht.

Im Angesicht des Klimawandels und der Globalisierung sind unsere Herausforderungen heute gewachsen.

Wieder ekeln sich Menschen vor der Armut und dem Lebenshunger der anderen, besonders gerne auf globaler Ebene.

„Chinas Hunger nach Fleisch“, wird getitelt, oder „Indiens neue Lust am Fahren“. Unerhört ist es dem Deutschen, dass andere es auch so bequem und schön haben wollen, wie er. Da bräuchten wir ja zwei Erden! Besser wäre es, sie lernten seine (eingebildete) Zurückhaltung – mit dem Babymachen, dem Energieverbrauch, dem Autofahren und dem Fleischkonsum.

Wieder wird der Begriff des „Natürlichen“ in den Raum gestellt. Der Chinese solle doch bitte bei seiner angestammten tierproduktarmen Ernährungsweise bleiben und aufhören, sich so viele Autos zu kaufen, statt den Fehler der Deutschen zu wiederholen. Die globale Plebs möge doch bitte im ihr zugedachten Authentizitätsrahmen verbleiben.

Wer versucht, das Problem anders als durch zwangsweise Disziplinierung der gesamten Menschheit zu lösen, wird mit Feindseligkeit und Argwohn beobachtet.

Sollen sie doch Kuchen essen

Dass die Kulturbanane als Klon nur durch Gentechnik zu retten ist, ist egal, denn der Deutsche ist nicht darauf angewiesen. Sollen die Inder doch Äpfel vom Bodensee essen. Bio-Qualität.

Gleiches gilt für die Auster, die ihm als Luxusgut ohnehin suspekt ist – dass ihr Sterben für ganze europäische Küstenlinien ein Desaster ist, interessiert ihn nicht, weil die landwirtschaftliche Nutzung der Meere sowieso ein widernatürliches Verbrechen gegen Mutter Erde ist.

Die Bekämpfung von Vitamin-A-Mangel durch Goldenen Reis setzt am falschen Ende an, weil Gentechnik unnatürlich ist. Das wird der Asiate schon noch einsehen müssen.

Und dass die Inder eine insektenresistente Auberginensorte – ein Grundnahrungsmittel für viele Regionen – vollkommen idiotischerweise aus dem Land gejagt haben, weil westliche Greenpeace-Aktivisten die Bevölkerung aufstachelten, nimmt er als Sieg für die gute Sache.

Mit einer dekadenten Lust am Untergang beobachtet er den Klimawandel, spuckt Drohungen und Mahnungen gegen alle, die er – wir erinnern uns – sowieso hasst. Gegen die Großkonzerne natürlich, gegen den Freihandel, gegen die Amerikaner, gegen den Pöbel im eigenen und fernen Land. Denjenigen, die sich nicht wie er im Untergangsgrusel aalen wollen und stattdessen irgendwie versuchen, technische Wege zu finden, um die wie ein Damokles-Schwert über den armen Regionen hängenden Folgen des Klimawandels abzufangen, legt er Steine in den Weg.

Das kann er, denn im satten Deutschland wird er ohnehin nie hungern. Lieber kauft er sich Biolebensmittel, schließlich kann er es sich leisten, aus ideologischen Gründen Anbauflächen zu verschwenden. Noch schlimmer: Die strengen Auflagen der EU gegenüber gentechnisch veränderten Lebensmitteln werden in Entwicklungsländer, die doch auf den landwirtschaftlichen Fortschritt doppelt angewiesen sind, übertragen und stolz ist man auch noch ‚drauf. Während dort einfach oft das Geld für die eigene Forschung fehlt und man hofft, die Europäer wüssten schon, was sie tun.

Biotechnologie ist eine Frage der Menschenwürde und der Barmherzigkeit

Doch nur mit der Gentechnik können schnell und sicher Pflanzensorten gezüchtet werden, die den neuen klimatischen Bedingungen und Schädlingen widerstehen.

„Natürlichkeit“ als Wert gegenüber Menschenleben aufzuwiegen ist zynisch und kaltherzig. Es ist Teil unserer Verantwortung als Christen, auf dieses Missverhältnis hinzuweisen und diejenigen zu unterstützen, die helfen wollen, statt mit dem Finger auf diejenigen zu zeigen, die hungern und nach Gerechtigkeit suchen. Und so hat die katholische Kirche dies, fast heimlich, und von Vielen unbeachtet schon seit längerem verfolgt. 2009 verurteilte beispielsweise die Päpstliche Akademie der Wissenschaften die restriktive Ablehnung der Gentechnik durch die EU sowie den Import ihrer Richtlinien in Entwicklungsländer. 2013 segnete Papst Franziskus den „Goldenen Reis“ und dürfte somit auf den katholischen Philippinen dessen Toleranz erheblich verbessert haben. In der Enzyklika Laudato Si weist er explizit darauf hin, dass Gentechnik und Agrar-Innovationen nicht „unnatürlich“ sind und nicht per se schlecht – er kritisiert zwar ihre sozio-ökonomische Umsetzung (er kann eben nicht aus seiner wirtschaftspolitisch linken Haut) – warnt aber davor, das Wohl des Menschen einem ideologisch-verbohrten Naturschutz unterzuordnen. (§131-136)

Blicken wir nochmals auf die Bilder aus der Sammlung des Hauses der Bayerischen Geschichte. Sie zeigen unsere Ahnen, die das Nötige vollbracht haben, die mutig vorangegangen sind, um mit Cleverness und Flexibilität den Wohlstand schufen, in dem wir heute leben und den wir mit anderen teilen sollten.

Wer also durch den Kauf von Biolebensmitteln oder die Mitgliedschaft in bestimmten Lobbyvereinigungen gezielt den landwirtschaftlichen Fortschritt torpediert, der verrät damit jene Teile der Weltbevölkerung, die auf innovative Lösungen angewiesen sind, um sich ernähren zu können.

Barmherzigkeit ist nie kostenlos. In diesem Fall kostet sie uns vor allem liebgewonnene Überzeugungen.

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Ein moralisches Feuerwerk

Das Einzige, was dem Deutschen lieber ist als seine Traditionen im Jahreskreis, ist ritualisierte Konsumkritik. Und natürlich Viecher.

Bevor ich meinen Freundeskreis um ein christlich geprägteres Milieu erweiterte, kannte ich das nur von den Brot-für-die-Welt-Plakaten: Brot statt Böller. Dass sich manche Leute über Silvesterböllerei mehr aufregen als über Steuerverschwendungen in Milliardenhöhe, irritiert mich außerordentlich. Wer sich erdreistet, zu Jahresende mal für zehn Lappen ein bisschen Krachbumm zu machen, ist ein „Dummschwätzer“, „schwanzlos“, ein „Heuchler“ und, natürlich, ein „Tierquäler“. Es „mangelt ihm an Empathie“, er „unterstützt Ausbeutung“ und „verschwendet sein Geld, während andere nichts zu essen haben“, kurz, er ist in der Skala der Abscheulichkeiten ganz ganz weit oben dabei.

