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Wer Kinder liebt, pfeift auf Kindergottesdienste

Heute werden zahlreiche regelmäßige Gottesdienstbesucher den Pfarrgemeinden fernbleiben. Es ist Weißer Sonntag, aka Kinderbibelspieltag feat. Erstkommunion. Kindergottesdienste sind schon für Erwachsene kaum zu ertragen. Wieso tun wir das unseren Kindern an?

Es ist ein Schauspiel, bei dem man nicht weiß, ob man lachen oder weinen soll. In den Bänken sitzen hibbelige Buben, Mädchen und Eltern herausgeputzt für ihren großen Tag, vorne hüpft eine Mittvierzigerin in langen Röcken herum und singt schief „Fürchte Dich nicht“. Dann treten die Kinder der Reihe nach vor und verlesen in schleppendem Ton Fürbitten, die sie selbst nicht geschrieben haben, die aber angeblich ihre Sorgen und Nöte aufgreifen. Für gegen den Klimawandel. Für gegen einsame Kinder. Für gegen Krieg in Syrien. Ein Kind heult, weil es sein Sprüchlein vergessen hat. Aufruhr im Altarraum. Nach dem läppischen Spektakel haben die Kinder zwar Erstkommunion gehabt, aber wie ein normaler Gottesdienst aussieht, wissen sie immer noch nicht. Ebenso wenig könnte man behaupten, sie seien nun Teil der Gemeinde. Die war nämlich nicht da, weil sie im Pfarrbrief gelesen hat, dass Kindergottesdienst ist. Die Besucher der Kindergottesdienste bilden in den Pfarrgemeinden eine sorgsam herangezüchtete Parallelkultur. Wer Veranstaltungen für Familien organisieren möchte, begibt sich entweder auf das Niveau „Malen und Klatschen“ oder stößt auf Unverständnis. Die Liturgie wird für diese Veranstaltungen bis zur Unkenntlichkeit verbogen und zerstückelt. Ein Pfarrer, der da nicht mitmachen möchte, stört im Zweifelsfall nur die Harmonie und wird dann eben zum Gottesdienstgültigmacher degradiert.

Alters-Segregation und ihre Folgen

Die Botschaft dieser degenerierten, pädagogisch vorgekauten Eucharistiefeiern ist fatal: Wenn es spezielle Gottesdienste für Kinder bzw. Familien gibt, dann muss ja mit den „normalen“ Gottesdiensten etwas nicht stimmen, sie müssen schädlich für Kinder sein oder zumindest sind Familien dort nicht erwünscht. Die meisten Familien, die man bei den Kindergottesdiensten sieht, sieht man dann folgerichtig an anderen Sonntagen nicht. Es wirkt, als wolle man der Gemeinde die Kinder nicht zumuten und den Kindern die Gemeinde nicht. Etwas, das dafür gedacht war, Kindern den Gottesdienst nahezubringen, hat schon längst dazu geführt, dass Kinder vom Gottesdienst ferngehalten werden.

Wir sollten doch eigentlich froh sein, wenn auf den Fluren unserer Gotteshäuser lärmend Kinder auf- und abziehen. Nicht nur bedeutet das, dass es in der Gemeinde überhaupt noch Kinder gibt, sondern die Kinder wachsen auch mit dem Rhythmus und der Ästhetik des „richtigen“ Gottesdiensts auf. Da wird nicht gemalt und geklatscht, es spielt die Orgel statt dem Keyboard und gelegentlich muss man auch mal stillsitzen.

Dabei erbringen die Gottesdienste nicht einmal den intendierten Nutzen. Angesichts der schwindenden Zahl der Täuflinge, Erstkommunikanten und Firmlinge in Deutschland müssten sich die Kinderbeglücker eigentlich in die Stille Ecke stellen. Religionsgemeinschaften, die weiterhin wachsen, weisen hingegen meist kein überragendes religionspädagogisches Konzept auf. Oder glauben Sie, die Moschee in Ihrer Nähe bietet Mitmachgottesdienste für coole Kids an?

