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Ein moralisches Feuerwerk

Das Einzige, was dem Deutschen lieber ist als seine Traditionen im Jahreskreis, ist ritualisierte Konsumkritik. Und natürlich Viecher.

Bevor ich meinen Freundeskreis um ein christlich geprägteres Milieu erweiterte, kannte ich das nur von den Brot-für-die-Welt-Plakaten: Brot statt Böller. Dass sich manche Leute über Silvesterböllerei mehr aufregen als über Steuerverschwendungen in Milliardenhöhe, irritiert mich außerordentlich. Wer sich erdreistet, zu Jahresende mal für zehn Lappen ein bisschen Krachbumm zu machen, ist ein „Dummschwätzer“, „schwanzlos“, ein „Heuchler“ und, natürlich, ein „Tierquäler“. Es „mangelt ihm an Empathie“, er „unterstützt Ausbeutung“ und „verschwendet sein Geld, während andere nichts zu essen haben“, kurz, er ist in der Skala der Abscheulichkeiten ganz ganz weit oben dabei.

133 Millionen Euro verpuffen in der Luft

Das ist die magische Summe, die heuer die Tagesschau verkündete. Gerechnet auf 82 Millionen Deutsche ist das pro Kopf gerade mal die abenteuerliche Summe von 1,62 Euro. Natürlich gibt nicht jeder Geld für Böller aus. Bei mir sind es im Jahr ca. 5 bis 8 Euro. Wenn man bei der Kollekte jede Woche ca. 1 bis 2 Euro ins Körbchen legt, dann sind das im Schnitt 87 Euro pro Jahr, also schonmal das Zehnfache.  In meinem Fall gibt es dann meine nicht ganz uneigennützige monatliche Spende für das Kakapo Recovery Center, die Kirchensteuer und die Zeit, die ich in meiner Gemeinde und Studienstiftung investiere. Es ist eine bescheidene Summe. Aber mir zu erklären, ich wäre angesichts dessen, was ich trotz reichlich mittelmäßiger Einnahmenlage der Allgemeinheit zurückgebe ein mieses Dreckschwein, weil ich es wage, 8 Euro in eine Viertelstunde Vergnügen am Jahresende zu investieren, ist schon reichlich dreist.

Gegen Jahresende kann ich nämlich bei all den Ausgaben nichts auf die hohe Kante legen. Und da bin ich sicher nicht die Einzige. Viele, sehr viele Menschen in Deutschland können sich nämlich den Spaß zu Silvester für 15 oder 20 Euro leisten, aber den Jahresurlaub höchstens in Form einer Pauschalreise. Da zeigt die konsumkritische Vorbildfraktion lieber mal schön mit dem Finger auf den böllernden Pöbel und fährt über Epiphanie in den ersten Urlaub des Jahres, in den Skiurlaub, der im Übrigen wesentlich mehr Geld kostet und ganze Landstriche verwüstet.

Brot statt Biathlon

Apropos: Für Wintersport geben die Deutschen im Jahr 16,4 Milliarden – jawohl: MILLIARDEN Euro aus. Davon könnte man 123 Tage Silvester feiern, also bis Anfang Mai.

Der Skisport schädigt die alpine Flora und Fauna dauerhaft, produziert durch Transport, Kühlungs- und Kunstschneeanlagen CO2 ohne Ende und belastet die Staatskasse durch Sportunfälle, Rettungseinsätze und die genannten Umweltprobleme.

Dagegen sind die immer wieder angeführten Umweltschäden durch die Böllerei ein schlechter Witz. Und Wintersport ist nicht mal der einzige schädliche Unfug, für den Geld in Milliardenhöhe verpulvert wird. Ich persönlich würde z.B. weder Diskotheken noch Openair-Festivals oder Flugverbindungen in die DomRep vermissen – könnte man also eigentlich gleich abschaffen. Andere Leute argumentieren nach ähnlichen Mustern für das Verbot von Tabak und Alkohol, die Aufgabe staatlicher Orchester, die Einführung einer Höchstgeschwindigkeit auf der Autobahn oder einer Extrasteuer auf Zucker, Fett und Fleisch. Was „überflüssig“ ist, ist eben persönliche Einschätzung.