133 Millionen Euro verpuffen in der Luft

Das ist die magische Summe, die heuer die Tagesschau verkündete. Gerechnet auf 82 Millionen Deutsche ist das pro Kopf gerade mal die abenteuerliche Summe von 1,62 Euro. Natürlich gibt nicht jeder Geld für Böller aus. Bei mir sind es im Jahr ca. 5 bis 8 Euro. Wenn man bei der Kollekte jede Woche ca. 1 bis 2 Euro ins Körbchen legt, dann sind das im Schnitt 87 Euro pro Jahr, also schonmal das Zehnfache.  In meinem Fall gibt es dann meine nicht ganz uneigennützige monatliche Spende für das Kakapo Recovery Center, die Kirchensteuer und die Zeit, die ich in meiner Gemeinde und Studienstiftung investiere. Es ist eine bescheidene Summe. Aber mir zu erklären, ich wäre angesichts dessen, was ich trotz reichlich mittelmäßiger Einnahmenlage der Allgemeinheit zurückgebe ein mieses Dreckschwein, weil ich es wage, 8 Euro in eine Viertelstunde Vergnügen am Jahresende zu investieren, ist schon reichlich dreist.

Gegen Jahresende kann ich nämlich bei all den Ausgaben nichts auf die hohe Kante legen. Und da bin ich sicher nicht die Einzige. Viele, sehr viele Menschen in Deutschland können sich nämlich den Spaß zu Silvester für 15 oder 20 Euro leisten, aber den Jahresurlaub höchstens in Form einer Pauschalreise. Da zeigt die konsumkritische Vorbildfraktion lieber mal schön mit dem Finger auf den böllernden Pöbel und fährt über Epiphanie in den ersten Urlaub des Jahres, in den Skiurlaub, der im Übrigen wesentlich mehr Geld kostet und ganze Landstriche verwüstet.

Brot statt Biathlon

Apropos: Für Wintersport geben die Deutschen im Jahr 16,4 Milliarden – jawohl: MILLIARDEN Euro aus. Davon könnte man 123 Tage Silvester feiern, also bis Anfang Mai.

Der Skisport schädigt die alpine Flora und Fauna dauerhaft, produziert durch Transport, Kühlungs- und Kunstschneeanlagen CO2 ohne Ende und belastet die Staatskasse durch Sportunfälle, Rettungseinsätze und die genannten Umweltprobleme.

Dagegen sind die immer wieder angeführten Umweltschäden durch die Böllerei ein schlechter Witz. Und Wintersport ist nicht mal der einzige schädliche Unfug, für den Geld in Milliardenhöhe verpulvert wird. Ich persönlich würde z.B. weder Diskotheken noch Openair-Festivals oder Flugverbindungen in die DomRep vermissen – könnte man also eigentlich gleich abschaffen. Andere Leute argumentieren nach ähnlichen Mustern für das Verbot von Tabak und Alkohol, die Aufgabe staatlicher Orchester, die Einführung einer Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn oder einer Extrasteuer auf Zucker, Fett und Fleisch. Was „überflüssig“ ist, ist eben persönliche Einschätzung.

Das ganze Jahr könnte man sich letztlich dieses oder jenes verkneifen. Aber mit Vorliebe stürzt man sich auf diese eine Kleinigkeit. In manchen Fällen, wie bei Brot für die Welt, hat das ja durchaus seinen Sinn: Es ist leichter, die Leute dazu zu überreden, das Geld, das sie für Böller ausgeben würden, zu spenden als ihr Budget für den Skiurlaub. Weil die Beträge sich meistens um die 20 Euro bewegen, spenden sogar viele UND kaufen sich ein paar Raketen. Das Ganze ist also letztlich wenig mehr als eine PR-Nummer, ähnlich wie die Plakate, die derzeit darüber aufklären, was das Geld für einen einzelnen Becher Kaffee in der Welt bewegen könnte. Das ist daher eine sinnvolle und durchdachte Kampagne. Aber das ist ja nun gar nicht das tragende Motiv derjenigen Moralapostel, die derzeit online ihren Hass auskippen.

Der Deutsche und das liebe Vieh

Vollkommen egal wäre das alles nämlich einem Großteil der Menschen, wenn nicht jedes Jahr ihre Haustiere verängstigt unter der Küchenbank verschwinden würden. Wer böllert, quält Tiere! Und Tierquäler gehören zusammen mit Kinderschändern zu den einzigen menschlichen Monstrümmern, für die viele Deutsche bis heute Erschießungskommandos gerechtfertigt sähen.

Für vergreiste KZ-Aufseher hat man hierzulande ein Herz. Für jemanden, der sein Meerschweinchen einzeln hält, wird lebenslängliche Isolationshaft verlangt. Ich habe diesen Mechanismus bereits ausführlicher beschrieben. Dass möglicherweise der Besitzer, oder, wenn es um die angeblich verängstigten Kinder geht, die Eltern mit ihrer eigenen Panik der tierischen bzw. kindlichen Vorschub leisten, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Aber ähnlich wie Eltern befinden Tierbesitzer sich in eine Art Symbiose mit ihren Tieren, die ihnen Selbstkritik komplett versagt und sie jede auch noch so geringe Unbill ihres vierbeinigen Freundes oder Sprösslings als Dolchstich ins eigene Herz fühlen lässt. Mein Freund und ich hatten jedenfalls bisher heiß geliebte Katzen, Meerschweinchen, Hunde und Wellensittiche und keines dieser Tiere hat jemals zu Silvester Panik geschoben – mehrheitlich hat die Bagage die Böllerei kollektiv verpennt. Wenn dann doch mal ein Tier erschrecken sollte, ergreifen wir die uns möglichen Maßnahmen und bleiben cool. Wir stellen das Wohl unserer (übrigens ebenfalls vollkommen überflüssigen und eine Milliardenindustrie bedienenden) Tiere nämlich nicht über die Freiheit unserer Mitmenschen, ganz besonders nicht, wenn es nur um einen einzigen Tag im Jahr geht.

Letzte Chance zur Konsumkritik

Es ist aber auch vollkommen egal, was der konkrete Anlass ist. Der christliche bürgerliche Deutsche braucht Feiertags einfach seine Konsumkritik. Da hat er Zeit zu lesen und sich mal auf das wichtige zu besinnen. Nur echt mit der Heraufbeschwörung armer chinesischer Arbeiterinnen, die in den Feuerwerksfabriken zu einem Hungerlohn arbeiten, die aber offensichtlich zur veganen Stillyoga-Trainerin umgeschult würden, würden wir von hier aus ihren Industriezweig austrocknen. Oder so.

An Silvester geht es eben auch für die Feuerwerksabstinenzler ohne Krachbumm nicht ab. Sie müssen halt stattdessen ihr moralisches Leuchtfeuer in den Himmel entsenden.

Wem’s gefällt.

PS: Ich wünsche allen Böllerern und Nicht-Böllerern, allen Festivalbesuchern und -nichtbesuchern, Wintersportlern und Sportmuffeln, Tieren und Menschen ein gutes neues Jahr.

PPS: Wer helfen möchte, dass der drolligste Papagei der Welt weiterhin durch die neuseeländischen Wälder wackelt, spendet statt oder neben der Böller an http://kakaporecovery.org.nz/

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Der „Humanist“ in meinem Newsfeed

Lieber „Humanist“ in meinem Newsfeed,

seit ein Paar Monaten bin ich nun schon mit Dir befreundet. Ich kenne Dich nicht so gut, aber weil Du so fleißig postest, weiß ich schon viel über Dich. Z.B., dass Du denkst, dass Du schlauer bist als ich, weil Du nicht an Gott glaubst und dass Du davon überzeugt bist, dass „Nazi“ schon am konservativen Rande der SPD beginnt. Genau wie ich würdest Du sagen, Du bist „liberal“. Ich verstehe das nicht. Ich dachte immer, Liberalismus steht für Freiheit.

„Die meisten Menschen sind einfach nur noch widerlich.“

hast Du gestern geschrieben.