Wenn Sie mal in einer Synagoge, einer Moschee, einer (wie auch immer gearteten) orthodoxen oder einer evangelikalen Kirche gewesen sind, dann werden Sie bemerkt haben, dass nicht nur genauso viele Kinder da sind wie bei uns im Kindergottesdienst, sondern dass sich auch niemand nur das Schwarze unterm Fingernagel darum schert. Warum? Weil die Eltern nicht in einer Parallelwelt leben, sondern in der Gemeinde. Weil die Gemeinde die Kinder nicht nur erträgt, sondern als Teil ihrer selbst betrachtet und deshalb niemand auch nur das Konzept Kindergottesdienst verstehen würde. Für die Kinderkatechese gibt es Veranstaltungen wie Sonntags-, Freitags- oder Sabbat-Schulen, Kinderpredigten die parallel zur Predigt im Gottesdienst stattfinden (ein Konzept, das es freilich auch in katholischen Gemeinden gibt) oder halt eben: nichts. Die grundlegende Haltung ist, dass die Kinder sich im Laufe der Jahre schon an die Gebetszeiten oder Gottesdienste gewöhnen würden. Da muss man sich schon die Frage gefallen lassen, wieso wir als einzige glauben, unsere Kinder seien zu blöd für ihre eigene Religion.

The 80s called. They want their youth culture back.

Kommen wir zurück auf die Mittvierzigerin im Altarraum. Sie würde sich selbst als junggeblieben bezeichnen und das ist sie auch. Nämlich geistig in den Achtzigern hängen geblieben. Sie romantisiert den Zeitvertreib ihrer Jugend und glaubt, dass immer noch cool ist, was sie damals cool fand. (Im Zweifelsfall das, was ihre Mitte der Sechziger sozialisierten Betreuer cool fanden). Damit es jeder merkt, nennt sie es auch „cool“. (Es gibt nämlich bekanntlich nichts Cooleres, als zu sagen, dass man cool ist.) Diese Leute lassen wir dann auf eine Generation los, die heimlich zwischen zwei Runden Zeitungsschlagen auf dem Klo ihrem Fuckboy snapchattet.

Keiner kann ernsthaft erwarten, dass Teenager beispielsweise eine Pastoralreferentin – eine Person, die so lame ist, dass sie Theologie studiert hat, aber nicht einmal das gescheit – als Gegenüber auf Augenhöhe geschweige denn als Freundin wahrnehmen. Die gesamte Klatschen-und-Malen-Fraktion mit ihrer Fairtrade-Schokolade und ihren Trekkingsandalen kann schon froh sein, wenn sie als Autorität durchgeht. Und selbst diese Rolle ist man nicht bereit auszufüllen. Nein, den Meinungen der Jugend gegenüber präsentiert man sich butterweich. Konfrontation wird gescheut, Positionen nicht bezogen. Egal wie weit sich der Teenager aus dem Fenster lehnt, man reagiert mit Verständnis. Man ist ja froh, wenn er mitmacht und genau diese unterwürfige Position vermittelt man ihm auch. Wer soll eine Kirche ohne Rückgrat ernst nehmen?

Jedem Teenager, der sich unter diesen Umständen nicht firmen lässt, kann man nur gratulieren: Denn wenigstens beweist er Rückgrat und lässt sich nicht mit Geschenken bestechen. Letztere sind nämlich der Grund, wieso sich Jugendliche diese unwürdige, nach Verzweiflung und Selbstbetrug stinkende Dilettantenshow reinziehen, die wir Firmvorbereitung und -gottesdienst nennen.

Das einzige, wonach sich heutige Generationen sehnen, Authentizität, gibt man ihnen nicht. Und sie selbst können sich diese Authentizität auch nicht zurückholen. Sie wüssten nicht wie, weil sie ja von Kindesbeinen an nie in einem normalen Gottesdienst waren und keiner ihnen beigebracht hat, wie man sich dort verhält, geschweige denn wie so etwas funktioniert.

Wo Kindergottesdienst ist, leiden die Eltern am meisten

Die Religiosität derer, die eigentlich die wichtigste Rolle bei der Sozialisation ihrer Kinder spielen sollten, die der Eltern, wird hingegen nicht im Geringsten angesprochen.