Das ganze Jahr könnte man sich letztlich dieses oder jenes verkneifen. Aber mit Vorliebe stürzt man sich auf diese eine Kleinigkeit. In manchen Fällen, wie bei Brot für die Welt, hat das ja durchaus seinen Sinn: Es ist leichter, die Leute dazu zu überreden, das Geld, das sie für Böller ausgeben würden, zu spenden als ihr Budget für den Skiurlaub. Weil die Beträge sich meistens um die 20 Euro bewegen, spenden sogar viele UND kaufen sich ein paar Raketen. Das Ganze ist also letztlich wenig mehr als eine PR-Nummer, ähnlich wie die Plakate, die derzeit darüber aufklären, was das Geld für einen einzelnen Becher Kaffee in der Welt bewegen könnte. Das ist daher eine sinnvolle und durchdachte Kampagne. Aber das ist ja nun gar nicht das tragende Motiv derjenigen Moralapostel, die derzeit online ihren Hass auskippen.

Der Deutsche und das liebe Vieh

Vollkommen egal wäre das alles nämlich einem Großteil der Menschen, wenn nicht jedes Jahr ihre Haustiere verängstigt unter der Küchenbank verschwinden würden. Wer böllert, quält Tiere! Und Tierquäler gehören zusammen mit Kinderschändern zu den einzigen menschlichen Monstrümmern, für die viele Deutsche bis heute Erschießungskommandos gerechtfertigt sähen.

Für vergreiste KZ-Aufseher hat man hierzulande ein Herz. Für jemanden, der sein Meerschweinchen einzeln hält, wird lebenslängliche Isolationshaft verlangt. Ich habe diesen Mechanismus bereits ausführlicher beschrieben. Dass möglicherweise der Besitzer, oder, wenn es um die angeblich verängstigten Kinder geht, die Eltern mit ihrer eigenen Panik der tierischen bzw. kindlichen Vorschub leisten, steht natürlich auf einem anderen Blatt. Aber ähnlich wie Eltern befinden Tierbesitzer sich in eine Art Symbiose mit ihren Tieren, die ihnen Selbstkritik komplett versagt und sie jede auch noch so geringe Unbill ihres vierbeinigen Freundes oder Sprösslings als Dolchstich ins eigene Herz fühlen lässt. Mein Freund und ich hatten jedenfalls bisher heiß geliebte Katzen, Meerschweinchen, Hunde und Wellensittiche und keines dieser Tiere hat jemals zu Silvester Panik geschoben – mehrheitlich hat die Bagage die Böllerei kollektiv verpennt. Wenn dann doch mal ein Tier erschrecken sollte, ergreifen wir die uns möglichen Maßnahmen und bleiben cool. Wir stellen das Wohl unserer (übrigens ebenfalls vollkommen überflüssigen und eine Milliardenindustrie bedienenden) Tiere nämlich nicht über die Freiheit unserer Mitmenschen, ganz besonders nicht, wenn es nur um einen einzigen Tag im Jahr geht.

Letzte Chance zur Konsumkritik

Es ist aber auch vollkommen egal, was der konkrete Anlass ist. Der christliche bürgerliche Deutsche braucht Feiertags einfach seine Konsumkritik. Da hat er Zeit zu lesen und sich mal auf das wichtige zu besinnen. Nur echt mit der Heraufbeschwörung armer chinesischer Arbeiterinnen, die in den Feuerwerksfabriken zu einem Hungerlohn arbeiten, die aber offensichtlich zur veganen Stillyoga-Trainerin umgeschult würden, würden wir von hier aus ihren Industriezweig austrocknen. Oder so.

An Silvester geht es eben auch für die Feuerwerksabstinenzler ohne Krachbumm nicht ab. Sie müssen halt stattdessen ihr moralisches Leuchtfeuer in den Himmel entsenden.

Wem’s gefällt.

PS: Ich wünsche allen Böllerern und Nicht-Böllerern, allen Festivalbesuchern und -nichtbesuchern, Wintersportlern und Sportmuffeln, Tieren und Menschen ein gutes neues Jahr.