Solche vagen Facebookposts, die implizieren, dass es einem nicht gut geht, ohne klarzustellen, worum es geht, sind ja eigentlich ohnehin schon als social-Media-inkompetente Vorgehensweise legendär. Natürlich hast Du Leute unter Deinen Freunden, die auf diese aufmerksamkeitsheischende Masche hereinfallen. Warum? Wird gefragt.

„Nichts spezielles. Aber sieh dich einfach mal um und lies die Kommentare unter Medienberichten.“

Ist die Antwort. Oh „Humanist“ in meinem Newsfeed, Du bist so eine besondere Schneeflocke mit Deinen Gefühlen und Träumen und Wünschen. Du willst diese Welt zu einem besseren Ort machen. Du schreibst nämlich nur nette Dinge über Deine Mitmenschen. So teiltest Du alleine in der letzten Woche insgesamt sechs Nachrichten, die als „Strawman argument“ gegen religiöse Menschen dienen sollen. Es handelt sich um Extrembeispiele, größtenteils aus den USA , von Muslimen, Christen oder Juden, die religiös gegen naturwissenschaftliche Überzeugungen angehen, deren Argumente verkürzt und damit zur Lächerlichkeit verzerrt werden oder die Atheisten, Homosexuelle oder Frauen unmenschlich behandeln. Neben den naiven politischen Posts der Marke „alles Nazis außer Mutti“ verbreitest Du also auch noch grob menschenfeindliche Propaganda, beispielsweise dass die Situation chinesischer Katholiken „Säkularisierung“ und damit letztlich wünschenswert sei.

Während Du Dich also über den „wiederlichen“ Ton in der Debatte beschwerst und für mehr Toleranz und Offenheit in der Gesellschaft wirbst, teilst Du auf der anderen Seite Memes des Inhalts,

„Scooby-Doo teaches kids that everything supernatural or otherwordly is just some asshole trying to scare you so they can make some money“

also dass alle religiösen Institutionen mit z.B. alternativen Medizinern und Esoterikanbietern gleichzusetzen, sowie alle nur Arschlöcher sind, die aus der Angst der Menschen Geld machen. Das macht mich traurig, weil ich mir gerne die Freiheit nehmen würde, an einen Gott zu glauben und Du mich aber vor dieser freien Entscheidung schützen möchtest.

Du teilst Posts, in denen Du Dich über den zugegebenermaßen etwas skurrilen orthodoxen jüdischen Brauch lustig machst, zu Jom Kippur ein Huhn über dem Kopf zu schwingen, um es danach als Opfer an die Armen zu geben, den zu kritisieren wohl als antisemitischer Topos gelten kann, nennst Beschneidung ein Verbrechen und prangerst anschließend selbst rechtsradikale Äußerungen an, Juden seien keine Deutschen. Die Rechte von Juden interessieren Dich also nur dann, wenn Du den Antisemitismus Deiner Feinde anprangern kannst. Das ist, am Rande, genau dieselbe Haltung, welche die von Dir mit so viel Leidenschaft verureilte AfD zu ihnen hat.

Du teilst wisseschaftlich-skeptische Beiträge von Stephen Hawking, der aber von der päpstlichen Akademie der Wissenschaften unterstützt wird und machst Witze darüber, dass Erwachsene an Jesus glauben aber nicht an den Nikolaus. Einen Beitrag, der die Einstellung von „Religion“ an sich zur Evolution mit „Kreationismus“ beschreibt. Dann teilst Du einen Post darüber, dass die Leute lieber an einfache Lügen als an komplexe Wahrheiten glauben.

Dass Du möglicherweise selbst eine sehr simple Ansicht von der Gesellschaft hast, in der wir leben, kommt Dir logischerweise nicht in den Sinn, oder dass Du Hass sähst und einen Graben gräbst, wo bisher gar keiner war, nämlich zwischen Wissenschaft und Religion, ganz besonders in Europa. Du möchtest nämlich gar nicht, dass Religion und Wissenschaft koexistieren können. Du möchtest, dass sie sich bekriegen, bis die Religion ausgelöscht wird.

Wenn Du den Religionen vorwirfst, einen Keil zwischen die Menschen zu treiben, die anderen Glaubens sind, aber selbst False-Flag-Posts und grob verletzende Posts über andere Menschen in Deiner Umgebung teilst, weil diese an etwas anderes glauben als Du, wenn Du menschliches Leid nicht ernst nimmst, weil „die falschen“ Menschen leiden, wenn Du inhumane Handlungen von Staaten gut findest, weil sie Deine eigene Ansicht durchsetzen, woher nimmst Du dann auf der anderen Seite Deinen moralischen High-Ground? Wie kannst Du es wagen, Dich als liberal zu bezeichnen?

Lieber „Humanist“ in meinem Facebook-Feed. Ich lausche mit Erstaunen, wie Du Kinderfickerwitze übergangslos mit dem Wunsch nach einer sachlicheren Debatte abwechselst, wie Du alles Jüdische und Muslimische verbieten möchtest, wie Du von einer Gesellschaft träumst, in der es nur Deinesgleichen gibt, aber dann genau das wiederum den rechten Kräften im Land ankreidest.

Vielleicht solltest Du Dir mal von einer Katholikin, die Dir immerzu schweigend gelauscht und sich geduldig beleidigen lassen hat, Nachhilfe in Sachen Liberalität geben lassen.

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Der Katholik als nützlicher Idiot

Je näher die US-Wahlen rücken, desto erstaunlichere Entwicklungen zeigen sich innerhalb der katholischen Stimmen zu eben diesem Thema. Plötzlich ist Hillary Clinton in der katholischen Berichterstattung ein Monstrum, das sich nicht entscheiden kann, ob es lieber erst Kinder oder Kirchen fressen will. Gerade als nicht-amerikanische Katholiken sollten wir darauf achten, wessen Karren wir hier eigentlich ziehen.

Donald Trumps Felle schwimmen davon. Auch, wenn deutsche Linke sich gerne weiterhin einreden wollen, dass die USA tatsächlich den Leibhaftigen auf den Thron eines Landes setzen würden, der für sie das säkulare Äquivalent zur Hölle ist, sieht es momentan nach krachendem Scheitern aus.

Die Katholiken sind Trumps letzte Hoffnung

Wer, fragt er sich, soll ihn jetzt noch wählen? Frauen jedenfalls fallen aus – nur noch ein sehr geringer Teil der Amerikanerinnen ist blöde genug, jemanden zu wählen, der sie für eine Mischung aus Schoßhund und Gummipuppe hält. Auch bei anderen Gruppen mit „spezifischen“ Interessen, also beispielsweise Schwarzen, Immigranten, chronisch Kranken, etc., kann Trump keinen Blumentopf mehr gewinnen. Wäre da noch die eine Gruppe in den USA, um die sich sonst nie einer auch nur das Schwarze unterm Fingernagel schert: die Katholiken.

Katholiken haben einen Ruf als SwingVoters. Auf der einen Seite neigen sie zu konservativeren Ansichten in Themen wie der Außenpolitik, Frauenrechten, Religions- und Familienpolitik, auf der anderen Seite gibt es in den Familien von Polen, Italienern, Iren und Latinos noch so etwas wie ein „Milieu“-Gedächtnis. Dass sie als arme Arbeiter in die USA kamen, ist in der Regel nicht viel mehr als hundert Jahre her. Daher sympathisieren sie ähnlich wie die jüdische Milieus der USA, die aber keine derart große statistische Signifikanz aufweisen, zugleich mit Politikern, die sich eben dieses Arbeitermilieus annehmen und für die Armenvorsorge eintreten und haben ein generelles Misstrauen gegenüber sogenannten WASPs (White Anglosaxon Protestants), denen sie im besten Falle vollkommen Wurst sind. Mit Ausnahme von Kerry und Kennedy haben die Katholiken seit dem Krieg auch keine Gelegenheit mehr bekommen, bei einer Präsidentschaftswahl für etwas anderes als das in Bezug auf ihre Belange kleinere Übel zu stimmen.