Gerade ihnen sollte man die Teilnahme am Gottesdienst doch erleichtern. Sie könnten ihn ganz bewusst als ihre Erwachsenenzeit etablieren, die Eltern doch oft so dringend brauchen. Aber nein. Sie haben die Wahl: Entweder sie sitzen als einzige mit Kind in einem normalen Gottesdienst und werden ob der unvermeidlichen Lautstärke böse angeguckt, oder sie verbringen die nächsten 17 Jahre damit, religionspädagogische Hits aus den Siebzigern zu den schiefen Klängen der debil grinsenden geriatrischen Jugendband zu singen. Auf mehrstündige Festgottesdienste müssen sie dafür komplett verzichten. Auch hier hilft der Blick in andere Religionen: Charismatische Konfessionen oder Synagogen bieten z.B. für die aufwändigeren Feiertage Kinderbetreuungen an, damit die Eltern auch diese mitfeiern können. Aber wer interessiert sich schon für die Religionsausübung von Erwachsenen?

Gerade hier liegt der Hund begraben. Unsere Religionspädagogik ist geschaffen, um imaginierte Kinder- und Jugendwünsche zu erfüllen und nicht dafür, unsere Kinder und Jugendlichen zu kompetenten, religionsmündigen Erwachsenen zu machen. Sie hält Kinder und Jugendliche gezielt uninformiert und klein, damit sich eine ganze Kaste von pädagogischen Drohnen möglichst lange an ihnen abarbeiten kann.

Wie unzureichend sie das auf ein Leben als Christ vorbereitet, zeigt die gähnende Leere in unseren Kirchenbänken.

Schafft die Kindergottesdienste ab. Und lasst die Kinder wieder in die Gottesdienste.

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Eingeordnet unter Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche, Kritik zu katholischen Themen

Schluss mit dem Kinderficker-Mythos

Nach langer Zeit hat mich ein Erlebnis wieder so bewegt, dass ich darüber schreiben möchte.

Ich saß in gemütlicher Runde zum Abendessen, als plötzlich die Frage aufkam, was ein Ministrant sei. Noch bevor ich antworten konnte, kam die lakonische Antwort, das seien die Buben die am Altar stehen und die der Priester sich, wenn er Lust habe, nehmen könne.

Leider konnte ich nicht rechtzeitig reagieren, denn diese Aussage kam so plötzlich daher, wie sie wieder verschwand. Die Diskussion brandete einfach darüber hinweg, niemand war betroffen (und es wussten auch nur zwei Leute am Tisch, dass eine Katholikin anwesend war).

In den Jahren nach dem Missbrauchsskandal waren die Faschingssendungen voll mit Katholische-Priester-sind-Kinderficker-Witzen. Inzwischen ist der Witz nicht nur den Faschingssendungen entwachsen, er ist auch dem Witz entwachsen. Er ist zu einer Trope, einer Redensart geworden, die wiederspruchlos akzeptiert wird. Auch von Leuten, die sonst Aussagen mit gruppenbezogener Menschenfeindlichkeit nicht akzeptieren.

Leider akzeptieren auch wir Katholiken diese Witzeleien viel zu oft. Dabei gibt es mehrere gute Gründe, wieso wir uns entschieden gegen sie wenden sollten, wieso wir uns gegenüber diesem Problem sensibilisieren sollten. Eine grundsätzliche Einlassung zum Thema Kinderfickerwitze.

  1. Der Witz verschiebt die Schuldfrage weg von den Tätern hin zum System – Eltern und manchmal sogar Opfer erhalten somit die Mitschuld

Vielen dieser Aussagen ist die diffuse Vorstellung gemein, dass das System Kirche Pädophilie fördere. Entweder, weil Zölibat und angebliche Prüderie dazu führen, dass Männer sich aus sexueller Frustration heraus an Kindern vergehen und Eltern bzw. Kinder zu verschämt sind, um über dieses Thema zu sprechen, oder, weil das System (ob unfreiwillig oder freiwillig) Pädophilen ein sicheres Versteck und im Zweifelsfall Schutz biete, weil es deren Taten unter den Tisch kehre.

Gemein ist diesen Ansätzen die Vorstellung, die Kirche bedinge, fördere und schütze die Misshandlung von Kindern strukturell. Die eigentlichen Täter, die Männer, die sich an den Kindern vergehen, haben somit keine andere Wahl, sie sind selbst Teil oder Opfer dieses Systems. Die Eltern hingegen sind diejenigen, die ihre Kinder diesem grausamen System aussetzen und sie aufgrund ihrer Indoktrination quasi den Priestern zur Befriedigung zur Verfügung stellen und dann auch noch die Taten vertuschen wollen. Betroffene Kinder sind zwar freilich Opfer, aber der Theorie nach wachsen sie ja, werden sie nicht rechtzeitig „da rausgeholt“, in der Kirche auf und setzen dann selbst ihre Kinder dem Missbrauch aus.

