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Wer Kinder liebt, pfeift auf Kindergottesdienste

Heute werden zahlreiche regelmäßige Gottesdienstbesucher den Pfarrgemeinden fernbleiben. Es ist Weißer Sonntag, aka Kinderbibelspieltag feat. Erstkommunion. Kindergottesdienste sind schon für Erwachsene kaum zu ertragen. Wieso tun wir das unseren Kindern an?

Es ist ein Schauspiel, bei dem man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. In den Bänken sitzen hibbelige Buben, Mädchen und Eltern herausgeputzt für ihren großen Tag, vorne hüpft eine Mittvierzigerin in langen Röcken herum und singt schief „Fürchte Dich nicht“. Dann treten die Kinder der Reihe nach vor und verlesen in schleppendem Ton Fürbitten, die sie selbst nicht geschrieben haben, die aber angeblich ihre Sorgen und Nöte aufgreifen. Für gegen den Klimawandel. Für gegen einsame Kinder. Für gegen Krieg in Syrien. Ein Kind heult, weil es sein Sprüchlein vergessen hat. Aufruhr im Altarraum. Nach dem läppischen Spektakel haben die Kinder zwar Erstkommunion gehabt, aber wie ein normaler Gottesdienst aussieht, wissen sie immer noch nicht. Ebenso wenig könnte man behaupten, sie seien nun Teil der Gemeinde. Die war nämlich nicht da, weil sie im Pfarrbrief gelesen hat, dass Kindergottesdienst ist. Die Besucher der Kindergottesdienste bilden in den Pfarrgemeinden eine sorgsam herangezüchtete Parallelkultur. Wer Veranstaltungen für Familien organisieren möchte, begibt sich entweder auf das Niveau „Malen und Klatschen“ oder stößt auf Unverständnis. Die Liturgie wird für diese Veranstaltungen bis zur Unkenntlichkeit verbogen und zerstückelt. Ein Pfarrer, der da nicht mitmachen möchte, stört im Zweifelsfall nur die Harmonie und wird dann eben zum Gottesdienstgültigmacher degradiert.

Alters-Segregation und ihre Folgen

Die Botschaft dieser degenerierten, pädagogisch vorgekauten Eucharistiefeiern ist fatal: Wenn es spezielle Gottesdienste für Kinder bzw. Familien gibt, dann muss ja mit den „normalen“ Gottesdiensten etwas nicht stimmen, sie müssen schädlich für Kinder sein oder zumindest sind Familien dort nicht erwünscht. Die meisten Familien, die man bei den Kindergottesdiensten sieht, sieht man dann folgerichtig an anderen Sonntagen nicht. Es wirkt, als wolle man der Gemeinde die Kinder nicht zumuten und den Kindern die Gemeinde nicht. Etwas, das dafür gedacht war, Kindern den Gottesdienst nahezubringen, hat schon längst dazu geführt, dass Kinder vom Gottesdienst ferngehalten werden.

Wir sollten doch eigentlich froh sein, wenn auf den Fluren unserer Gotteshäuser lärmend Kinder auf- und abziehen. Nicht nur bedeutet das, dass es in der Gemeinde überhaupt noch Kinder gibt, sondern die Kinder wachsen auch mit dem Rhythmus und der Ästhetik des „richtigen“ Gottesdiensts auf. Da wird nicht gemalt und geklatscht, es spielt die Orgel statt dem Keyboard und gelegentlich muss man auch mal stillsitzen.

Dabei erbringen die Gottesdienste nicht einmal den intendierten Nutzen. Angesichts der schwindenden Zahl der Täuflinge, Erstkommunikanten und Firmlinge in Deutschland müssten sich die Kinderbeglücker eigentlich in die Stille Ecke stellen. Religionsgemeinschaften, die weiterhin wachsen, weisen hingegen meist kein überragendes religionspädagogisches Konzept auf. Oder glauben Sie, die Moschee in Ihrer Nähe bietet Mitmachgottesdienste für coole Kids an?

Wenn Sie mal in einer Synagoge, einer Moschee, einer (wie auch immer gearteten) orthodoxen oder einer evangelikalen Kirche gewesen sind, dann werden Sie bemerkt haben, dass nicht nur genauso viele Kinder da sind wie bei uns im Kindergottesdienst, sondern dass sich auch niemand nur das Schwarze unterm Fingernagel darum schert. Warum? Weil die Eltern nicht in einer Parallelwelt leben, sondern in der Gemeinde. Weil die Gemeinde die Kinder nicht nur erträgt, sondern als Teil ihrer selbst betrachtet und deshalb niemand auch nur das Konzept Kindergottesdienst verstehen würde. Für die Kinderkatechese gibt es Veranstaltungen wie Sonntags-, Freitags- oder Sabbat-Schulen, Kinderpredigten die parallel zur Predigt im Gottesdienst stattfinden (ein Konzept, das es freilich auch in katholischen Gemeinden gibt) oder halt eben: nichts. Die grundlegende Haltung ist, dass die Kinder sich im Laufe der Jahre schon an die Gebetszeiten oder Gottesdienste gewöhnen würden. Da muss man sich schon die Frage gefallen lassen, wieso wir als einzige glauben, unsere Kinder seien zu blöd für ihre eigene Religion.

The 80s called. They want their youth culture back.

Kommen wir zurück auf die Mittvierzigerin im Altarraum. Sie würde sich selbst als junggeblieben bezeichnen und das ist sie auch. Nämlich geistig in den Achtzigern hängen geblieben. Sie romantisiert den Zeitvertreib ihrer Jugend und glaubt, dass immer noch cool ist, was sie damals cool fand. (Im Zweifelsfall das, was ihre Mitte der Sechziger sozialisierten Betreuer cool fanden). Damit es jeder merkt, nennt sie es auch „cool“. (Es gibt nämlich bekanntlich nichts Cooleres, als zu sagen, dass man cool ist.) Diese Leute lassen wir dann auf eine Generation los, die heimlich zwischen zwei Runden Zeitungsschlagen auf dem Klo ihrem Fuckboy snapchattet.

Keiner kann ernsthaft erwarten, dass Teenager beispielsweise eine Pastoralreferentin – eine Person, die so lame ist, dass sie Theologie studiert hat, aber nicht einmal das gescheit – als Gegenüber auf Augenhöhe geschweige denn als Freundin wahrnehmen. Die gesamte Klatschen-und-Malen-Fraktion mit ihrer Fairtrade-Schokolade und ihren Trekkingsandalen kann schon froh sein, wenn sie als Autorität durchgeht. Und selbst diese Rolle ist man nicht bereit auszufüllen. Nein, den Meinungen der Jugend gegenüber präsentiert man sich butterweich. Konfrontation wird gescheut, Positionen nicht bezogen. Egal wie weit sich der Teenager aus dem Fenster lehnt, man reagiert mit Verständnis. Man ist ja froh, wenn er mitmacht und genau diese unterwürfige Position vermittelt man ihm auch. Wer soll eine Kirche ohne Rückgrat ernst nehmen?

Jedem Teenager, der sich unter diesen Umständen nicht firmen lässt, kann man nur gratulieren: Denn wenigstens beweist er Rückgrat und lässt sich nicht mit Geschenken bestechen. Letztere sind nämlich der Grund, wieso sich Jugendliche diese unwürdige, nach Verzweiflung und Selbstbetrug stinkende Dilettantenshow reinziehen, die wir Firmvorbereitung und -gottesdienst nennen.

Das einzige, wonach sich heutige Generationen sehnen, Authentizität, gibt man ihnen nicht. Und sie selbst können sich diese Authentizität auch nicht zurückholen. Sie wüssten nicht wie, weil sie ja von Kindesbeinen an nie in einem normalen Gottesdienst waren und keiner ihnen beigebracht hat, wie man sich dort verhält, geschweige denn wie so etwas funktioniert.