Kurz: Katholiken sind der einzige größere Bevölkerungsanteil, bei dem Trump eventuell noch was reißen könnte. Und das versuchen er und seine in- wie ausländischen Unterstützer nun mit aller Macht zu reißen

Catholic Nightmare before Election

Da kommen also – whoopsie – ausgerechnet eine Woche, nachdem Trump auf der 18th Annual Catholic Leadership Conference in Colorado der katholischen Sache, was auch immer er dafür halten mag, seine uneingeschränkte Unterstützung ausgesprochen hat, diese Clinton-Emails auf Wikileaks heraus.

Die katholische Welt dreht voll auf – ganz besonders die deutsche, die sich von diesen Emails deshalb so sehr getroffen fühlt, weil sie ein Ziel formulieren, das für sie in Deutschland schon der gefühlte Ist-Zustand ist. Laienverbände sollen gezielt eingesetzt werden, um die als veraltet dargestellte Moral der Kirche auszuhöhlen. Alte und liebgewonnene Begriffe der katholischen Intellektualität werden verhöhnt. Diese Emails sind geradezu dafür designt, sich tief ins Herz konservativerer Katholiken zu bohren

Vladimir, ick hör dir trapsen

Designt? Schon vor dem Auftauchen jener Emails, die sich auf Katholiken kaprizieren, erklärten die Demokraten, die Emails auf WikiLeaks seien möglicherweise russische Erfindungen. Die russische Regierung, daran lässt sie selbst keinen Zweifel, will Trump als Präsidenten sehen.

Dafür die katholische Kirche zu benutzen bietet für sie gleich mehrere Vorteile: Selbst, wenn die amerikanischen Katholiken sich nicht davon überzeugen lassen, einen protestantischen Frauenversteher von Schrott und Korn wie Trump ins Amt zu wählen, kann man über die Skandale und Skandälchen, die man Hillary Clinton anlastet, das Vertrauen der Katholiken in die amerikanische Regierung weltweit nachhaltig erschüttern.

Die Katholiken verbreiten solche Nachrichten auch noch komplett von selbst, da sie praktischerweise über ein weltumspannendes Mediennetzwerk verfügen. Auf diese Weise greift Russland also nicht nur in den amerikanischen Wahlkampf ein, sondern überzeugt gleichzeitig Millionen von Katholiken, dass die Amerikaner ihre angestammten Feinde seien, obwohl die Russen selbst im eigenen Lande alles tun, um religiösen Minderheiten auf die Füße zu treten.

Dieser Effekt tritt selbst dann ein, wenn diese Emails echt sein sollten. Deutsche Katholiken tendieren auch dazu zu glauben, dass sie in den USA politisch und im generellen Ansehen eine ähnliche Rolle einnähmen wie in Deutschland. Tatsächlich gehen sie aber WASPs, die wie Hillary Clinton auf ein links angehauchtes, mit Frauenrechten und Multikulturalismus beschäftigtes College-Milieu abzielen,  komplett am Arsch vorbei. Wenn Hillary Clinton für Abtreibung ist, dann ist sie nicht gegen die katholische Kirche, sondern für Frauenrechte. Deshalb ist ihre Aussage, sie habe 2003 gegen das Verbot von Teilgeburtsabtreibungen gestimmt, weil die Situation der Frau nicht berücksichtigt worden sei, nicht ausweichend, sondern schlichtweg glaubwürdig. (Und nein: ich gebe ihr nicht Recht. Es geht mir nur darum, dass sie damit nicht gegen die Pro-Life-Bewegung argumentiert, sondern an ihr vorbei). Um gegen die katholische Kirche zu sein, müsste Hillary sich erstmal überhaupt für die katholische Kirche interessieren. Das ist es, was in Verbindung mit ihrer perfekten Abstimmung auf meist ausschließlich intern diskutierte katholische Angstthemen diese Emails so unglaubwürdig macht.

Es stimmt, es gibt keinen Grund für einen Katholiken, Hillary Clinton zu wählen.

Aber Trump? Meint ihr das Ernst? TRUMP?

Aber stellen Sie sich mal vor, der große Retter und Beschützer der ungeborenen Kinder, Donald Trump, würde mit einer Nicht-Ivana-Frau schlafen und ihr ein Kind machen. Denken Sie ernsthaft, er würde ihr dann sagen, dieses Kind sei ein Geschenk Gottes, das sie aufziehen müsse und das er lieben werde?

Kaum. Aber er sähe kein Problem damit, sie nach erfolgter Abtreibung dafür auch noch ins Gefängnis zu stecken.

Trump ist nicht Pro-Life oder für die Katholiken, er ist kein starker Beschützer vor dem Islamismus oder ein Verbündeter Deutschlands. Trump ist Pro-Trump, er ist ein Beschützer Trumps und ein Verbündeter Trumps. Moral ist keine Kategorie für ihn.

Ein solches Individuum unterstützt jeder Katholik, der Hillarys „Vergehen“ aufbläst.

Nicht nur das: er unterstützt auch Vladimir Putin und seinen Staat, in welchem es Katholiken hundertmal dreckiger geht als in den USA. Als nicht-amerikanische Katholiken sollten wir über den Tellerrand amerikanischer Innenpolitik hinwegsehen und verstehen, dass wir in den USA einen Verbündeten haben, der uns weltweit schützen kann.

Wer sich so sehr austricksen lässt, dass er vor Abtreibungskliniken in den USA mehr Angst hat als vor Tyrannen wie Putin, Assad und Erdogan, wer eine politische Destabilisierung eines der für Katholiken bei allen Problemen immer noch bequemsten Länder dieser Erde in Kauf nimmt, weil er sich persönlich von einer Präsidentschaftskandidatin beleidigt fühlt, der ist kurzsichtig.

Und ein nützlicher Idiot.

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Über die seltsamen Prioritäten von Laien

Die Pfarrgemeinde bei mir um die Ecke bewirbt in ihren Schaukästen die Anti-TTIP- und -CETA-Demo im September in München und ich sehe das nicht ein.

Was hat die Vereinbarung von Investorenschutzmaßnahmen, die Abschaffung von Zöllen und die Etablierung gemeinsamer Gesundheits- und Verbraucherschutzstandards im Handel zwischen Kanada, Europa und den USA mit der Kirche zu tun?

Richtig, genau gar nichts, außer, dass die Kirche ein Tummelplatz genau jener antiamerikanischen besorgten Bürger von braun über grün bis dunkelrot, ist, die gegen dieses Abkommen sind. Fragt man sie, wieso sie das sind, dann kommen Geschichten über Chlorhendl, den erhöhten Wettbewerbsdruck auf KMUs, dass die Reichen noch reicher würden (denn, Gott behüte, einem Land kann wirklich nichts Schlimmeres passieren, als dass Leute zu Geld kommen), dass das Abkommen undemokratisch sei (weil repräsentative Demokratie anscheinend ein zu kompliziertes Konzept ist), dass die Schiedsgerichte vollkommen willkürlich Staaten verklagen würden (was sie nicht tun, obwohl es bereits massenhaft Schiedsgerichte gibt) und natürlich dass wir uns damit von den USA noch abhängiger machen würden.