Diese Vorstellungsblase ist letztlich auch unmenschlich gegenüber den Eltern: Katholische Eltern sind Ungeheuer, die den Missbrauch ihrer Kinder gutheißen. Sie sind so indoktriniert, dass sie ihre Kinder nicht richtig lieben können. Die allermeisten Eltern werden aber in Wirklichkeit entsetzt und betroffen darüber gewesen sein, was ihren Kindern angetan wurde. Oft wird ins Feld geführt, sie hätten den Kindern nicht geglaubt, oder die Vorfälle verschweigen wollen, um den Priester zu schützen. Diese Mechanismen sind aber nicht exklusiv den Missbrauchsfällen in der Kirche vorbehalten. Gerade im allerhäufigsten Szenario für sexuellen Missbrauch, nämlich innerhalb der eigenen Familie, ist es nicht minder üblich, dass Eltern versuchen, die Täter zu schützen, welche sie lieben, schätzen und von denen sie sich nicht vorstellen können, dass sie solcher Monstrositäten fähig sind.

Dem System Kirche und somit auch den Eltern die Schuld an den Missbrauchsfällen zuzuschieben aber verlegt den Fokus ungut von den Tätern selbst fort. Es gibt keine Entschuldigung für einen Menschen, sich so an einem Kind zu vergehen, das ihm anvertraut wurde. Weder sexuelle Frustration, noch angebliche kirchliche Prüderie oder die Behauptung, die Täter wüssten, dass die Kirche sie damit schon davon kommen ließe, heben die Fähigkeit eines Menschen auf, sich willentlich zu entscheiden, Böses zu tun. Dass der sexuelle Missbrauch von Kindern böse ist, das hat die Kirche bereits vor den Missbrauchsfällen offen gelehrt und vertreten.

Es ist wichtig, solche Priester als echte Täter zu betrachten, weil bei ihnen die echte Schuld ist. Niemand hat sie zu ihren Taten gezwungen, die Kirche nicht, die Eltern nicht und ganz bestimmt nicht die Opfer.

  1. Es handelt sich um die systematische Diskriminierung sexuell inaktiver Menschen

Kehren wir zu einem der Argumente aus Punkt eins zurück, nämlich, dass der Missbrauch von Kindern eine Folge des Zölibats sei.

Themen, bei denen man über die Penisse religiöser Menschen reden kann, sind ja unglaublich beliebt. Von der Beschneidungsdebatte über die Vielehe bei den Mormonen bis hin eben zum Zölibat ist das nach wie vor ein echter Hit. Gekreuzt wird das mit dem aktuellen Zustand, dass die sexuelle Befreiung dem Sex zwar auf der einen Seite das Schmuddel-Image entzogen hat (zumindest behauptet sie das gerne von sich selbst), auf der anderen Seite aber somit Nicht-Sex als ungesund und prinzipiell verdächtig wahrgenommen wird. Man braucht nur den ein oder anderen Tatort mit katholischem Priester anzusehen, um zu begreifen dass einer, der sich freiwillig entscheidet, auf sein Sexualleben zu verzichten, nicht ganz dicht sein kann.

Vorurteile, die früher nur Homosexuellen entgegenschlugen, tauchen jetzt plötzlich wieder gegen Personen auf, die keinen Geschlechtsverkehr haben. Sie sind effeminiert, bzw. bei Frauen: maskulinisiert, in ihrer Kindheit sexuell traumatisiert worden, sie haben schlechte Erfahrungen mit dem anderen Geschlecht gemacht/sind für dieses zu unattraktiv, oder/und sie sind in Wirklichkeit heimlich pädophil. Weniger progressiven Menschen ist es ja auch nicht zufällig ein besonderes Fußbad, Gerüchte darüber zu streuen, dass die meisten Priester schwul seien. Ich wage jetzt aber mal die Aussage, dass die „progressivere“ Variante, diese alte, hässliche Fratze der Homophobie jetzt einfach Asexuellen und freiwillig enthaltsam lebenden Menschen zuzuwenden, kein Deut besser ist.