Wo Kindergottesdienst ist, leiden die Eltern am meisten

Die Religiosität derer, die eigentlich die wichtigste Rolle bei der Sozialisation ihrer Kinder spielen sollten, die der Eltern, wird hingegen nicht im Geringsten angesprochen.

Gerade ihnen sollte man die Teilnahme am Gottesdienst doch erleichtern. Sie könnten ihn ganz bewusst als ihre Erwachsenenzeit etablieren, die Eltern doch oft so dringend brauchen. Aber nein. Sie haben die Wahl: Entweder sie sitzen als einzige mit Kind in einem normalen Gottesdienst und werden ob der unvermeidlichen Lautstärke böse angeguckt, oder sie verbringen die nächsten 17 Jahre damit, religionspädagogische Hits aus den Siebzigern zu den schiefen Klängen der debil grinsenden geriatrischen Jugendband zu singen. Auf mehrstündige Festgottesdienste müssen sie dafür komplett verzichten. Auch hier hilft der Blick in andere Religionen: Charismatische Konfessionen oder Synagogen bieten z.B. für die aufwändigeren Feiertage Kinderbetreuungen an, damit die Eltern auch diese mitfeiern können. Aber wer interessiert sich schon für die Religionsausübung von Erwachsenen?

Gerade hier liegt der Hund begraben. Unsere Religionspädagogik ist geschaffen, um imaginierte Kinder- und Jugendwünsche zu erfüllen und nicht dafür, unsere Kinder und Jugendlichen zu kompetenten, religionsmündigen Erwachsenen zu machen. Sie hält Kinder und Jugendliche gezielt uninformiert und klein, damit sich eine ganze Kaste von pädagogischen Drohnen möglichst lange an ihnen abarbeiten kann.

Wie unzureichend sie das auf ein Leben als Christ vorbereitet, zeigt die gähnende Leere in unseren Kirchenbänken.

Schafft die Kindergottesdienste ab. Und lasst die Kinder wieder in die Gottesdienste.

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Über Biotechnologie und Barmherzigkeit

Vor einigen Wochen veröffentlichte Bavarikon – eine Online-Datenbank für Schrift- und Bildzeugnisse der Bayerischen Geschichte – Bilder, die Experimente bezüglich der Düngung mit Kalisalz dokumentieren.

Für viele mögen diese Bilder in den Bereich „special interest“ fallen. Dabei sind sie ein deutliches Signal an die heutige Gesellschaft.

Ein Landwirt aus Unterfranken demonstriert die verdreifachte Kartoffelernte.

Was die bayerischen Landwirte da auf ihren bescheidenen Höfen, in ihren Scheunen demonstrieren, ist eine Chance für fünfeinhalb Millionen. So viele Einwohner hatte Bayern Anfang des 20. Jahrhunderts, als diese Bilder aufgenommen wurden.

Der Hass der Satten auf den Hunger

Seit Ende des 18. Jahrhunderts wächst die Bevölkerung Bayerns. Sie wächst rasant. Alle dreißig Jahre um eine Million.

Die Menschen sind in vielen Gegenden Bayerns arm, für ihre Versorgung reichen die Felderträge des Landes kaum aus. Die Menschen in den strukturschwachen Regionen fliehen aus der ländlichen Armut in die Städte. Die Zahl der Bettler, Berufskriminellen und Armenhäusler schwillt an.

Viele der bessergestellten Bürger begegnen den Massen mit Ekel. Abhandlungen werden geschrieben, darüber, dass die Vermehrung dieses sozialen Abfalls dringend gestoppt werden müsse. Es fehle diesen Schichten an Anstand, Bildung, Vernunft, Disziplin. Deshalb setzten sie weiter sinnlos Kinder in die Welt, die dem Staat und den Wohltätigkeitsvereinen die Haare vom Kopf fressen. Diese Autoren legen den Grundstein für die Legitimation der Vernichtungslust des NS-Regimes.

Sie beschreiben Hungersnöte gar als natürliches Ereignis, welches dem ungebührlichen Wachstum der niederen Schichten in regelmäßigen Abständen die so dringend benötigte Grenze setze, nachdem der Mensch in seiner Dreistigkeit für dasselbe durch bessere Lebensumstände gesorgt habe. Die Regierung erhöht Anfang des 19. Jahrhunderts die Gebühren für Eheschließungen, in der Hoffnung die Geburtenzahlen zu senken.

Praktisch durch alle gesellschaftlichen Gruppierungen der gebildeten Schichten Deutschlands hinweg, bei Aufklärern, Katholiken, Protestanten und Atheisten brachen sich Misanthropie, materialistisch-unempathische Gesellschafts- und Menschenbilder und bürgerlicher Standesdünkel ungebremst Bahn. Bürgerliche Wohlfahrtseinrichtungen wurden belächelt oder gar als Teil des Problems betrachtet.

Nicht weniger feindselig trat man auch denjenigen entgegen, die versuchten, technische Lösungen für das deutsche Ernährungsproblem zu finden. Eindrucksvoll zeigt sich diese Haltung bei der Ursachensuche für die Hungerkrise, die 1816/17 durch einen Vulkanausbruch hervorgerufen wurde.

Ausgerechnet die neu entwickelte moderne Fruchtfolge, welche Erträge in ganz Deutschland hatte verbessern können, wurde jetzt als „unnatürlich“ und „den Boden auslaugend“ verdammt. Man erfand eine krude Theorie über ein energetisches Missverhältnis von Himmel und Ackerboden, das zu den heftigen Regengüssen geführt habe. Andere hingegen glaubten gar nicht an eine Missernte und spuckten Hass und Galle auf Juden, Franzosen, Österreicher, Aufklärer, Jesuiten und/oder Montgelas‘ Wirtschaftspolitik.

Was wir auf den Bildern sehen können, ist der Triumph über den Dünkel, über jene Satten, die den Hungernden das Leben nicht gönnten. Mit der durch Justus von Liebig erfundenen Kalidüngung stiegen die Erträge bis ins Jahr 1913 um bis zu 90%.

Der Hunger war besiegt. Für alle. Die neue Technologie würde mehr Leben retten als zwei Weltkriege zu rauben im Begriff waren.

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Mein Urgroßvater Sebstian Räuschl auf seinem Hof in in Milbertshofen (zwischen den Weltkriegen).

Nichts gelernt

Doch die Technophobiker, die Forschrittsverweigerer und Menschenhasser sind nicht verschwunden, und ihre Rhetorik ist es auch nicht.

Im Angesicht des Klimawandels und der Globalisierung sind unsere Herausforderungen heute gewachsen.

Wieder ekeln sich Menschen vor der Armut und dem Lebenshunger der anderen, besonders gerne auf globaler Ebene.

„Chinas Hunger nach Fleisch“, wird getitelt, oder „Indiens neue Lust am Fahren“. Unerhört ist es dem Deutschen, dass andere es auch so bequem und schön haben wollen, wie er. Da bräuchten wir ja zwei Erden! Besser wäre es, sie lernten seine (eingebildete) Zurückhaltung – mit dem Babymachen, dem Energieverbrauch, dem Autofahren und dem Fleischkonsum.

Wieder wird der Begriff des „Natürlichen“ in den Raum gestellt. Der Chinese solle doch bitte bei seiner angestammten tierproduktarmen Ernährungsweise bleiben und aufhören, sich so viele Autos zu kaufen, statt den Fehler der Deutschen zu wiederholen. Die globale Plebs möge doch bitte im ihr zugedachten Authentizitätsrahmen verbleiben.

Wer versucht, das Problem anders als durch zwangsweise Disziplinierung der gesamten Menschheit zu lösen, wird mit Feindseligkeit und Argwohn beobachtet.

Sollen sie doch Kuchen essen

Dass die Kulturbanane als Klon nur durch Gentechnik zu retten ist, ist egal, denn der Deutsche ist nicht darauf angewiesen. Sollen die Inder doch Äpfel vom Bodensee essen. Bio-Qualität.