Vereint im Hass auf die USA

Bei letzterem Problem liegt nun der Hund eigentlich begraben. Anti-TTIP und Anti-CETA ist nicht so erfolgreich, weil sich ein Großteil der Bevölkerung plötzlich wahnsinnig für internationalen Handel interessiert, sondern weil es gleich zwei diffus politisch aufgeladene Lager in Deutschland gibt, die einfach einen generellen Rochus auf die USA haben: die Rechten und einige Konservative sind sauer, weil die USA den Ersten und den Zweiten Weltkrieg gewonnen und danach Deutschland auch noch wieder auf die Füße gestellt haben, statt es zu vernichten, so daß man ihnen nicht mal böse sein *darf*. Außerdem mögen sie den internationalen Gestus und Erfolg der Siegermacht nicht – aus genannten Gründen und weil Multikulti, das die Amerikaner schließlich erfunden haben, für diese Kreise ohnehin ein Rotes Tuch ist.

Auf der anderen Seite gibt es das eher linke bzw. grüne Milieu, das den Amerikanern übel nimmt, den Kalten Krieg gewonnen und den Real-Sozialismus so ziemlich von der Platte geputzt zu haben. Außerdem halten sie sich nicht an die Emissionsgrenzen und betreiben weiter Gentechnik im Agrarbereich.

Das alles hat nun, wenn Sie genau aufgepasst haben, nichts mit der Kirche und ihren Werten zu tun, außer ich habe etwas verpasst und das elfte Gebot lautet: Du sollst ein Land Dir erwählen und es irrational mit ganzer Seele hassen und verachten.

Also schrieb ich eine freundliche Email an das Pfarrbüro und erhielt eine Antwort. Vom Diakon, der mir bezeichnenderweise nicht in seiner Funktion als Diakon, sondern als Mitglied von Pax Christi antwortete. Deren Inhalt: der Diözesanrat hätte diesen Aushang empfohlen. Nun schienen aber sämtliche andere Gemeinden Münchens, an denen ich im letzten Monat vorbeigekommen war, diese Empfehlung ignoriert zu haben, unter anderem die meisten Innenstadtkirchen. Vielleicht liegt es daran, dass es in diesen Gemeinden keine so eifrigen Pax-Christi-Mitglieder Diakone und somit am Drücker sind, so dass sie ihre Aktionen über die Pfarrgemeinde abwickeln können. Pax Christi steht nämlich seinerseits auch auf den Plakaten, gemeinsam mit so kirchennahen Vereinigungen wie der Linken, den Piraten und der Humanistischen Union. Aber meines Feindes Feind ist ja mein Freund. Und der Feind ist in dem Fall ein Land, in dem Katholiken unbehelligt leben und glauben können. Ich möchte fast behaupten, in Amerika macht es zur Zeit mehr Spaß, katholisch zu sein, als in Deutschland.

Ist ja nicht so als gäb’s was besseres zu tun

Zeitgleich sieht sich an einer komplett anderen Front die Kirche mit Personen in Verbindung gebracht, welche sich politisch entgegen sämtlicher Werte der Kirche äußern. Die empfehlen, Menschen an der Grenze zu erschießen, auf Inseln auszusetzen und chemisch zu kastrieren. Die aktiv alles daran setzen, unsere demokratische Regierung von innen zu zersetzen. Pegida und Konsorten laufen herum und tragen Kreuze, erklären sich zum „christlichen Abendland“, wissen nicht mal, was eine Parusie ist. Und die christlichen Laien? Die geben zwar gelegentlich anderslautende Meinungen von sich, aber im großen Stil Maßnahmen gegen die rechte Suppe zu ergreifen, das fällt ihnen nicht ein. Pegida lässt an Aschermittwoch Muezzin-Rufe durch die Innenstadt erschallen und die geballte Kraft christlicher Empörung zündet als maximale Reaktion am Gehsteig ein paar Kerzen an. Aber die Aggressivität, Masse und Lautstärke der Anti-TTIP und Anti-CETA-Demos erreichen die Wortmeldungen gegen Pegida nicht.

Die Laienvereinigungen in Deutschland haben schon interessante Prioritäten. Vielleicht liegt es ja daran, dass Anti-TTIP und Anti-CETA alle unter einem Schirm vereinigt. Denn da finden sich AfD, Pax Christi und die Grünen inhaltlich plötzlich in trauter Eintracht.

„Ja, was soll man denn da gegen Pegida auch tun?“, werden jetzt Viele fragen. Möglicherweise das, was bei den Anti-TTIP und Anti-CETA-Demos so einfach fällt: plakatieren, denn die Montags-Demos haben ja bekannte Strecken. Und weil ich mich ja nicht dem Vorwurf aussetzen möchte, ich würde stets nur unkonstruktiv herumkritteln, hätte ich auch ein paar Vorschläge für öffentlichkeitswirksame Plakate:

„Christ werden statt Islam hassen“, „Fronleichnam war hier mehr los“, „Putin rettet niemanden. Jesus rette uns vor Putin.“ und „‚Wer ist bitte diese Pegida?‘ – Jesus von Nazareth“.

Aber das wäre ja wieder provokant und cool und hat tatsächlich etwas mit der Kirche zu tun. Das geht nicht, denn es sind ja deutsche christliche Laienvereine. Da ist man mit wichtigeren Dingen beschäftigt, bei denen man sich wenigstens nur von unseren wirklich problematischen, gefährlichen und gewalttätigen Mitbürgern Kritik einfängt: von Unternehmern und Wirtschaftsliberalen.

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Über die Angst

Jedes Mal, wenn irgendwo in der Westlichen Welt eine Grausamkeit aus islamistischen Motiven begangen wird, dann kriechen sie aus ihren Löchern: die Täterversteher. Mit einem teilweise absurden Eifer versuchen sie uns zu erklären, dass die Täter keine Täter sind, weil sie zu einer Opfergruppe gehören, nämlich den Muslimen.
Währenddessen steigt bei den konkreten Opfern die Panik und Hilflosigkeit.
Darüber, wie es ist, eine aufgeklärte, postkolonialistisch-dekonstruktivistisch erzogene junge Frau zu sein.

Ich sitze gemütlich in der Ubahn in Milbertshofen, einem Viertel das in der Skala zwischen Neuperlach und Grünwald eher Richtung Neuperlach tendiert. Ich bin in diesem Viertel aufgewachsen. Im Gegensatz zu meinen späteren Klassenkameraden auf dem Gymnasium, die in Schwabing auf bilinguale Waldorfgrundschulen gegangen sind, wo es die Aische und den Mehmet nur in Deutschtexten über Toleranz gab, habe ich mit Aische und Mehmet auf dem Pausenhof „Sailor Moon“ gespielt. Ich fühle mich also in diesem Viertel daheim, ich fahre in dieser Ubahn nicht bereits mit vor Panik weißen Fingerknöcheln in meine Handtasche gekrallt.

Ein junger Mann setzt sich neben mich, er ist schwarz, ganz gut angezogen. „Gehst Du Gymnasium?“, fragt er. „Nein, ich geh auf die Uni.“, antworte ich. Ich lächle. „You beautiful“, sagt er plötzlich. „Danke“, antworte ich. „Can I have your phone number?“ „Sorry, I don’t hand out my number to strangers“, sage ich. Das geht mir zu schnell. „Facebook then?“ „I don’t have facebook“, lüge ich nervös. Ich habe keine Lust auf diese ganze Geschichte, ich möchte nicht in der Ubahn so plump angegraben werden und er sitzt viel zu nah auf mir drauf.
Ich frage mich, ob ich auf ihn nur so reagiere, weil ich seine Erscheinung als fremd wahrnehme. Ich bekomme ein schlechtes Gewissen.
Er schweigt und bleibt sitzen. Ich versuche mich zu beruhigen. Seit in der Nähe unseres Hauses eine Beratungsstelle für Einwanderer aus Schwarzafrika eingerichtet wurde, habe ich öfter mit Afrikanern in der Ubahn geplaudert. In anderen Kulturen wird in den Öffentlichen mit Fremden einfach drauflos geschwatzt. Es muss für sie frustrierend sein, dass viele Deutsche darauf so ablehnend reagieren, weil sie in den Öffentlichen ihre Ruhe haben wollen.