PPS: Wer helfen möchte, dass der drolligste Papagei der Welt weiterhin durch die neuseeländischen Wälder wackelt, spendet statt oder neben der Böller an http://kakaporecovery.org.nz/

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Aus gegebnem Anlass: Vegetarismus als christlicher Wert?

Kurt Remele geistert derzeit durch meine Timeline (Hier im Interview mit katholisch.de ) : wer christlich ist, so seine Ansicht, müsste eigentlich mindestens Vegetarier sein.Eine kritische Einlassung.

Fleischkonsum als „Lesart“?

Als Erstes möchte ich darauf eingehen, dass Herr Remele die Erlaubnis zum Essen von Tieren eine „Lesart“ der Bibel nennt, neben der es auch andere „Lesarten“ gebe.

Tatsächlich gibt es Hinweise für die These, dass Adam und Eva Vegetarier waren. Einige Lehrer des Judentums gehen davon aus, dass das auch nach dem Sündenfall so blieb. Auch die Geschichte darüber, dass Noah die Tiere vor der Sintflut rettet scheint zunächst einmal ein Vorläufer des modernen Artenschutzes zu sein. Doch leider zerschlägt gerade der Bund, den Noah anschließend mit Gott schließt diese Hippie-Phantasien: Gott erklärt explizit Noah, dass er Fleisch essen darf, so lange es kein Blut enthält.

3 Alles Lebendige, das sich regt, soll euch zur Nahrung dienen. Alles übergebe ich euch wie die grünen Pflanzen.4 Nur Fleisch, in dem noch Blut ist, dürft ihr nicht essen.5 Wenn aber euer Blut vergossen wird, fordere ich Rechenschaft, und zwar für das Blut eines jeden von euch. Von jedem Tier fordere ich Rechenschaft und vom Menschen. Für das Leben des Menschen fordere ich Rechenschaft von jedem seiner Brüder.“ (1. Buch Mose 9)

Um das als „Lesart“ abzutun, diese neuralgische Stelle, an der die für alle Menschen geltenden Noachidischen Gebote eingesetzt werden, muss man schon ein besonderes Maß an Wunschdenken an den Tag legen.

Natürlich sagt die Stelle nicht, dass man Fleisch essen muss. Aber sie sagt eindeutig, dass man es darf. Im Gegensatz zu vielen „alttestamentarischen“ Geboten, Erlaubnissen und Gesetzen gibt es hierzu auch keine überlieferte kritische Bemerkung Jesu.

Rein auf der Basis des Evangeliums ist der Fall somit vollkommen klar. Wer das für eine „Lesart“ hält, der kann genauso gut die monogame Ehe als Lesart bezeichnen. Es gibt vielleicht hier und da ein Gegenbeispiel, aber mehr Stellen, die keinen Zweifel offen lassen.

Ganz nebenbei gibt es auch eine einfache theologische Begründung, wieso Tiere und Menschen nicht auf einer Stufe stehen: Tiere haben nun einmal keine Seele. Wer meine Ausführungen zum Mensch-Tier-Verhältnis im Christentum und in der zeitgenössischen westlichen Gesellschaft noch nicht kennt, kann dies hier nachlesen.

Natürlich kann, wer das aus moralischen oder anderen Gründen möchte, vegetarisch oder vegan leben. Das ist mir offengestanden vollkommen Wurst. Aber man kann nicht behaupten, dass es christlich sei. Denn das ist nämlich einfach nicht zu belegen.

Wieso Vegetarismus nicht funktioniert und Veganismus eine Luxuserscheinung ist

Wenn man Katholik ist, muss man sich natürlich nicht nur an das halten, was in der Bibel steht. In unserer Religion gibt es viele außerbiblische Traditionen und Regelungen. Wäre es denn vertretbar, Gläubige zum Vegetarismus anzuhalten? So lange wir davon ausgehen, dass die Kirche den Anspruch hat, die moralische Richtschnur für die gesamte Gesellschaft darstellen zu können nicht.