Gleiches gilt für die Auster, die ihm als Luxusgut ohnehin suspekt ist – dass ihr Sterben für ganze europäische Küstenlinien ein Desaster ist, interessiert ihn nicht, weil die landwirtschaftliche Nutzung der Meere sowieso ein widernatürliches Verbrechen gegen Mutter Erde ist.

Die Bekämpfung von Vitamin-A-Mangel durch Goldenen Reis setzt am falschen Ende an, weil Gentechnik unnatürlich ist. Das wird der Asiate schon noch einsehen müssen.

Und dass die Inder eine insektenresistente Auberginensorte – ein Grundnahrungsmittel für viele Regionen – vollkommen idiotischerweise aus dem Land gejagt haben, weil westliche Greenpeace-Aktivisten die Bevölkerung aufstachelten, nimmt er als Sieg für die gute Sache.

Mit einer dekadenten Lust am Untergang beobachtet er den Klimawandel, spuckt Drohungen und Mahnungen gegen alle, die er – wir erinnern uns – sowieso hasst. Gegen die Großkonzerne natürlich, gegen den Freihandel, gegen die Amerikaner, gegen den Pöbel im eigenen und fernen Land. Denjenigen, die sich nicht wie er im Untergangsgrusel aalen wollen und stattdessen irgendwie versuchen, technische Wege zu finden, um die wie ein Damokles-Schwert über den armen Regionen hängenden Folgen des Klimawandels abzufangen, legt er Steine in den Weg.

Das kann er, denn im satten Deutschland wird er ohnehin nie hungern. Lieber kauft er sich Biolebensmittel, schließlich kann er es sich leisten, aus ideologischen Gründen Anbauflächen zu verschwenden. Noch schlimmer: Die strengen Auflagen der EU gegenüber gentechnisch veränderten Lebensmitteln werden in Entwicklungsländer, die doch auf den landwirtschaftlichen Fortschritt doppelt angewiesen sind, übertragen und stolz ist man auch noch ‚drauf. Während dort einfach oft das Geld für die eigene Forschung fehlt und man hofft, die Europäer wüssten schon, was sie tun.

Biotechnologie ist eine Frage der Menschenwürde und der Barmherzigkeit

Doch nur mit der Gentechnik können schnell und sicher Pflanzensorten gezüchtet werden, die den neuen klimatischen Bedingungen und Schädlingen widerstehen.

„Natürlichkeit“ als Wert gegenüber Menschenleben aufzuwiegen ist zynisch und kaltherzig. Es ist Teil unserer Verantwortung als Christen, auf dieses Missverhältnis hinzuweisen und diejenigen zu unterstützen, die helfen wollen, statt mit dem Finger auf diejenigen zu zeigen, die hungern und nach Gerechtigkeit suchen. Und so hat die katholische Kirche dies, fast heimlich, und von Vielen unbeachtet schon seit längerem verfolgt. 2009 verurteilte beispielsweise die Päpstliche Akademie der Wissenschaften die restriktive Ablehnung der Gentechnik durch die EU sowie den Import ihrer Richtlinien in Entwicklungsländer. 2013 segnete Papst Franziskus den „Goldenen Reis“ und dürfte somit auf den katholischen Philippinen dessen Toleranz erheblich verbessert haben. In der Enzyklika Laudato Si weist er explizit darauf hin, dass Gentechnik und Agrar-Innovationen nicht „unnatürlich“ sind und nicht per se schlecht – er kritisiert zwar ihre sozio-ökonomische Umsetzung (er kann eben nicht aus seiner wirtschaftspolitisch linken Haut) – warnt aber davor, das Wohl des Menschen einem ideologisch-verbohrten Naturschutz unterzuordnen. (§131-136)

Blicken wir nochmals auf die Bilder aus der Sammlung des Hauses der Bayerischen Geschichte. Sie zeigen unsere Ahnen, die das Nötige vollbracht haben, die mutig vorangegangen sind, um mit Cleverness und Flexibilität den Wohlstand schufen, in dem wir heute leben und den wir mit anderen teilen sollten.

Wer also durch den Kauf von Biolebensmitteln oder die Mitgliedschaft in bestimmten Lobbyvereinigungen gezielt den landwirtschaftlichen Fortschritt torpediert, der verrät damit jene Teile der Weltbevölkerung, die auf innovative Lösungen angewiesen sind, um sich ernähren zu können.

Barmherzigkeit ist nie kostenlos. In diesem Fall kostet sie uns vor allem liebgewonnene Überzeugungen.

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Der „Humanist“ in meinem Newsfeed

Lieber „Humanist“ in meinem Newsfeed,

seit ein Paar Monaten bin ich nun schon mit Dir befreundet. Ich kenne Dich nicht so gut, aber weil Du so fleißig postest, weiß ich schon viel über Dich. Z.B., dass Du denkst, dass Du schlauer bist als ich, weil Du nicht an Gott glaubst und dass Du davon überzeugt bist, dass „Nazi“ schon am konservativen Rande der SPD beginnt. Genau wie ich würdest Du sagen, Du bist „liberal“. Ich verstehe das nicht. Ich dachte immer, Liberalismus steht für Freiheit.

„Die meisten Menschen sind einfach nur noch widerlich.“

hast Du gestern geschrieben.

Solche vagen Facebookposts, die implizieren, dass es einem nicht gut geht, ohne klarzustellen, worum es geht, sind ja eigentlich ohnehin schon als social-Media-inkompetente Vorgehensweise legendär. Natürlich hast Du Leute unter Deinen Freunden, die auf diese aufmerksamkeitsheischende Masche hereinfallen. Warum? Wird gefragt.

„Nichts spezielles. Aber sieh dich einfach mal um und lies die Kommentare unter Medienberichten.“

Ist die Antwort. Oh „Humanist“ in meinem Newsfeed, Du bist so eine besondere Schneeflocke mit Deinen Gefühlen und Träumen und Wünschen. Du willst diese Welt zu einem besseren Ort machen. Du schreibst nämlich nur nette Dinge über Deine Mitmenschen. So teiltest Du alleine in der letzten Woche insgesamt sechs Nachrichten, die als „Strawman argument“ gegen religiöse Menschen dienen sollen. Es handelt sich um Extrembeispiele, größtenteils aus den USA , von Muslimen, Christen oder Juden, die religiös gegen naturwissenschaftliche Überzeugungen angehen, deren Argumente verkürzt und damit zur Lächerlichkeit verzerrt werden oder die Atheisten, Homosexuelle oder Frauen unmenschlich behandeln. Neben den naiven politischen Posts der Marke „alles Nazis außer Mutti“ verbreitest Du also auch noch grob menschenfeindliche Propaganda, beispielsweise dass die Situation chinesischer Katholiken „Säkularisierung“ und damit letztlich wünschenswert sei.

Während Du Dich also über den „wiederlichen“ Ton in der Debatte beschwerst und für mehr Toleranz und Offenheit in der Gesellschaft wirbst, teilst Du auf der anderen Seite Memes des Inhalts,

„Scooby-Doo teaches kids that everything supernatural or otherwordly is just some asshole trying to scare you so they can make some money“

also dass alle religiösen Institutionen mit z.B. alternativen Medizinern und Esoterikanbietern gleichzusetzen, sowie alle nur Arschlöcher sind, die aus der Angst der Menschen Geld machen. Das macht mich traurig, weil ich mir gerne die Freiheit nehmen würde, an einen Gott zu glauben und Du mich aber vor dieser freien Entscheidung schützen möchtest.