Er meint es vermutlich nicht so.

Trotzdem rast mein Herz. Ich steige aus, er steigt auch aus, wir gehen schweigend nebeneinander her zur Bushaltestelle. Ich werde immer panischer, weil er mir hinterherläuft und mich die ganze Zeit anstarrt. Jedes mal, wenn ich gucke, ob er noch guckt, fängt er meinen Blick auf und blickt mich irgendwie verletzt und trotzdem penetrant an. Hab ich ihm weh getan? Denkt er, ich bin eine arrogante weiße Tussi, die Angst vor Schwarzen hat?
Der Bus braucht zu lange, ich gehe einfach los. Er geht auch los. Immer 3-5 Meter hinter mir. Ich traue mich nicht mehr zu gucken. Ich überlege, ob ich Passanten ansprechen soll, beschleunige meinen Schritt, er ebenso. Am Ende renne ich über die rote Ampel und springe ich in einen anderen Bus, der in die falsche Richtung fährt. Die Türen schließen sich, ich werfe ihm einen letzten Blick zu, während er einfach nur verdattert guckt. Ich sehe, wie er sich umdreht und geht.

Override

Seit diesem Tag habe ich Angst vor fremden schwarzen Männern. Es ist albern. Es ist rassistisch. Ich weiß genau, dass es nicht richtig ist. Aber jedes Mal, wenn sich einer neben mich setzt, breche ich in Angstschweiß aus, in meinen Ohren rauscht das Blut, der Fluchtinstinkt setzt ein. Meine Vernunft sagt mir: hätte ich dasselbe mit einem weißen Mann erlebt, dann hätte ich jetzt keine Angst vor weißen Männern. Aber meine Vernunft hat leider keine Angst, die Angst hat vielmehr mein ganzes System im Griff.
Dazu kommt noch die Sprachbarriere und die Kulturbarriere. Mit Deutschen, Türken, Kurden, Griechen, Bulgaren bin ich aufgewachsen. Ich weiß, wie ich ihre Annäherungsversuche einzuschätzen habe und wie ich darauf antworten kann, ohne gleich beleidigend zu sein. Außerdem kann ich sicher gehen, dass das, was ich zu ihnen sage auch richtig ankommt, weil sie meine Sprache verstehen. Hier bin ich hilflos.

Wieso glaube ich eigentlich, meine Reaktion an die Kultur meines Gegenüber anpassen zu müssen? Habe ich weniger Anspruch auf sein Verständnis, als er auf meines? Ich bin hin – und hergerissen zwischen meinen eigenen Grenzen und dem Anspruch an mich selbst, tolerant und offen zu sein.
Wenn er glaubt, es sei normal, mich so anzuquatschen und ich glaube, es sei normal, ihn dafür auf die Kirchweih zu laden, wer von uns versteht dann den anderen miss?
Verständnis für andere Kulturen war Teil meines Studiums. Trotzdem könnte ich vor Ekel einfach nur um mich schlagen, wenn mir im Untergeschoss des ZOB ein Araber ganz nahe kommt, „Hey Beautiful“ ins Ohr flüstert und, noch ehe ich darauf reagieren kann den fremden, feuchten Atem in meinem Nacken zu spüren, schon über alle Berge ist.

„Woher weißt Du, dass es ein Araber war?“, fragt die postkoloniale Stimme in meinem Kopf. Es ist mir eigentlich egal, woher er kommt. Es ist das fremdartige Verhalten, das durch die Augen meiner eigenen kulturellen Prägung aggressiv, ja sexuell übergriffig ist. Das Verhalten bekommt ein Label in Bezug auf das, was mir noch in Erinnerung ist: sein Aussehen und das war „irgendwie“ arabisch.

Die Unmöglichkeit, Werte gegeinander abzuwägen

Ich weiß nicht mehr, was richtig oder falsch ist. Männern in die Augen zu sehen war für mich immer ganz normal. In letzter Zeit werde ich immer öfter aggressiv angegraben oder sogar beleidigt, wenn ich es tue. Dabei habe ich den Eindruck, dass es mehrheitlich arabisch oder nordafrikanisch aussehende Männer sind. Ich habe den Verdacht, dass der Zuzug aus muslimischen Ländern der Grund ist. Vielleicht ist es dort üblich, dass Frauen ihren Blick senken.
Oder denke ich das nur und es liegt in Wirklichkeit daran, dass ich kein Kind mehr und dadurch für Männer interessant geworden bin? Fallen mir die negativen Reaktionen dieser Männer nur mehr auf, weil ich sie aufgrund meiner unbewussten Angst vor Fremden selektiv als bedrohlicher wahrnehme?
Eigentlich möchte ich aber niemanden anders behandeln, weil ich glaube, dass er aus einer anderen Kultur kommt. Eigentlich möchte ich niemandes Verhalten nur vor dem Hintergrund seiner Kultur sehen.

Also gucke ich weiter in die Augen und habe eben Angst. Schließlich bin ich Feministin, ich habe das Recht, Männern in die Augen zu gucken, ohne, dass sie gleich auf mich losgehen, egal ob Muslim oder nicht.

Es ist auch dieser Feminismus, der mir sagt, dass ich nicht Schuld bin daran, dass sie es tun. Ich war nicht zu auffordernd, zu aufreizend, zu selbstbewusst. Wo kämen wir denn dahin, wenn ich dem nachgäbe?!

Ich habe Angst, dass ich mich irgendwann mal selbst verteidigen müssen werde. Ich möchte gerne ohne Angst leben.

Wenn die eigene Würde an zweite Stelle tritt

Die Vorfälle in Köln haben meine Ängste nur noch verschlimmert und meine Gewissensbisse auch.

Es gibt genügend „Biodeutsche“, die Frauen angrapschen und aggressiv anmachen. Das ist auch mir schon passiert. Meistens reagiere ich darauf deutlich ablehnend und komme dann, nervös aber auch nicht panisch, irgendwie aus der Situation heraus.

An der Ubahnstation in Laim sitzen den ganzen Tag Männer mittleren Alters mit olivbrauner Haut und schwarzen Haaren herum. Wenn ich an ihnen vorbeigehe, höre ich, wie sie unter dem Atem „sexy“ und „beautiful“ raunen. Nach dem dritten oder vierten Mal innerhalb von zwei Wochen sehe ich sie an, hänge die Zunge heraus und mache Würgegeräusche. „Schlampe“, sagt einer und spuckt aus.

Wieso habe ich Angst, jemanden zu beleidigen, der mich „Schlampe“ nennt? Weil ich denke, ich hätte falsch auf sie reagiert und es sei nur ein unschuldiges Kompliment gewesen und kein sexistischer Übergriff. Meine kulturelle Sensibilität bringt mich dazu, als Schlampe bezeichnet zu werden als adäquate Reaktion dieser Männer zu akzeptieren.