Warum nicht? Das Problem liegt wie so oft in der Praxis. Denn beim Ovo-Lacto-Vegetarismus müssen Tiere gehalten werden, um Milch und Eier zu produzieren. Wenn Mama Huhn aber Eier legt und Mama Kuh ein Kälbchen bekommt, dann sind darunter in der Regel auch Männchen. Und Männchen haben zwei schlechte Eigenschaften: erstens geben sie weder Eier bzw. Milch, zweitens kann man sie nicht in Gruppen zusammenhalten, sonst gehen sie sich an die Gurgel. Man schlachtet sie also oder kastriert sie und mästet sie fett, um sie dann zu schlachten. Wollte man alle männlichen Nachkommen seiner Nutztiere in Einzelhaltung bis zu ihrem Tode pflegen, wären Milch und Eier quasi unbezahlbar, ebensowenig ist es realistisch dass jedes dieser Männchen seinen Harem bekäme. Vegetarismus kann also immer nur für einen Teil der Bevölkerung funktionieren, die sich darauf verlässt, dass der Rest der Bevölkerung ihnen den Tiermüll wegisst. Folglich verantwortet man als Vegetarier stets die Schlachtung überflüssiger männlicher Tiere mit. Diese Kleinigkeit ist vielen Vegetariern nicht bewusst, weil sie in von der Lebensmittelproduktion dissoziierten Wohlstandsgesellschaften leben. Man könnte meinen, dass Personen, die öffentlich Aussagen über die soziale Verantwortung des Menschen gegenüber Tieren treffen, so etwas wissen. Aber hier geht es ja um Sozialethik und nicht um die Realität. Man kann also aus kirchlicher Sicht, mit einem gesamtgesellschaftlichen Anspruch, nicht befürworten, dass wir alle Vegetarier werden, konsequent wäre lediglich Veganismus.  Man könnte allenfalls fordern, dass der Konsum reiner Fleischtiere (Schweine z.B.) eingestellt würde.

Bleibt noch der Veganismus.

Lassen wir einmal die Behauptung dahingestellt, dass mit entsprechendem Wissen Veganer sich ohne „künstliche“ Zuführung von Eiweiß, Eisen und anderen potentiellen Mangelstoffen gesund ernähren können. Ich bin kein Ernährungswissenschaftler und kann das nicht beurteilen. Träger dieser Stoffe sind beispielsweise Hülsenfrüchte (dazu zählen auch Erdnüsse und Soja), Nüsse und einige Gemüsesorten wie Avocados. Und wieder stehen wir vor dem Problem der Globalität der Kirche: Für viele Christen ist der Zugang zu solchen Lebensmitteln so gut wie unmöglich, entweder weil ihre Gebiete an den globalen Markt noch nicht angeschlossen sind, oder weil sie sich diese nicht leisten könnten. Dazu kommt noch dass selbst bei der Möglichkeit einer veganen Ernährung mit lokalen Mitteln Veganerinnen ihre Kinder nicht stillen können und dann keinen Zugang zu Ersatzprodukten für Muttermilch hätten. Kann die Kirche wirklich etwas zu ihrem moralischen Anspruch machen, das sich nur ein geringer Bruchteil ihrer Gläubigen überhaupt leisten kann? Ganz abgesehen davon, dass es fragwürdig ist, ob ohne die Anbahnung einer ökologischen Katastrophe durch Entwaldung genügend Anbauflächen für die vegane Ernährung einer Weltbevölkerung vorhanden wären. Auf Weideland wächst nämlich häufig auch nichts, außer eben Gras.

Der letzte Ratschlag des Herrn Remele ist „Biofleisch“. Nun ist es tatsächlich so: ich würde gerne sichergehen können, dass die Tiere, deren Fleisch ich kaufe, unter vertretbaren Umständen gehalten werden. Was ich aber nicht möchte, ist dann noch die Ideologie, die hinter „Bio“ steht, gleich mit zu kaufen. Dazu gehört beispielsweise der Verzicht auf Gentechnik, künstliche Düngemittel und bestimmte medizinische Behandlungen, die keinen anderen Hintergrund haben als eine Mischung aus Antiamerikanismus, Angst vor Technologie und westlich-urbanisierter Romantisierung des Ackerbaus (Wer hierzu meine ausführlichere Meinung lesen möchte findet sie hier). Dabei sind die drei genannten Praktiken wichtige Faktoren bei dem Versuch, irgendwann den Hunger auf der Welt zu besiegen, indem Flächen effektiver und mit weniger Pestiziden und weniger wasserbelastenden Pflanzenschutzmitteln bearbeitet werden können. Biologischer Ackerbau ist quasi eine semireligiöse diffuse Ablehnung von Mitteln, die anderen Menschen das Leben retten könnten. Und somit in seinen (zugegebenermaßen: unintentionellen) Folgen christlichen Werten genau entgegengesetzt.