Du teilst Posts, in denen Du Dich über den zugegebenermaßen etwas skurrilen orthodoxen jüdischen Brauch lustig machst, zu Jom Kippur ein Huhn über dem Kopf zu schwingen, um es danach als Opfer an die Armen zu geben, den zu kritisieren wohl als antisemitischer Topos gelten kann, nennst Beschneidung ein Verbrechen und prangerst anschließend selbst rechtsradikale Äußerungen an, Juden seien keine Deutschen. Die Rechte von Juden interessieren Dich also nur dann, wenn Du den Antisemitismus Deiner Feinde anprangern kannst. Das ist, am Rande, genau dieselbe Haltung, welche die von Dir mit so viel Leidenschaft verureilte AfD zu ihnen hat.

Du teilst wisseschaftlich-skeptische Beiträge von Stephen Hawking, der aber von der päpstlichen Akademie der Wissenschaften unterstützt wird und machst Witze darüber, dass Erwachsene an Jesus glauben aber nicht an den Nikolaus. Einen Beitrag, der die Einstellung von „Religion“ an sich zur Evolution mit „Kreationismus“ beschreibt. Dann teilst Du einen Post darüber, dass die Leute lieber an einfache Lügen als an komplexe Wahrheiten glauben.

Dass Du möglicherweise selbst eine sehr simple Ansicht von der Gesellschaft hast, in der wir leben, kommt Dir logischerweise nicht in den Sinn, oder dass Du Hass sähst und einen Graben gräbst, wo bisher gar keiner war, nämlich zwischen Wissenschaft und Religion, ganz besonders in Europa. Du möchtest nämlich gar nicht, dass Religion und Wissenschaft koexistieren können. Du möchtest, dass sie sich bekriegen, bis die Religion ausgelöscht wird.

Wenn Du den Religionen vorwirfst, einen Keil zwischen die Menschen zu treiben, die anderen Glaubens sind, aber selbst False-Flag-Posts und grob verletzende Posts über andere Menschen in Deiner Umgebung teilst, weil diese an etwas anderes glauben als Du, wenn Du menschliches Leid nicht ernst nimmst, weil „die falschen“ Menschen leiden, wenn Du inhumane Handlungen von Staaten gut findest, weil sie Deine eigene Ansicht durchsetzen, woher nimmst Du dann auf der anderen Seite Deinen moralischen High-Ground? Wie kannst Du es wagen, Dich als liberal zu bezeichnen?

Lieber „Humanist“ in meinem Facebook-Feed. Ich lausche mit Erstaunen, wie Du Kinderfickerwitze übergangslos mit dem Wunsch nach einer sachlicheren Debatte abwechselst, wie Du alles Jüdische und Muslimische verbieten möchtest, wie Du von einer Gesellschaft träumst, in der es nur Deinesgleichen gibt, aber dann genau das wiederum den rechten Kräften im Land ankreidest.

Vielleicht solltest Du Dir mal von einer Katholikin, die Dir immerzu schweigend gelauscht und sich geduldig beleidigen lassen hat, Nachhilfe in Sachen Liberalität geben lassen.

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9 Aussagen, die Religionswissenschaftler zu hören kriegen und die den Meisten von uns mächtig auf die Nerven gehen

 

1. Also das würde mich echt auch mal interessieren. Klingt nach einem sehr faszinierenden Studium.

Na das freut mich aber. Ich sage es nur ungern, weil der Sprecher mir auch schmeichelt, aber dieses Satz lässt vor jedem Studenten der Religionswissenschaft ein inneres Bild auferstehen: er sieht den Sprecher, pensioniert, wie er in einer Vorlesung sitzt, vier Plätze besetzt (einen für den Mantel, einen für die Gesamtausgabe der Upanishaden und einen reserviert für Luise) und uns alle mit seiner Lebensweisheit erfreut.

Denn was die meisten zukünftigen Seniorenstudenten am Wörtchen „Religionswissenschaft“ geflissentlich zu überhören pflegen ist „Wissenschaft“. Religion hat ja so viel mit persönlicher Erfahrung zu tun, da kann es ja nicht schaden, persönliche Erfahrungen und vor allem Glaubensüberzeugungen einzubringen. Vor allem, wenn der Erfahrene und Überzeugte schon seit mindestens 70 Jahren erfahren und überzeugt ist, besonders in einem sozialen oder noch besser: einem technischen Beruf.
Sätze die mit den schönen Worten „Ich als Mutter…“, „Aber Emanuel Kant…“, „Also in der Psychoanalyse…“ oder „Als ich damals in Indien war…“ anfangen sind meistens weder sachdienlich noch wissenschaftlich noch innovativ und werden nur noch getoppt von: „Hat Jesus nicht gesagt…“, „Aber die Israeliten in der Wüste lernten, dass Gott…“ und „Ist es nicht so, dass irgendwie in allen Religionen…“.

Das, was eigentlich gesagt wird ist nämlich: Ich war in Indien, ich bin der schlaueste und bibelfesteste in meiner Gemeinde und: Das Jungvolk und der weltfremde Wissenschaftler weiß gar nicht, wie es im Leben zugeht.
Also ja: mein Studium ist faszinierend, aber es nicht auf die Weise faszinierend, wie es Sprecher dieses Satzes denken. Wir lernen weder, wie eine harmonische Zukunftsreligion aussehen könnte, noch, wie wunderbunt exotisch die Welt ist.

2. Die Schwester meiner Schwiegertochter ist bei so einer Sekte, irgendwas mit neuapostolisch und Episto-irgendwas. Hast Du davon schonmal was gehört?

Die Chancen stehen gut, dass der Sprecher dieses Satzes von mir hören möchte, dass diese Religion, der die Schwester der Schwiegertochter angehört, irgendwie voll komisch ist. Die meisten kleineren christlichen Konfessionen dieser Art wirken auf die Anhänger von Großkirchen irgendwie komisch und auch ich habe etwas Zeit gebraucht, mich an sie zu gewöhnen.

Aber eigentlich wollen sie hauptsächlich hören, ob die ganze Sache nicht möglicherweise gefährlich ist, ob sie den Sohn warnen müssen, ob die Enkelkinder bald in Zungen reden?!

Problematischer Weise kann ich gar nicht helfen: die Sprecher erinnern sich weder an den genauen Namen der Gruppe, noch würde er mir wirklich etwas sagen, denn diese ganzen Gruppen benennen sich immer mit den gleichen verschieden arrangierten Begriffen „apostolisch“, „frei“, „episkopal“, „presbyterisch“, „evangelisch“, „evangelikal“, „charismatisch“ sowie irgend einer Ortsbezeichnung. Kein Mensch blickt da wirklich durch, auch nicht der Religionswissenschaftler. Nicht mal der, der sich im Gegensatz zu mir für diese speziellen religiösen Gruppierungen interessiert. Meistens erzähle ich also irgendwas von einer stärkeren Gemeindebindung, zeit- und geldaufwendiger Mitgliedschaft, freieren Gottesdienstformen, höherer religiöser Emotionalität und Begeisterung, den USA, Afrika und lächle dann nett, wenn die Person hauptsächlich eines heraushört: die sind irgendwie komisch.

3. Buddhismus ist doch keine Religion.

Na ein Glück! Der Sprecher hat endlich eine Frage gelöst, die so alt ist, wie die Religionswissenschaft selbst: erstens, was eine Religion ist und zweitens, ob Buddhismus dazu gehört. Leute, packt zusammen, wir sind hier fertig!

Ich bin auch ehrlich gesagt sehr froh, dass sich dann in Zukunft nur kompetentere Menschen, nämlich einsame Hausfrauen, Journalisten und katholische Ordensleute mit dem Buddhismus auseinander setzen und nicht mehr die Religionswissenschaftler. Fällt ja nicht mehr in unser Gebiet.

4. Der Islam ist gefährlich und körperfeindlich.

Meistens natürlich in zustimmungsheischendem Tonfall vorgebracht, meistens, nachdem ich erzählt habe, dass wir uns sehr bemühen, keine verkitschte Idealisierung nicht-europäischer Religionen zu übernehmen.