Es ist gut, dass wir in einer Gesellschaft leben, in der sexuelle „Devianz“ mehr und mehr akzeptiert wird. Homosexualität wird allmählich als natürlich gegebener Teil der menschlichen Verhaltenspallette anerkannt und nicht mehr gesellschaftlich sanktioniert. Es müsste doch auch möglich sein, dieselbe Akzeptanz Menschen entgegen zu bringen, deren Lebensentwurf oder sexuelle Neigung eben im Verzicht auf Sex liegt.

  1. Es verzerrt die Realität des sexuellen Missbrauchs und es zerstört Kindheitskulturen

Kindesmissbrauch ist definitiv kein primär kirchliches Problemthema. Am allerhäufigsten findet er im direkten Umfeld der Familie statt. Wäre das Fernhalten der Kinder von Risikosituationen ein sinnvoller Weg zur Prävention von sexuellem Missbrauch, dann müssten Eltern sie weniger von der Kirche fernhalten, als viel mehr von sich selbst, ihren Verwandten und engen Familienfreunden. Sexueller Missbrauch findet in Sportvereinen und Schulen statt, bei den Pfadfindern und in den Häusern von Spielkameraden, durch Männer und durch Frauen. Es ist falsch, Eltern das Gefühl zu geben, dass das Fernhalten ihrer Kinder von der Kirche, vom Sportverein, von fremden (männlichen) Erwachsenen diese vor Missbrauch schütze. Es ist falsch, Eltern das Gefühl zu geben, dass es überhaupt ihre Schuld sei, wenn sie ihr Kind unwissentlich irgendwo sexuellem Missbrauch ausgesetzt haben. Im Gegenteil: die Vorstellung, dass man sich nur genug einschränken muss, damit man Missbrauch vermeidet, verunsichert Kinder und Eltern. Unsichere Kinder hingegen sind leichtere Beute für Kinderschänder. Sie sind leicht zu beeinflussen und neigen dazu, sich selbst die Schuld zu geben, zu schweigen, sich nicht zu wehren.

Wer seine Kinder vor Kindesmissbrauch schützen will, sollte ihnen keine Angst vor Priestern, Sportlehrern oder dunklen Gebüschen einreden, sondern sie stärken, selbstbewusst machen und ihnen das Gefühl geben, auf ihrer Seite zu sein.

Der Schaden, den die omnipräsente Angst vor Kindesmissbrauch angerichtet hat – nicht nur in der Kirche – ist hingegen beachtlich. Viele Männer trauen sich nicht mehr, mit ihren eigenen oder fremden Kindern natürlich umzugehen. Sie fühlen sich unter Generalverdacht oder Beobachtung. Bei einem Vater, der seinem Sohn auf dem Spielplatz Klimmzüge beibringt, sieht die Gesellschaft ganz genau hin.

Einer unserer Pfarrer schlief bei einer Firm-Fahrt im Liegewagen nicht mit uns im Sechserabteil, sondern auf dem Flur – ein anderer musste beim Ministrantenwochenende bei 35 Grad im Schatten voll bekleidet am Ufer des Badesees auf uns warten, um sich vor Anschuldigungen zu schützen.

Auf der einen Seite ist es gut, dass unsere Gesellschaft ein Auge auf ihre Kinder hat. Die Art, wie sie es tut, ist aber wenig effektiv und sie entzieht dabei den Kindern die so wichtigen männlichen Bezugspersonen. Sportlehrer, Väter, Pfarrer, Lehrer, Onkel, Kindergärtner. Hinter den ach so harmlosen Kinderschänderwitzen steht ein komplexes Geflecht tiefster Verachtung von Menschen mit einem bestimmten Geschlecht, einer bestimmten Religion und einem bestimmten sexuellen Lebensstil. Das Männerbild, das Kinder bekommen, wenn sie in so einem giftigen Milieu aufwachsen, kann nur verheerend sein. Darunter leiden ganz gewisse alle. Nicht nur Priester

Ein Kommentar

Eingeordnet unter Gedanken zur Praxis der katholischen Kirche, Medien - Kritik und Empfehlungen, Zu allgemeiner Religionskritik

Religionspädagogen zum Abgewöhnen – eine Typologie

Mein immer wiederkehrendes Credo was die religiöse Sozialisierung angeht ist, dass vermutlich mehr Gläubige von Priestern, Pastoral-/Gemeindereferenten und Religionslehrern zu Atheisten gemacht wurden, als Richard Dawkins und Konsorten es je vermögen werden.