Der Mythos von der Naturfeindlichkeit des Christentums

Zusätzlich greift Herr Remele noch gleich auf den Mythos zurück, im Gegensatz zu beispielsweise polytheistischen Religionen sei der christlich-jüdische Kontext eher utilitaristisch gegenüber der Natur eingestellt und neige daher dazu, sie auszunutzen. Natürlich lässt er sich’s auch nicht nehmen, dazu gleich „macht Euch die Erde untertan“ zu zitieren.

Dabei handelt es sich um einen uralten religionswissenschaftlichen Mythos (aus den 60gern, um genau zu sein). Nicht nur muss man, um auf solche Ideen zu kommen offensichtlich noch nie ein Aquädukt gesehen haben und außerdem glauben, in einer Gesellschaft, in der man an einem eingetretenen Holzsplitter sterben kann, hätte man irgend ein anderes Verhältnis zur Natur als ein höchst misstrauisches, man muss auch ein sehr simplifiziertes Bild vom Christentum haben. Es gibt mindestens seit dem Mittelalter Texte, die den Menschen nicht nur zum Beherrscher der Natur machen, sondern ihn auch in die Verantwortung gegenüber derselben stellen, das galt ebenso für Tiere. Ja, es gab sogar Zeiten, da machte man Tieren Prozesse, wie man sie auch Menschen machte. Inklusive Anwalt. Es gibt sogar Hinweise dafür, dass Naturschutz – und damit auch Themen wie Vegetarismus und Veganismus – von Grund auf christlich inspirierte Erfindungen sind. Wer dafür Quellen möchte, kann das gerne auf rund 50 Seiten von mir bekommen, es ist nämlich Teilinhalt meiner Promotion. Generell ist es sehr schwierig, das frühere Verhältnis zwischen Mensch und Tier mit dem heutigen zu vergleichen und anhand dessen die Ältere zu kritisieren. Letztlich wusste man noch nicht so richtig, wie beide funktionieren, besonders im Hinblick auf die Verhaltens- und Hirnforschung.

Das Thema Fleischgenuss wird auch in diesem Fall ohne jedwede Überlegung im Bezug auf praktische Fragen geführt und läuft in den altbekannten Bahnen, statt sich auf die Entwicklung neuer Konzepte zu verlegen, die möglicherweise ja eine Bereicherung des Diskurses von christlicher Seite bedeuten könnten. Das Christentum in diese ohnehin schon überemotionalisierte und erhitzte Diskussion hineinzuziehen, in der Akteure unterschiedlichster Hintergründe und Motive versuchen Druck auf die Gesellschaft auszuüben, mag vielleicht ein imagepolitisch gesehen günstiger Kniff sein, weil es ja sonst nie auf der Seite des Guten und Schönen stehen mag, abkaufen wird ihm das von Seiten der „Guten und Schönen“ vermutlich sowieso niemand, kann ja nicht einmal Herr Remele auf das obligatorische zeitgenössisch-katholische Selbstzerfleischen verzichten.  Es ist also wieder einmal der typische Fall deutscher Kirchenkritik, die aus deutscher Sicht auf deutsche Probleme eingeht. Das sind dann logischerweise die berühmten „1.-Welt-Probleme“.

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Aus gegebenem Anlass: Das liebe Vieh

„Dann hab wenigstens den Arsch in der Hose Vegetarierin zu sein!!!“ Ja, dieser Satz kam tatsächlich aus meinem Munde. Gerichtet war er an eine Schulkameradin, die mir erklärte, sie könne kein Fleisch essen, bei dem man noch sehen kann, welcher Teil eines Tieres es gewesen sei. Also: nur Stücke ohne Knochen, Haut, Sehnen…. Ihr Problem: sie wollte nicht daran erinnert werden, dass sie Hühnchen, Kälbchen, Schweinchen und Öchslein verspeiste.