Hier eine kurze Liste von Religionen, die mehrheitlich oder teilweise gefährlich und/oder körperfeindlich waren oder sind: Christentum, Judentum, Buddhismus, Hinduismus, Islam, diverse australische, afrikanische, nord- und südamerikanische „Stammes“-religionen, Weightwatchers, Scientology, OSHO und Mathematik.

Religionswissenschaft lebt davon, da zu differenzieren, wo andere es nicht tun. Jetzt gerade gibt es Strömungen im Islam, die gefährlich und körperfeindlich sind und ich kann einiges von ihnen erzählen. Aber halt nicht so.

Dieses Prinzip lässt sich auf jeden beliebigen Vorwurf, aber auch auf jede Lobeshymne an jede beliebige Religion ausweiten, man wird uns nicht dazu bringen können, einer Religion pauschal irgendeine Eigenschaft zuzuweisen. Deshalb läd man Religionswissenschaftler auch nie in Talkshows.

5. Meine Cousine geht zwar nie in die Kirche und schimpft auf den Papst, wo sie nur kann, aber kirchlich heiraten musste sie dann eben schon.

Das ist ja unerhört! Ich werde sofort die Abteilung für religiöse Ordnungswidrigkeiten informieren. Nicht im Bezirk der LMU!

Jetzt mal im Ernst: solche und ähnliche Dekadenzklagen zielen meistens darauf ab, mich damit zu konfrontieren, dass der Gegenstand meiner Forschung in beklagenswerte Unordnung geraten ist und wünscht dann, dass ich in dieses Bedauern einstimme.
Während ich als Katholikin von solcher Praxis tatsächlich nicht besonders begeistert bin, ist es nicht mein Job als Religionswissenschaftlerin, sie zu verurteilen oder abzuwerten. Ich würde schlichtweg beschreiben, dass die kirchliche Heirat möglicherweise Teil eines westlichen Lifestyles ohne großen Kirchenbezug geworden ist und dass eventuell die Kirche immer noch als Spezialist für soziale „Rites de Passages“ gilt, ohne, dass man sich ihr dafür fest zugehörig fühlen muss.

Im Übrigen lässt sich die allgemeine Abnahme von Religion in der europäischen Gesellschaft weder leugnen noch beweisen. Man spricht in zeitgenössischen Arbeiten gerne von „Transformation“ von Religiosität, ihrer „Privatisierung“ oder „Kommodifizierung“.

6. Dieser Abschnitt aus Dan Browns „Illuminati“: »Willkürliche Verstümmelungen sind für Illuminati äußerst… ungewöhnlich«, erklärte Langdon. »Sie sind nach einschlägiger Meinung das Werk unerfahrener Randgruppen oder Sekten – terroristische Akte von Eiferern. Die Illuminati sind stets viel umsichtiger zu Werke gegangen.«

Nun muss man für die folgende Aufregung wissen, dass erstens Robert Langdon als „Symbolologe“ irgendwie sowas, wie ein Religionswissenschaftler ist. Eigentlich ist er genau das. Zweitens muss man wissen, dass die Religionswissenschaft so wenig und so miese Öffentlichkeitswirkung hat, dass die meisten Leute gar nicht wissen, dass es sie überhaupt gibt.
Nun läuft in einer der berühmtesten Thrillerserien unserer Zeit ein Religionswissenschaftler herum und wir könnten uns alle freuen, wenn das nicht einfach nur KAPITALER BOCKMIST wäre. Nicht nur inhaltlich – ist ja klar, dass man was zusammen erfinden muss, sondern einfach in Bezug darauf, wie ein Kulturwissenschaftler denkt.

Hier also eine kurze Liste der Fehler in diesem Satz: 1. benutzt das Wort „Sekten“, 2. Schließt aus einem Verstümmelungsakt sofort auf eine religiöse Konnotation, 3. Behauptet, es gäbe in der Religionswissenschaft so etwas wie eine „einschlägige Meinung“ 4. Zieht aus einer wahrscheinlich viel zu kleinen Vergleichsgruppe (wie viele durch Illuminaten/unerfahrene „Sekten“ begangene Verstümmelungen gab es schon innerhalb dieses Kulturkreises) eine allgemeine Aussage.

Robert Langdon hätte mit solchem Geschwätz nie einen Lehrstuhl für Symbolololologie in Harward bekommen (nicht mal, wenn es dieses Fach gäbe). Er hätte das Studium im 8. Semester abgebrochen und würde davon leben, verschwörungstheoretische Artikel für Zeitschriften mit dreistelligen Ausgabenzahlen zu schreiben.

Kein Kulturwissenschaftler brächte so einen Satz über die Lippen, ohne sich danach sofort in Agonie selbst zu richten. So einfach ist unsere Arbeit nicht. Es ist nicht so, als ob wir irgendwie alles über eine Gruppe wissen könnten oder verlässliche, eindeutige Datensätze für irgendwas hätten.


So funktioniert das nicht und die Verbreitung der Vorstellung, dass es so funktioniert führt uns nur zu den Freunden aus Aussage Nummer eins.

7. „Holger H. war selbst einmal Mitglied von [böse, seltsame, eigenbrödlerische Gruppe] er enthüllt Unglaubliches:“

Liebe Raucher unter meinen Lesern: würden Sie einen Nicht-mehr-raucher befragen, um eine ausgewogene Aussage zum Rauchen zu bekommen?

Genauso ist das nämlich, wenn man einen Aussteiger zu den Vorgängen in einer religiösen Gruppe befragt. Je exklusiver die Gruppe, desto schlimmer. Wieso? Dieser Mensch hat jahrelang mit dieser Gruppe gelebt, sie war eine seiner einschneidendsten Lebensentscheidungen und er ist daran gescheitert. Könnte das an ihm liegen? Nein. Nicht er war blöd genug, einer Religion beizutreten, die ihn dann nur noch unglücklich gemacht hat, sondern natürlich ist die Religion daran Schuld. Die betreibt nämlich Gehirnwäsche und zwang ihn förmlich, bei ihr zu bleiben. Nie im Leben könnte er selbst einfach nur eine Fehlentscheidung getroffen haben, die ihn von seinem gesamten ehemaligen sozialen Umfeld abschnitt und ihn finanziell ruinierte. Überhaupt: jetzt wo er einen zweiten Schnitt gemacht hat, erkennt er natürlich, dass in der Gruppe alles nur schlecht und schlimm und traurig war. Interessant wäre mal zum Vergleich eine Aufnahme davon, wie er kurz nach dem Eintritt über sein Leben ohne die Gruppe gesprochen hat. Vermutlich genauso.

8. „Religionswissenchaftler sagen, dass […]“ und dann ein Zitat von Weber, Dürkheim, Eliade oder Frazer

Liebe Journalisten, Blogger und populärwissenschaftliche Autoren, bitte hört auf, unsere alten Schinken vollkommen kommentarlos zu zitieren, nur, weil sich daran alles so logisch und einfach anhört. Seit Dürkheim hat die Religionswissenschaft mehrere Paradigmenwechsel mitgemacht und zur Zeit wechselt sie ihr Paradigma alle zwei Wochen. Weber wollte seine Aussagen nie als universalgültig und auf alle Fälle von Religion angewendet sehen, Dürkheim baute die Hälfte seiner Theorien auf gefälschte Ethnographien auf, Eliade ist mehr Priester als Wissenschaftler (auch, wenn man sich gerade wieder über ihn streitet – aber das ist viel zu komplex für Eure Zwecke) und Frazer sieht Religion als überwundene kulturelle Stufe an, die wir baldmöglichst abschütteln sollten.

Kein Mensch würde zu naturwissenschaftlichen Themen Bücher zitieren, die schon hundert Jahre alt sind. Wieso dann bitte in der Geisteswissenschaft?