Dabei spreche ich nicht unbedingt von den berühmten Ohrfeigen für die intelligenten Zweifler und Fummeleien im Beichtstuhl (ich habe keine Ahnung, warum die Pädophiliekramer ihre schmutzigen Phantasien immer auf den Beichtstuhl richten, der für derlei Übergriffe denkbar ungeeignet ist…). Ich spreche von den pädagogisch überbildeten Kinderfreunden…

Manch einer mag mir hier Nestbeschmutzung vorwerfen, aber man behalte im Hinterkopf: man kann von der eigenen Empörung auch immer was lernen.

Da draußen gibt es eine große, große Menge von Religionslehrern, Pfarrern in der Jugendarbeit und Pastoral-/Gemeindereferenten, die sich ehrlich und bemüht einen abzappeln und nicht in die hier geschilderten Klischees verfallen.

Und es gibt die wandelnden Klischees, beziehungsweise deren Kombinationen…

DrillInstructor

1. Der Drill-Instructor (vom Aussterben bedroht)

In so gut wie jedem Film über katholische Kindheiten gibt es den Religionslehrer/Pfarrer vom Typ Drill-Instructor. Er geistert durch Astrid-Lindgren-Verfilmungen und Alpenkrimis, er unterrichtet in den Gymnasien der 60ger-Pennäler-Kommödien und den Missionsschulen der Hollywood-Filme. Heute gibt es ihn beinahe gar nicht mehr, weil sich bereits herumgesprochen hat, dass sein Vorgehen für das Formen eines erwachsenen Glaubens denkbar ungünstig ist.

Für ihn ist Religion Religion im Wortsinne, nämlich das genaue Befolgen von Regeln und Bräuchen. Und diese Regeln und Bräuche muss man kennen. Wörtlich. Auswendig. Um drei Uhr morgens. Betrunken. Auf einem Kasernenhof im Schneesturm.

Seine Methode hat den unweigerlichen Vorteil, dass die Schüler anschließend tatsächlich etwas über ihre Religion wissen, im Gegensatz zu manchen modernen Religionspädagogen, die auch die Antwort, Abraham sei der erste Innenverteidiger von Maccabi Tel Aviv gewesen, akzeptieren würden, wenn ein Schüler das so empfindet.

Gleichzeitig hat es aber auch zur Folge, dass zweifelnde Schüler nicht zu Wort kommen. Kommen sie zu Wort, werden sie meist heillos enttäuscht, weil so ein Lehrer nun einmal überhaupt keine Handhabe, keinen Ansatzpunkt für derartige Anliegen hat, so wie ein Großteil der Mathematiklehrer keine Handhabe für Fragen hat, die die Gesetze der Mathematik bezweifeln (und glaubt mir, auch in Mathe kann ein Schüler von so etwas sehr enttäuscht werden…).

2. Die-mit-der-Gitarre-tanzt

GitarreTheologie ist für alte Männer, die gar nicht verstehen, worum’s im Glauben geht. Im Glauben geht’s nur um SIE. Äh. Also nein, es geht um IHRE Musik. Also nein, es geht um Musik. Nein. Um Gefühle. Es geht darum, dass man das ganz innen drin fühlt, wenn SIE AUF IHRER GITARRE SPIELT.

Die-mit-der-Gitarre-tanzt ist jederzeit bereit, wie die Hauptfigur eines Disney-Films in spontane Arien auszubrechen, die sie dann kompetent mit den Akkorden zu „Gott ist nur Liebe“ begleitet. Mehr kann sie auch meistens nicht, außer natürlich „wind of change“, was ihr dieser süße Typ auf der Kolping-Freizeit damals beigebracht hat.

Ach, die Kolping-Freizet. Ihr Leben ist eine ewige Kolping-Freizeit.

River’s deep, and mountain so high… und jetzt: BLOCKFLÖTENSOLO!!!