VegetariAnerInnen verwenden manchmal im Zusammenhang mit dem Verhältnis der omnivoren Bevölkerungsteile zum Tierreich den Begriff „Perversion“. Ich tue meinen Lesern an dieser Stelle den Gefallen, ihn mir zu verkneifen.

Doch die Haltung des Fräuleins ist symptomatisch für die Art und Weise, auf die in unserer Gesellschaft Tiere wahrgenommen werden: Tiere, das sind quasi Babys, die nie erwachsen werden. Tiere sind unschuldig und daher eigentlich die besseren Menschen.

An dieser Haltung hat durchaus die christliche Religion einen Anteil: nach Sicht der katholischen Kirche und vieler anderer christlicher Konfessionen, können Tiere sich nicht schuldig machen. Deshalb haben sie keine Seele (bzw. andersherum; ironischerweise ist es gerade das, was vielen sogenannten Tierfreunden wiederum sauer aufstößt). Das ist auch zu ihren Gunsten anzunehmen. Hätten Tiere eine Seele und somit ein Schuldbewusstsein und ein Gewissen über das hinaus, was z.B. der Rudeltrieb bewirkt, dann würden sie ja all den Kram, den sie machen – z.B. Kaninchen jagen, obwohl daheim die zuverlässig volle Futterschüssel steht (und nein, ich spiele nicht auf das pelzige Bündel an, das gerade leise schnarchend in der Vormittagssonne liegt) – aus Boshaftigkeit tun.

Aber aus irgend einem Grund wird Unschuld immer mit Gut-Sein verwechselt. Die tierische (und kindliche) Unschuld aber macht nicht moralisch überlegen, sondern entfernt den so bezeichneten aus der Kategorie der Moral. Er ist nicht unschuldig, weil er sich nicht schuldig gemacht hat, sondern weil er sich nicht schuldig machen kann. Mangels eines Gewissens.

Eine Welt, in der Tiere Schuld haben können, das wünscht sich auch kein Tierschützer: in der frühen Neuzeit wurden z.B. auch Tiere für ihre Vergehen, inklusive unterlassener Hilfeleistung, hingerichtet, aufgehängt, ersäuft, erwürgt oder erschlagen, auch im Buch Exodus finden sich Hinweise auf diese Praxis.

Die aktuelle Lage erscheint mir da viel vernünftiger – es gibt sogar Gruppen, die sich dafür einsetzen, dass scharfe Hunde, die einen Menschen angefallen haben nicht eingeschläfert werden, weil sie – meiner Meinung nach mit Recht – dem Halter die Schuld geben, der den Hund scharf gemacht hat.

Bitte versteht mich nicht falsch: das ist keine Entschuldigung, mit Tieren zu machen, was man will. Vielmehr das Gegenteil: wenn man Tiere nicht für das verantwortlich machen kann, was sie tun, dann ist es die Aufgabe des Menschen, für sie zu sorgen, sie zu schützen und sie aber im Gegenzug auch dort einzugrenzen, wo es nötig ist (eben z.B. durch verantwortungsvolle Jagd, Domestizierung, Flächendeckende Kastration), daher halte ich auch Tierrechtsbewegungen im Gegensatz zum kompetenten und realistischen Tierschutz für ein weiteres Symptom dieser gesellschaftlichen Fehlentwicklung im Umgang mit Tieren. Die in Zeiten eines engeren Zusammenlebens von Mensch und Tier entstandene Genesis schildert ja schließlich auch, wie die Tiere dem Menschen von Gott anvertraut werden. Nimmt man dies ernst, dann ergibt sich daraus besagte doppelte Verantworung: das Zusammenleben von Mensch und Tier ist für erstere überlebensnotwendig (es sei denn, man lebt Vegan), daher müssen wir einerseits uns vor den Tieren, andererseits die Tiere vor uns schützen, da sie mit beiden Aufgaben überfordert wären.

Man sollte ihnen also nicht mutwillig Schmerz zufügen und ich kann verstehen, dass man aufgrund moralischer und philosophischer Überlegungen auf den Konsum von Tierfleisch, aber auch von Tierprodukten (was übrigens wesentlich konsequenter und – wie ich an anderer Stelle ausführen werde – logischer ist) verzichtet.