Die Situation ist ein Schachmatt. Würde ich offensichtliche Neu-Migranten behandeln, wie alle anderen, dann müsste ich ihnen jetzt den Marsch blasen. In diesem Fall wäre die nicht-diskriminierende Variante eigentlich, mit Angriff zu reagieren. Aber das kann und will ich nicht, einerseits, weil ich zu viel Angst habe, dass sie auf mich losgehen, andererseits, weil ich auch nicht als rassistisch oder diskriminierend erscheinen möchte. Für Außenstehende ist ja nicht ersichtlich, wieso ich auf die Typen losgehe.

Wie kann ich Menschen, die mich wie Dreck behandeln mitteilen, dass ich sie zwar als Menschen gleichwertig behandeln möchte, aber ihnen zugleich die Grenzen aufzeigen, wenn es darum geht, wie sie mich als Frau behandeln?

Noch dazu, wenn sie in vielen Fällen viel zu schlecht Deutsch sprechen, um zu verstehen, was ich ihnen sagen möchte. Am Ende kommt womöglich nur an, dass die deutschen Frauen Furien sind, die alle muslimischen Männer hassen.

Ich tue, als hätte ich es nicht gesehen. Sie wissen aber, dass ich es gesehen habe und nehmen es vermutlich als Sieg auf: sie dürfen das.

Haben wir kein Recht auf Solidarität und Schutz?

Wenn die Vernunft aber solche Zirkel zieht, der moralische Kompass schlingert, dann reagiert die Angst in der konkreten Situation in Zehntelsekunden und macht einfach, was ihr richtig erscheint.

Angst sortiert die Umgebung in ein intellektuell so gut wie unzugängliches Raster, Angst ist somit im Zweifelsfall auch fremdenfeindlich, weil sie schnell oberflächliche Reize aufnimmt und besonders auf das Unvertraute mit Alarmbereitschaft reagiert.

Frauen, die eine Hand in ihrem Schritt, eine auf ihrem Busen und eine an ihrem Hintern haben, während man ihnen den Geldbeutel und das Handy klaut, zu sagen, ihre in der Angst getroffene Einschätzung sei diskriminierend, ist daher einfach nur unmenschlich.

Nicht nur Frauen, auch Homosexuelle und Juden müssen Angst haben und haben diese auf der Basis ihrer bisher gemachten Erfahrungen. Darunter viele Menschen wie ich, die eine Ausbildung in postkolonialen Studien genossen haben, die in einer kulturell diversen Atmosphäre aufgewachsen sind und sich in ständiger Selbstreflexivität überwachen, die eigentlich nur das Richtige tun wollen, haben diese Angst.

Wenn über die Hälfte der Bevölkerung eigentlich Angst haben muss, aber sich oft aus politischen Gründen nicht trauen mag, diese Angst zu formulieren, wenn es jedes Mal einen Shitstorm gibt, wenn jemand sagt, er habe Angst vor einer Personengruppe, deren Mitglieder sich ihm gegenüber mehrfach bedrohlich oder gewalttätig verhalten haben, dann ist es an der Zeit, zumindest diese Angst als politische Realität wahrzunehmen, wenn auch nicht als Argument. Als Realität, die sich nicht nur in den intellektuell düsteren Schädelhöhlen Rechtsradikaler aufhält, sondern die auch gebildete, offene, bemühte Menschen befällt, dieselben Menschen, die vor ein paar Monaten mit Wasser und Plüschtieren an Bahnsteigen gewartet haben.

Diese Angst benötigt einen Kanal, der sie in eine konstruktive Energie umwandelt, bevor sie sich mehrheitlich in das Wählen der AfD ergießen kann. Doch dafür müsste sie erst Mal ernst genommen, statt mit noch mehr schlechtem Gewissen beladen zu werden.

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Über den gerechten Krieg

Flüchtlinge, Flüchtlinge, Flüchtlinge. Der Deutsche, der gerne andere mit seinem guten Rat belästigt, ist geradezu beglückt davon, dass nun die Rat- und Hilfesuchenden direkt zu ihm kommen. Zugleich ist der brave Deutsche aber auch realistisch genug, um zu sehen, dass er finanziell und kulturell möglicherweise bald an seine Grenzen stoßen wird, und langsam geben immer mehr Leute zu, dass möglicherweise eine militärische Intervention in Syrien nicht nur den Flüchtlingsstrom an der Quelle abgedämpft hätte, sondern – und das ist ein Problem das in der Zukunft noch viel größer werden könnte – auch Syrien vor der Entvölkerung bewahrt hätte. Die deutschen Intellektuellen stehen vor dem Ende eines ihrer liebsten Dogmen.

In den 2000ern stand Deutschland vor der Entscheidung, ob es in den Zweiten Irakkrieg eintreten solle. Die Bevölkerung und die Journaille waren so gut wie einmütig: Deutschland solle sich nicht an einer militärischen Intervention beteiligen. Die Argumentation waberte irgendwo zwischen dem Heraufbeschwören eines amerikanisch-kulturimperialistischen Neokolonialismus und der Binsenweisheit, Krieg sei immer eine Niederlage für die Menschheit. Das Ablehnen des Ergreifens jedweder kriegerischen Initiative war so tief in den Geist der Deutschen eingedrungen, dass es absolut in Ordnung war, wenn Schülermitvertretungen ohne Erlaubnis der Eltern 11- und 12-jährige auf dem Pausenhof gegen den Irakkrieg demonstrieren ließen. Bei so viel Übereinstimmung ist es kein Wunder, dass man natürlich auch Recht behalten musste: Die Massenvernichtungswaffen wurden laut offizieller Meldungen nie gefunden – dass selbst der Verdacht auf solche komplett erfunden und das eigentliche Ziel des Kriegs die Aneignung der Ölförderstellen gewesen sei, sickerte anschließend von der Verschwörungstheorie in den Mainstream. 2005 erzählte mir als 14jähriger eine deutsche Sozialpädagogin der Stadt München, 9/11 sei eine CIA-Aktion zur Rechtfertigung des Krieges gewesen. Medienvertreter in den Twin Towers seien informiert gewesen und hielten sich deshalb außerhalb auf, um filmen zu können. Auch die laut diversen kursierenden antisemitischen Kommentare angeblich vorher informierten Juden, die nicht zur Arbeit im WTC erschienen seien, tauchten in dieser Geschichte auf.

Einen Krieg kann man gar nicht gewinnen dürfen können wollen

Der Irakkrieg wie auch der Afghanistankrieg gelten jedenfalls aus deutscher Sicht heute irgendwie als verloren und weitere Schandflecke auf der moralisch längst nicht mehr weißen Weste des Westens. Dass nicht nur Osama bin Laden und andere Terroristen gefasst wurden, die für Terroranschläge bisher nie dagewesener Qualität verantwortlich waren, wird dabei geflissentlich ignoriert oder sogar bespöttelt, inklusive des Sturzes Saddam Husseins, eines jener Diktatoren, die den Nahen Osten unter Duldung des Abendlandes in eben diesen Zustand gebracht haben, den er heute hat und deren Politik ebendiese unmündige, unorganisierte, verängstigte und gewaltbereite Bevölkerung zu verdanken ist, die auch weiterhin jedwede Stabilisierung der Region unmöglich machen wird – sei es freiwillig oder nicht.

Aber für den Deutschen ist Krieg bereits an sich sinn- und erfolglos, jeder errungene Sieg letztlich nur ein Pyrrhussieg, der durch das Aufgeben irgendwelcher angeblicher Gesellschaftswerte (doch nicht etwa die sonst immer so belächelten jüdisch-christlichen Werte?) erkauft wurde.