Beinahe hat man ja den Eindruck, sie versuche mit ihrer betonten Einfachheit und Gefühlsduselei einen Mangel, sowohl an theologischer Kompetenz, als auch an Musikalität zu verbergen, ja, sie habe quasi die perfekte Nische gefunden, in der sie, obwohl sie es niemals auch nur ins Schulorchester geschafft hätte, trotzdem andauernd von Berufs wegen singen, spielen, tanzen und malen darf und keiner kommt ihr aus: schließlich ist ästhetische Kritik da nicht angebracht, wo’s um echte, tiefe religiöse Gefühle geht und die kindliche Einfalt durch Jesus höchst persönlich legitimiert worden zu sein scheint.

Selbst die Tatsache, dass die lieben Kleinen, auf die der ganze Zirkus ja pro Forma abspielt, spätestens im Alter von 12 Jahren nur noch im Erdboden versinken wollen, lässt sich wegflöten: Sie wurden eben von den ästhetischen Ansprüchen künstlichen Leistungsanforderungen der Turbogesellschaft verfälscht und müssen echten, natürlichen Glauben erst wieder lernen… Und wer wäre da besser geeignet?

3. MC Quatschkopf Obercool

Spätestens, wenn die Trulla mit ihrer Gitarre aufgegeben hat, tritt er auf den Plan: der ewig 18-jährige.Coolquatsch

Er versteht: Wenn Du zu den Jugendlichen durchdringen willst, dann musst Du Dich halt auf ihre Ebene begeben, ja: Du musst ihr Buddy sein.

Zunächst mal: er ist einfach nicht so der Typ, der will, dass man irgendwas lernt, äh, auswendig lernt, das ist doch alles bullshit (hier: kunstvolle Pause einlegen, damit die Jugendlichen merken, dass man genau wie sie flucht), von daher: Ihr könnt einfach Quatschkopf und „Du“ zu ihm sagen. Und: die Bücher braucht ihr auch nicht. Das hier ist sowas wie „Der Club der toten Apostel“. (hier: kunstvolle Pause, wegen der Popkultur-Referenz).

Zugegebenermaßen: wenn einem das ganze Religion-Ding eh ziemlich egal ist, dann kommt man gut aus, mit Herrn Obercool, was hauptsächlich daran liegt, dass er den Eindruck vermitteln will, dass in der Religion auch alles voll cool ist, um nicht zu sagen: beliebig.

Also: holt mal eure Blöcke raus und dann verfasst ihr in Zweiergruppen euer persönliches Glaubensbekenntnis. Oder auch Nicht-glaubensbekenntnis. Das überlässt er ganz euch, er ist da ja nicht so.

Wie jetzt? Eine sechzehnjährige findet, dass die Texte und Ansichten ihrer religiös frischgeschlüpften Klassenkameraden überraschenderweise nicht die Aussagekraft beinahe zwei Jahrtausende Jahre alter, gewachsener und von den größten Köpfen ihrer Religion ausgeformter offizieller Texte entwickeln? Die soll mal runterkommen man. Die ist doch noch jung. Verknöchern kann sie auch, wenn sie schon alt ist. Ich mein, ich seh das schon ein, sie hat schon recht.

Der siebzehnjährige sagt, die Kirche ist nur ein Verein, in dem sich Pädophile verstecken können? Kann man so sehen, finde ich. Haha. Versteh ich voll. Jetzt reg Dich mal ab, man, ich bin doch auf Deiner Seite, ey!

Vom Prinzip her sind alle Jugendlichen, die ihm offen widersprechen und spätestens nach dem dritten „Ich seh das genau wie Du ey, Du machst Dein Ding schon und der da Oben ist letztlich der, der entscheidet“, aus der Haut fahren, eine persönliche Beleidigung für ihn: Erstens ist er ja selbst ein Jugendlicher und weiß, wie Jugendliche so sind, zweitens ist sein ganzes Handeln auf das Ausweichen vor Konflikten geeicht: für eine offene Diskussion, bei der am Ende herauskommen soll, dass eben nicht alle ein bisschen recht haben können, fehlt es ihm an Kraft. Vielleicht auch, weil man mit Mitte 40 nicht mehr das ganze Wochenende auf dem Motorrad cruisen kann, um dann bis halb drei Arbeiten zu korrigieren…

 

4. Papa Bär

PapabärPapa Bär ist ehrlich besorgt um Dich. Immerzu. Er merkt sofort, wenn er glaubt, dass es Dir nicht gutgeht. Und er kann Dir helfen.