9. Religion ist inzwischen klar als neurologisches Phänomen nachgewiesen, Gott wird im Gehirn erzeugt

Erstens ist das Wörtchen „klar“ an dieser Stelle etwas hochgestapelt – die Kognitionswissenschaft formuliert gerne größenwahnsinnig (oder besser: Journalisten formulieren Kognitionswissenschaftliche Funde gerne so), aber ein bisschen unsicher ist ihr Grund dennoch.
Zweitens interessiert das den Religionswissenschaftler nicht die Bohne und die implizierte Provokation ist ihm ungefähr so neu, wie die Calvinistische Prädestinationslehre.

Das Wissen um bestimmte neuronale Abläufe ist für Teile der Religionswissenschaft ungemein wichtig, z.B. in der Ritualforschung und Religionsästhetik.

Aber die Religionswissenschaft versucht nicht die Herkunft des Phänomens „Religion“ zu erklären, sondern sie versucht, dieses Phänomen zu beschreiben, in all seinen Dimensionen, politisch, sozial, kunstgeschichtlich, psychologisch, ökonomisch (usw.). Uns zu sagen, wir seien von der Kognitionswissenschaft überflüssig gemacht worden, ist, als würde man einem Sommelier zurufen: „Sie können nach Hause gehen, Wein entsteht durch Gärung!“

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Zu interreligiösem Beten

JoBo, ein von mir durchaus geschätzter Blogger-Kollege beschwerte sich über die Errichtung eines interreligiösen Gebetsraumes in Berlin und meinte, wir sollten es endlich aufgeben miteinander zu beten, weil wir alle verschiedene Gottesbilder hätten.

Nun gebe ich ihm Recht, wenn es darum geht, dass es nicht funktioniert, dauernd einen auf „Friede-Freude-Eierkuchen, wir sind ja eigentlich eine Religion“ zu machen. Der christliche Gott ist derselbe wie der jüdische und muslimische, aber er ist nun mal nicht der gleiche. Wer so tut, als gäbe es keine Konflikte, der macht dabei nichts anderes, als die Eigenheiten der anderen Religionen entweder für nichtig zu erklären oder christlich umzuinterpretieren. Das ist schlichtweg arrogant und respektlos, also eigentlich das komplette Gegenteil eines guten Miteinanders.

Ich gebe ihm auch darin Recht, dass solche gemeinsamen Gotteshäuser eigentlich überflüssig sind, weil es schwierig und problematisch wird, sie zu bespielen und wir den Dialog im Alltag für gewöhnlich auf anderer Ebene pflegen, weil wir nun mal zusammen leben.

Interreligiöser Dialog um des Dialogs willen ist krampfig. Es gehen doch sowieso nur diejenigen zu solchen Veranstaltungen, die von vornherein vorhaben, sich alle schrecklich lieb zu haben, dadurch werden auch von Anfang an alle möglichen Konflikte vermieden. In einem solchen künstlich geschaffenen Raum gibt es nur künstliche Probleme mit künstlichen Lösungen, eine Verbesserung unserer Beziehungen untereinander kann in so einem Disneyland der Toleranz wohl kaum erreicht werden.

Aber: gerade, weil wir sowieso so oft und in Zukunft noch mehr miteinander zu tun haben und zu tun haben müssen, sollten wir uns eingestehen, dass wir auch um gemeinsames Beten nicht herum kommen.

Mein Freund, beispielsweise ist Jude und wir beide sind mit diesem Problem ebenfalls mehrfach konfrontiert worden.

Natürlich kann er, da er nicht der Ansicht ist, dass Jesus der Sohn Gottes ist und von den Toten auferstanden, Ostern, Weihnachten, etc. nicht vollwertig mit mir feiern. Er kann sich für mich freuen, er kann zum Essen kommen, sogar die Gottesdienste besuchen, aber er ist immer ein Gast. Natürlich sind ebenso seine religiösen Gesetze nicht meine und wenn ich sie befolge, dann periodisch, als sein Gast oder als kleinsten gemeinsamen Nenner, aber es ist kein Akt meiner eigenen Religion. Dass wir aus unseren beiden Religionen keine kleine private Mischreligion machen ist meiner Meinung nach auch eine Frage des Respekts: wir sind beide kompetent genug, um Fremdes und Eigenes unterscheiden zu können und zu entscheiden, welche Praktiken der anderen Religion wir mit der unseren für vereinbar halten oder eben nicht.

Für ein Tischgebet aber, für ein Totengebet oder für die schlichten, kurzen, seligen Momente im Leben ist es absolut nebensächlich, ob der Gott, dem ich für mein unverschämtes Glück danke oder dem ich den Geist eines Nahestehenden anvertraue nun dreifaltig ist, oder nicht. Selbst, wenn wir das Selbe sagen und Verschiedenes meinen, heißt das ja nicht, dass ein gemeinsames Gebet gescheitert ist.
Für uns wäre es absolut lächerlich und ein Abstrich für unsere Lebensqualität, den jeweils anderen komplett aus diesem Lebensbereich auszuschließen, gemeinsam, egal ob toternst oder mit einem Augenzwinkern, unsere Religionen zu praktizieren, diskutieren und auszuhandeln ist für mich wichtig und schön.

Dies lässt sich auch auf die Makro-Ebene übertragen: ja. Wir können gemeinsam um Frieden flehen oder für die Opfer einer Katastrophe beten. Wir unterschiedliche Mitglieder der „abrahamitischen Religionen“ können uns Stippvisiten abstatten und sogar ein Leben in einem gemeinsamen Raum einrichten, so lange wir akzeptieren, dass wir niemals voll begreifen können, was das Gebet, der Raum, die Handlung für den jeweils anderen bedeutet.

Daher auch noch ein Wort zum „Dialog“. Wichtig wird dieser Dialog eigentlich da, wo es auch wirklich Probleme gibt und Differenzen, wo es etwas auszuhandeln gibt, da wo wir uns nicht ausweichen können. Dialog ohne einen Gegenstand ist nämlich Geschwätz

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Vom Sinn und Unsinn des konfessionellen Religionsunterrichts

Kultusminister ist neben Papst und Ernährungsberater von Kim Jong Un einer der schlimmsten Jobs auf dieser Erde.

Jeder hält sich für einen Experten auf diesem Gebiet, weil jeder schon einmal in der Schule war oder noch schlimmer: Kinder auf der Schule hat(te) und daher fühlt sich auch jeder berufen, reinzuquatschen. Wollte er allen Leuten, die ihm mit ihren innovativen Konzepten in den Ohren liegen Folge leisten, dann hätten wir eine 7-10-jährige Gesamt- und Ganztagesschule, in der Latein, Englisch und Swahili als spätbeginnende Erstsprachen unterrichtet werden.

Ich rede daher nur über ein Gebiet, auf dem man mir gewisse Kenntnisse nun doch nicht absprechen kann: konfessioneller Religionsunterricht.

Meine persönlichen Erfahrungen damit sind wechselhaft. Ich hatte begeisterte und resignierte Religionslehrer. Die Mittelstufe war für mich eine theologische Hölle, die mich in der 10. Klasse so weit hatte, dass ich in den Ethikunterricht wechseln wollte, weil unsere Religionslehrer über „Jesus will, dass die Kinder zu ihm kommen“ irgendwie nicht hinauskommen konnten oder wollten. Die evangelischen Mitschüler nahmen Moralphilosophen des 18. Jahrhunderts durch, die Ethikklasse die Veden und ich verfasste mein „ganz persönliches Glaubensbekenntnis“ oder formulierte aus, warum Schöpfung für den Menschen Verantwortung bedeutet. Es war unfassbar frustrierend. In unserer Klasse kannte keiner den Unterschied zwischen einem Erzbischof und einem Kardinal oder wusste, was die Rota ist, es war wichtiger gewesen uns mitzuteilen, dass Satanismus, Scientology und Baghwan (als vorletzter G9-Jahrgang genossen wir ein zum Teil unglaublich veraltetes Lehrwerk), irgendwie nicht gut für uns sind.