Deutschland wie es heute ist verdanken wir eigentlich dem Krieg

Das ist umso skurriler, als schließlich Deutschland das Land ist, das selbst durch die Amerikaner in einer militärischen Intervention von einem der blutigsten Diktatoren der Menschheitsgeschichte und einem Krieg befreit wurde, der bis heute voller Angst als Weltkrieg bezeichnet wird. Als wäre das nicht genug, haben dann auch noch die fremden Besatzungsmächte die erste dauerhaft stabile Demokratie in Deutschland geschaffen – eine Möglichkeit, die dem Irak und Afghanistan nun verwehrt wird, weil sich die Truppen überstürzter zurückziehen, als der Papst aus einer Tabledancebar. Dass die einheimischen Mitarbeiter der Besatzungsmächte aufgrund dieses Abzuges nun ihr Heil in der Flucht suchen müssen, ist dann natürlich ein Sieg für die Menschlichkeit, oder so ähnlich.

Die deutsche Abneigung gegenüber allem Kriegerischen geht so weit, die Tatsache zu ignorieren, dass unser gegenwärtiger Wohlstand nur durch die Verhinderung eines Dritten Weltkrieges auf deutschem Boden zustande gekommen ist – und zwar durch das konsequente Aufrüsten der ach-so-kriegswütigen Amerikaner gegen die Russen.

Statt demütig vor dem Schutz und der Hilfe Amerikas zu stehen und ihr bisheriges Erfolgsrezept nach Kräften zu unterstützen, lullt sich der Deutsche aber lieber in den Mythos ein, das alles sei irgendwie ein Erfolg der deutschen Friedensbewegung gewesen, die in Wirklichkeit nichts getan hat als die Situation permanent zu verschärfen und den deutschen Politikern das Leben zu erschweren. Die „Adenauerzeit“ steht für die deutschen Medien in den Top Ten der Schreckensherrschaften direkt unter der „NS-Zeit“ und das, obwohl sie eigentlich den wirtschaftlichen Aufstieg einer jungen Demokratie begleitete, inklusive Presse- und Meinungsfreiheit sowie Rechtsstaatlichkeit. Am liebsten dämonisiert man sie im Vergleich zur drollig-verträumten DDR, die in Wirklichkeit nichts weiter war, als ein sozialistisches Gefängnis für 17 Millionen Deutsche, in dem man zwar ständig röhrte, man sei Vorreiter des Friedens, aber als russischer Satellitenstaat kräftig jene Stellvertreterkriege unterstützte, die wir bis heute aus irgend einem Grund am liebsten Amerika anhängen. Für Frieden zu sein genügt offenbar schon und ist auch viel bequemer und sauberer, als wirklich für Frieden zu sorgen. Ganz abgesehen davon ist verhindertes Unheil im Gegensatz zu geschehenem natürlich weniger sichtbar. Wir wissen nicht, was passiert wäre, wenn die USA der UdSSR nicht Paroli geboten hätten. Allerdings könnten wir es uns denken, wenn wir wollten.

Aus der Vergangenheit wird nur gelernt, was man schon zu wissen meint

Man würde es sich zu leicht machen, behauptete man, die irrationale deutsche Panik vor allem, was mit Krieg oder auch nur Militär zu tun hat, hinge mit den Erfahrungen aus den gerade genannten Auseinandersetzungen zusammen. Nach dieser Logik hätte es niemals einen Zweiten Weltkrieg geben dürfen. Der Grund hierfür liegt meiner Meinung nach eher in der Art der sogenannten Aufarbeitung des Zweiten Weltkrieges.

Vermutlich haben Sie sich beim Lesen meiner bisherigen Ausführungen ungemein erzürnt: Wie ich hier über den Verlust von Menschenleben, das Zerstören von Schicksalen hinwegfege, ist doch unmenschlich, nicht wahr? Genau nach diesen Kriterien wird heute an den Schulen über Kriege unterrichtet und in den Zeitungen geschrieben: Was wirklich zählt, ist die persönliche Perspektive, das gute beziehungsweise schlechte Gefühl, das man bei einer Sache hat. Die Schüler wissen nicht mehr so richtig, wann der Kriegseintritt der Amerikaner war und was den Anlass hierfür darstellte, dafür wissen sie, was das Leibgericht von Anna Seghers war und haben pflichtschuldigst ein, zweimal in einer KZ-Gedenkstätte bedrückt drein geblickt. Dass die KZs Gedenkstätten sind und nicht mehr in Betrieb, liegt übrigens am Kriegseintritt der USA. Es ist wichtig zu vermitteln, dass Kriege nicht lustig sind, dass sie Leben zerstören können, und es ist sinnvoll, Einzelschicksale nachzuvollziehen, um den Geist der Zeit einzufangen – aber die globale Perspektive ist mindestens ebenso wichtig. Aus dieser globalen Perspektive hat voreiliger Krieg schon oft Länder auf Dauer zerstört und destabilisiert, aber ebenso gibt es genug Beispiele dafür, wie das militärische Eingreifen außenstehender Mächte viel Schlimmeres verhindern konnte.

Saubere Hände muss man sich leisten können

Das hätte möglicherweise vor einigen Jahren auch für Syrien gegolten, aber in den Medien dachte man an Bilder von Müttern, die schreiend mit bloßen Händen in Schutthaufen graben und nicht daran, dass man eine ganze Region für Jahrzehnte (und Jahrhunderte?) einem mörderischen Schicksal überlassen wird. Mehrere Jahre militärischer Zurückhaltung später hat man nun genau diese Bilder von Müttern, die schreiend mit bloßen Händen in Schutthaufen wühlen, aber wenigstens ist man nicht selbst schuld daran. Stattdessen lässt sich der moralische Zeigefinger wieder trefflich ausstrecken: Das ist eben die Folge, wenn die unbelehrbaren Barbaren Krieg führen. Da sag noch mal einer, die Kriegsbefürworter seien zynisch.

Bei der Befürwortung derartiger Interventionen geht es nicht um das Aufrechnen von Toten – bringen wir mehr um, wenn wir nichts tun, oder wenn wir eingreifen – es geht um den Schutz von Lebenden, von Lebensräumen und Kulturen. Es geht auch um Selbstschutz, nicht vor den Flüchtlingen, sondern vor den Leuten, vor denen diese jetzt fliehen. Dabei wird man keine sauberen Hände behalten können, aber es gibt eben Wichtigeres.

Um die sauberen Hände geht es unter anderem auch wichtigen christlichen Persönlichkeiten, die in den letzten 60 Jahren spontan entschieden haben, dass sie Kriege jetzt doch nicht mit den 2000 Jahre alten christlichen Werten verknüpfen können. Das ist billig. Es ist leicht, wie der Papst oder andere Kirchenhäupter für Frieden und Deeskalation zu werben, wenn man weiterhin nicht in der Position ist, etwas dafür zu tun, außer zu beten. Meinetwegen können sie damit gerne fortfahren, vielleicht hilft es ja etwas. Aber sie disqualifizieren sich, indem sie dabei aus Prinzip die Mittel ablehnen die zu eben diesem Frieden realistischerweise führen könnten.

Angesichts der Lage in Syrien ist das im Grunde so zynisch, wie jene Fundamentalisten, die am Bett ihres todkranken Kindes beten, weil sie die Form einer möglichen medizinischen Behandlung ablehnen.

Der Christ, der dem Anspruch des praktischen Handelns ausgeliefert ist, wird sich ab und an eben auch nicht vor dem Krieg drücken können. So traurig, schrecklich und brutal das auch ist – spätestens dann nicht, wenn er ihm aufgezwungen wird. Denn wenn Krieg ist und nur die anderen gehen hin, dann kommt der Krieg zu uns.

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