Ganz ehrlich. Du kannst mit Allem zu ihm kommen. Das verlässt auch diesen Raum nicht. Er kennt auch die Stellen und die Leute, an die er Dich weiterleiten könnte.

Wie, Du hast kein Problem? Auch das kann Papa Bär lösen, er fragt Dich einfach so lange, was los ist, bis er eines findet.

Und: Papa Bär begrabbelt Dich gerne. Nicht sexuell, keine Sorge, Papa Bär hat in irgendeinem Seminar gelernt, dass es Nähe erzeugt, wenn man andere während des Gespräches am Arm, an der Schulter und am Rücken streichelt.

Wie, Du wirst nicht gerne von Fremden angefasst? Ihr solltet darüber sprechen, wieso das so ist, ihr könnt über alles sprechen, Papa Bär und Du. Ist Dir vielleicht mal was Schlimmes passiert, in der Vergangenheit? Hat Dich jemand mal falsch angefasst? Wieso kannst Du keine Nähe zulassen?

Dein Verhältnis zu Deiner Schwester? Schwierig, jaja, er weiß wie das ist. Er kannte mal jemanden, der hatte auch eine Schwester. Dem ist er beigestanden, in dieser Zeit, oh, wie Papa Bär beistehen kann, mit seinem besorgten Blick und seinen grabbeligen Fingern! Beinahe hat man ja das Gefühl, Papa Bär ist richtig heiß, auf Probleme und Sorgen. Papa Bär sucht das echte Leben, das tiefe Drama, in dem er der Held sein kann, oder noch besser: der treue Freund des Helden!

Papa Bär hat ein Elendsalbum unter dem Bett, da klebt er ein Bild jeder Seele ein, die er gerettet hat. Das ist es nämlich, was Christen so tun. Das ist gelebte Nächstenliebe!

Also wenn Du keine besorgten Anrufe zu Hause haben willst, wenn Du keine mitleidigen Blicke und Privatsitzungen von Papa Bär haben willst, dann begehe bloß nicht den Fehler, Dich ihm zu öffnen. Andererseits weiß Papa Bär sowieso, was Dir fehlt. Keiner ist sicher, vor der Nächstenliebe von Papa Bär.

 

5. Der GuruGuru

Er macht sich die Welt, widewidewie sie ihm gefällt. Er hat ein Haus, ein kunterbuntes Haus, das ist möbeliert mit Kram vom Mc-Doofkopf und Papa Bär. Und er kommt Dich holen.

Der Guru züchtet sich über die Jahre hinweg sein eigenes kleines religiöses System, in dem er so etwas wie der Apostel seiner Schule/Gemeinde/Organisation wird. Dabei ist er nicht nur der besteste Freund aller seiner Anhänger, nein, auch seine theologischen Überzeugungen, die er zu verbreiten nicht zurückschreckt, müssen nicht mehr viel mit denen der Organisation zu tun haben, die ihn eigentlich ausgebildet hat.

Im Endeffekt ist er die erleuchtete Stufe aller vorher genannten Pädagogen (mit Ausnahme des Drill-Instructors), denn er hat genau das geschafft, was diese sich so tief wünschen. Er hat einen Haufen Freunde unter 25. Das mag auf Glück, Charisma oder genügend Elan zurückzuführen zu sein, in jedem Fall aber macht es ihn zu einem höheren Wesen. Wie der entrückt grinsende Buddha sitzt er, in Lederjacke und Röhrenjeans in den Notenkonferenzen und Jugendausschüssen und weiß, dass seine Anhänger und Diener ihm zuarbeiten.

Doch wo Licht ist, ist auch Schatten und wo Mc-Doofkopf ein bisschen eingeschnappt ist, erntet man vom Guru mehr so etwas wie einen heiligen Zorn kombiniert mit der sozialen Hinterhältigkeit einer englischen Gesellschaftsdame des viktorianischen Zeitalters. Bis man merkt, in welchen Ausschüssen und Vereinen er die Finger im Spiel hat, ist es auch schon zu spät, um noch irgendwo Fuß zu fassen, ja, er ist beängstigend und der einzige Weg, vor ihm zu fliehen ist es, die Kinder- und Jugendarbeit ganz zu verlassen. Denn die religiösen Spezialisten, die sich für Erwachsene interessieren, können ihn komischerweise meist auch alle nicht leiden oder halten ihn zumindest aus ihrem Kram raus.

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