Anschließend wurden die zwei Kollegstufenjahre mit einer Durchnudelung diverser Religionskritiker und philosophischer Schulen vollgestopft und wir bekamen noch einen Überblick über die Organisationsstruktur einer Organisation, die uns geistig offensichtlich weniger zu bieten hatte, als die Büffelei auf die vollkommen überflüssigen Sportklausuren.

Ein Blick auf den Lehrplan des G8 zeigt, dass sich das bis heute kaum verändert hat.

Vielleicht lag das auch an unseren Lehrern. Pubertierende und Religion sind eine explosive Kombination, möglicherweise wollten sie nicht unseren heiligen Zorn erwecken, indem sie uns zu tatsächlicher intellektueller Betätigung anhielten oder gar mit Informationen fütterten, die unseren stumpfen jungen Geist gegen die Kirche aufhetzen konnten. Aber ich will ihnen nicht mal wirklich die Schuld geben – wir hatten auch Lehrer, die z.B. versuchten, mit uns über die Frage zu diskutieren, wie viel Freiheit man der Kunst einräumen darf oder muss. Das alles waren jedoch nur kurze und von den Lehrern selbstmächtig unternommene Intermezzi, die aus dem Zuckerwattelehrplan ausbrachen.

Das Problem des katholischen Religionsunterrichts ist es meiner Meinung nach, dass er sich irgendwie als Seelsorgeeinrichtung begreift und weniger als Ort der Wissensvermittlung. Dafür halte ich die Schule für einen komplett verfehlten Platz. Wer möchte bitte vor 30 ihm nur vage und nicht von ihrer besten Seite bekannten Teenagern seine religiösen Gefühle nackt auf den Tisch legen?

Wer spricht mit dem Religionslehrer, wenn er gebeutelt wird von Liebeskummer, Esssucht oder dem Tod des Hundes, den er mit 5 bekam? Der Gedanke erscheint mir so absurd, dass ich darüber nicht einmal lachen kann. Unserer Lehrer hingegen wurden nicht müde, uns zu ermutigen, ganz offen zu sprechen, mit unseren Gefühlen zu ihnen zu kommen und mutig unsere Zweifel zu formulieren – daher gehe ich davon aus, dass man ihnen beigebracht hatte, dass das ihre Aufgabe sei.

Von diesem Standpunkt aus und mit einem solchen Religionsunterricht bin ich für dessen Abschaffung. Es gibt bereits Bundesländer, in denen der Religionsunterricht ins Wahlprogramm oder in den privaten Bereich verschoben wurde und durch einen „religionsneutralen Weltanschauungsunterricht“ ersetzt wurde, in dem die Schüler eine grundlegende Erziehung zum Staatsbürger erfahren, mit den „Weltreligionen“ vertraut gemacht werden und einen knappen Überblick über die Abendländische Philosophie erhalten. Ausgerechnet in Italien ist der Religionsunterricht ebenfalls freiwillig (bzw.: „abwählbar“), aber erstaunlich gut besucht. Nun möchte ich Italien ganz gewiss nicht als schulpolitisches Vorbild loben: ich wollte nur erwähnen, dass dort zumindest der Religionsunterricht nicht stirbt.

Lösung gefunden? Nicht ganz. Vom Prinzip her klingt das alles Friede-Freude-Eierkuchen, alle werden gemeinsam grundlegend über das Feld Religion und Ethik unterrichtet und wer sich zusätzlich für seine private Religion interessiert, kann dem in seiner Freizeit nachgehen. Das Problem liegt wieder einmal in der Durchführbarkeit: So etwas wie einen religionsneutralen Weltanschauungsunterricht gibt es nicht.

Schön lässt sich das am – übrigens in der Lehrerausbildung dringend reformbedürftigen – Ethikunterricht an Bayrischen Schulen zeigen. Der wird nämlich von, meist der Religion nicht besonders gewogenen, Lehrern besonders gerne zur Ausübung ihrer Hobbies benutzt. So hatten wir einen Lehrer, der seine Schüler gerne Jahr für Jahr darin unterrichtete, wie man sich gegen Holocaustleugner wehrte (vom Prinzip her ein nobles Ziel, nur für 9 Jahre etwas wenig Stoff), jemand erzählte mir von seiner Schule, eine Biologielehrerin traktierte sie an jeder passenden und unpassenden Stelle mit dem Klimawandel und der Umwelt und ich habe mittlerweile gehört, dass viele muslimische Eltern ihre Kinder lieber in den katholischen Religionsunterricht schicken, weil die Lehrer z.B. eine ziemlich weltliche und offene Sexualmoral verbreiten oder Religionskritiker ohne Gegenargumente behandeln.

Das liegt bereits sehr nahe am Problem des Weltanschauungsunterrichts, nämlich, dass die religiösen Schüler in so einem Unterricht in eine ständige Rechtfertigungsposition gedrängt werden, weil er zwangsläufig seine Werte und Ideale möglichst offen, weitläufig und beweglich vermitteln muss, damit er die Pluralität der Klasse einfängt. Langfristig lernt die Klasse, dass ihre religiösen Mitschüler eigentlich keine richtigen Staatsbürger sind, weil sie die vermittelten Werte einschränken und kritisieren wollen oder müssen.

Ein kleines Beispiel: wird das Thema Sexualmoral behandelt, würden viele religiöse Schüler in eine Bredullie geraten. Die Haltung eines solchen Unterrichts wäre wohl so etwas wie: Sexualität ist etwas natürliches, wofür sich niemand schämen muss, jeder sollte seine Sexualität offen praktizieren dürfen und es ist gut, sich in der Pubertät auszuleben, junge Menschen haben schließlich starke Triebe. Natürlich gehört zur Sexualität auch Verantwortung, sie kann Krankheit bis hin zu Kindern hervorbringen.

Das Problem ist, dass hier für die meisten religiösen Menschen ein erheblicher Teil der Sexualität fehlt, für sie ist sie oft kein rein profaner Vorgang, ein Trieb wie Hunger und daher ist im Umgang mit ihr auch mehr Fingerspitzengefühl gefragt. Sie ist stark an eine Zweierbeziehung, mitunter die Ehe, gebunden, an das Konzept von Liebe und auch stärker an die Fortpflanzung. Für sie ist diese Haltung eben nicht der kleinste gemeinsame Nenner, sondern sie impliziert Haltungen mit, die sie so nicht teilen können, gleichzeitig wollen sie aber nicht als Freiheitsbeschneider dastehen. Sie wissen auch, dass die nichtreligiösen Klassenkameraden bereits eine genaue Vorstellung, besonders christlicher oder muslimischer Sexualmoral haben und nur darauf lauern, dass man ihnen die Brocken hinwirft.

In so einem wertneutralen Unterricht erscheint beinahe zwangsläufig das dargestellte moralische Gerüst als weit, frei, unkompliziert und vergnügensorientiert, die verschiedenen Religiösen als einschränkend, beschneidend, kurz: die Spielverderber.

Während das dargestellte Weltbild aufgrund seines Anspruchs auf hohe Kompatibilität mit möglichst vielen Weltanschauungen simpel und logisch erscheint, werden die religiösen kompliziert und widersprüchlich wirken.

Vor der Weitläufigkeit und Zugänglichkeit des „Neutralen“ kann das Spezifische und Wertende der Religion im Vergleich immer nur verlieren, so wie die Garderobe eines Mädchens mit Hijab vor der eines Mädchens mit westlichem Kleidungsstil immer irgendwie beschränkt wirkt – dass letztere dabei mindestens genauso viel Spaß hat und von geradezu berückender Schönheit sein kann, bedarf des spezifischeren Blicks (nur so am Rande: ich habe eine Arbeit über Hijab-Mode geschrieben und ich finde Euch toll!). Damit würde letztlich den religiösen Schülern die Möglichkeit genommen, sich ohne ständigen Rechtfertigungsdruck mit seiner Religion zu beschäftigen.

Ich kenne das von mir selbst: diskutiere ich mit anderen Katholiken erscheine ich oft ungewöhnlich liberal, diskutiere ich mit atheistischen oder religiös indifferenten Personen, muss ich aufpassen, nicht in Extrempositionen zu verfallen.
Gleichzeitig finde ich es auch keine gute Idee, Kinder und Jugendliche, die ihr Leben lang in einer pluralistischen Gesellschaft leben werden, immer nur im weltanschaulichen Ghetto ihres Religionsunterricht zu belassen.
Mein Vorschlag wäre, jeweils eine Stunde die Woche einen gemeinsamen Philosophie- beziehungsweise Weltanschauungsunterricht abzuhalten und eine Stunde einen Religionsunterricht, der sich aber vom momentanen wesentlich unterscheiden sollte.

In den Religionsunterricht gehört meiner Meinung nach

  • eine klare Darstellung der kirchlichen Standpunkte zu sozialen und politischen Themen und deren offizielle Begründung – auch wenn’s weh tut. Die Jugendlichen erfahren es so oder so und wenn man sich für seine Überzeugungen schämt, ist es vermutlich Zeit, sich neue zu suchen.
  • Kirchen- und Heilsgeschichte – Vermittlung einer mittelmäßigen Bibelfestigkeit
  • die Organisationsstruktur der Kirche
  • Sakramentologie
  • Trinität und Christologie sowie deren historische Diskussion
  • Apologetik, Apologetik, Apologetik

In den Religionsunterricht gehören hingegen nicht:

  • Persönlich-religiöses Gedöns wie das Selbstverfassen von Gebeten oder das Reflektieren über die eigene Beziehung zu Jesus. Dafür gibt es kirchliche Jugendgruppen, Jugend- und Kindergottesdienste und es ist meiner Meinung nach nicht die Aufgabe des Religionsunterrichts, die Leute zum beten zu zwingen, die dort nicht freiwillig hingehen. Jemanden, der in der Atmosphäre einer pubertierenden Schulklasse zum Beten findet möchte ich gerne mal sehen.
  • Sekten- und Psychogruppen, sowie der Esoterikmarkt. Das Jahr 1995 ist inzwischen fast 20 Jahre her und die Regierung hat ihre Enquetekommission schon längst aufgelöst. Die Gruppen ließen sich im Rahmen des einstündigen Philosophieunterrichts abhaken, wenn dieser verschiedene Religionen darstellt und damit hat’s sich. Verteufelung generiert Faszination. (Ich weiß wovon ich spreche… ich habe dadurch begonnen, mich für Religionswissenschaft zu interessieren)
  • Sozialgedöns wie Mager- und Drogensucht, körperliche und geistige Behinderung, Obdachlosigkeit, Abtreibung etc. Im Rahmen der Soziallehre der Kirche finden sie selbstverständlich als Themen ihren Platz. Jedoch sehe ich nicht ein, wieso ich neben Biologie, Deutsch, Geschichte und Sozialkunde in Religion auch noch tränentreibende Geschichterl aus der Branche des Elendstourismus konsumieren muss. Unsere Religionsbücher waren voll davon. Die Sensationslust bei uns jugendlichen Lesern war groß! Nur 4 Gummibärchen! Methadon, wie aufregend! Keine Beine nach Minenexplosion, wie grausig! Letztlich hatte das weder etwas mit Religion zu tun, noch machte es uns zu moralisch aufmerksameren Menschen – im Gegenteil. Die eine Hälfte der Klasse war geschockt und verfiel in sozialen Aktionismus, die andere labte sich am Grusel.

Damit wäre den Schülern die Möglichkeit gegeben, sowohl innerhalb ihrer Tradition, als auch außerhalb dieser zu diskutieren. Die Religionsklausuren wären keine solche wischi-waschi-rede-über-deine-Gefühle-Farce mehr. Außerdem wäre den Schülern eine gemeinsame Wissensgrundlage auf dem Gebiet der Philosophie und Weltanschauung gegeben – etwas, was ich in meiner Schulzeit sehr vermisste, da wir alle zwangsläufig Eklektiker waren und oft Schwierigkeiten hatten über die großen Themen des Lebens zu unterhalten, weil die Lehrpläne in den konfessionellen Unterrichten so auseinandergingen.

Das Ergebnis wären Schüler, die sich mit ihrer eigenen Religion gut auskennen UND zum interreligiösen und weltanschaulich flexiblen Diskurs fähig sind. Das halte ich für ein realistisches Unterrichtsziel.

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Gründe, Religiös zu sein: 5. Ich sehe was, was Du nicht siehst.

Dieser Punkt ist gewiss der heikelste, führt er doch in die Gefahr, Religion als eine Form von Psychose oder naiver Weltverkitschung darzustellen.
Und doch: wer religiös ist, hat ein zweites Gesicht.
Er sieht Dinge, aber er sieht sie nicht nur als Dinge, seine Welt ist beseelt und durchatmet und zutiefst sinnerfüllt.
Freilich will ich nicht hinaus auf einen homo religiosus à la Eliade, der in einer vollständig heiligen, mythologisch rückgebundenen und daher zeitlos goldenen Welt vor sich hin religiöst, ich will hinaus auf die Kleinigkeiten im Alltag, über die nicht-Religiöse gedankenlos hinweggehen können. Glockenläuten. Sonnenuntergänge. Bettler. Pflanzen die aus Pflasterritzen wachsen. Brot. Der Koran. Israel. Rom. Lumbini. Rote, weiße, violette Kleider. Kerzen. Weihrauchduft. Kühe. Ich könnte ewig fortfahren. Natürlich sind diese Dinge auch schön und angenehm für Personen die nicht-religiös sind und aus der eigenen (Bildungs-)Biographie ergeben sich ebenfalls Horizonte für die symbolische Aufschlüsslung von Objekten (z.B.: solche Kerzen hat meine Großmutter auch immer benutzt. Faulige Äpfel erinnern mich immer an „Die Verwandlung.“) aber das ganze erreicht nicht die kosmologische Tiefe, die allumfassende Dimension des religiösen Symbols. Und auch nicht die jubilierende Dankbarkeit an ein wie auch immer gedachtes Größeres dafür, dass dieses Ding ist und letztlich, dass alle Dinge sind.

Ebenso neigt man, wenn man seinem Leben einen transzendenten Bezug gibt, dazu, nicht alle Ideen, die sich auf eine unsichtbare Welt beziehen gleich als Unsinn abzutun: natürlich sollte man sich davor hüten, in soetwas wie einen naiven (mit aller Vorsicht an dieser Stelle so bezeichneten) Aberglauben zu verfallen, aber wer sagt mir, dass meine verstorbenen Ahnen nicht mit mir kommunizieren? Wer sagt mir, dass ein gesegnetes Objekt nicht mehr vermag, als ein Profanes und wieso soll ich mich nicht in der Präsenz des Heiligen fühlen, wenn ich die Kerze, die ich in der Osternacht dabei hatte anzünde.
Ich kann diesen Gedanken, zumindest so lange er mir gut tut, zulassen und mich an ihm freuen und mich vielleicht stärker oder weniger allein fühlen.

Damit wären wir am Ende der Liste angekommen.
Nochmals möchte ich betonen: es gibt keinen Empirischen Beweis dafür, ob Religion schädlich oder gut ist, für die Psyche des Menschen.
Ich möchte auch nicht behaupten, dass Religion prinzipiell eine bessere Lebensqualität hervorbringen muss. Für mich tut sie das, aber ich fühlte mich durch sie auch noch nie gegängelt oder bedroht oder eingeschränkt.

Nur scheint mir, das viele Menschen die Religion auf genau die eben genannten Gefühle reduzieren und vergessen oder nicht sehen wollen, was sie uns alles bietet. Ein reiches, sinnerfülltes, faszinierendes, tiefes, unterhaltsames Leben.

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