Tiere zu quälen ist nicht in Ordnung. Das war es noch nie und selbst in Zeiten, in denen die Menschen noch ein wesentlich instrumentelleres Verhältnis zu Tieren hatten, war Grausamkeit gegenüber Tieren geächtet, wobei allerdings die Hemmschwelle eindeutig etwas höher lag (das war sie ja auch bei Kindern…).

Dieses Instrumentelle Verhältnis ist es, bei dem ich ansetzen möchte. Für viele unserer Vorfahren, das ändert sich erst schleichend im 19. Jahrhundert, waren Tiere Nutztiere. Sie sortierten sie gemäß ihrer Bedürfnisse und dem entsprechenden Nutzengewinn ein – und sei es bei einem Kanari nur dessen Gesang, bei einem Schoßhund dessen Gesellschaft (bei letzterem kamen aber, das vergessen viel zu viele Hundebesitzer, Fähigkeiten, wie Rattenfang, Wache und Personenschutz hinzu). Das hatte für die Tiere den entscheidenden Vorteil, dass der Mensch erstens nichts in sie hineinprojizierte, was diese überforderte, wie es bei Hunden und Katzen beobachtet werden kann und sie nach dem pflegte, was die Tiere selbst brauchten und nicht nach dem, was er sich einbildete. Auf die Idee, seinen Hund vegan und seine Katze glutenfrei zu ernähren, wäre damals keiner gekommen.

Artgerechte Haltung, soweit diese bekannt oder durchführbar ist, war und ist angebracht, weil sie das Produkt verbessert, findet aber ihre Beschränkung eben in der Produktivität.

Auch von diesem Satz hätte ich nie gedacht, dass ich ihn jemals in den Mund nähme: der durchschnittliche Mensch ist von diesem Produktionsprozess komplett entfremdet.

„Das Schwein macht grunz“. Mehr Infos gibt es zu diesem Thema für die Meisten nicht. Die allermeisten Tiere gibt es aus dem Fernsehen, entweder zeichenvertrickt, sprechend, mit Kulleraugen und ohne jegliche Fäkalabsonderung oder aber in Form der Tierdoku, in der sie aber ebenfalls ins menschliche Narrativ verpackt, in die Erzählung von Geschichten gepresst, ebenso vermenschlicht werden (bisweilen verbalisiert hierbei ein Sprecher ihre „Gedanken“), oben drauf noch eine Schippe schlechtes Gewissen, weil das Korallenriff, die Savanne, der Wald schwer gefährdet ist. Tiere aber leben nicht in Narrativen, weil sie nicht erzählen. Tiere sind einfach so. Es ist ihnen piepegal, ob ihre Art ausgelöscht wird, die einzigen die das wirklich stört (und damit nehmen sie eben ihre Verantwortung wahr), sind die Menschen.

Dass es Tiere nur noch im Fernsehen oder als sprachloses Familienmitglied gibt, macht sie zu Protagonisten, zu Symbolen.Wir geben ihnen Namen. Wir präsentieren sie im Zoo, wo es wieder Tafeln mit Geschichten über sie gibt und wo sie stellvertretend für ihre Art und den Schutz der Tierwelt Afrikas stehen. Kein Tier würde mit einem anderen Tier so umgehen (und das meine ich komplett wertungsfrei).

Sehr viele Vegetarier sind ein gute Beispiel für diese Entfremdung von der Produktion: oft ist es weniger die moralische Überlegung, die sie vom Fleischkonsum abhält, als viel mehr ihr verkitschtes Tierbild. Man isst keine Kuscheltiere. Nur wenigen ist aber bewusst, dass ein vegetarisches Leben nur aufrecht erhalten werden kann, wenn es im Land auch Fleischverwertung gibt. Die allermeisten Nutztiere nämlich sind Herdentiere. Der Aufbau dieser Gruppen ist üblicherweise ein geschlechtliches Ungleichgewicht, ein Hahn, Stier, Bock und viele weibliche Tiere. Leider hält sich die Natur nicht an dieses Verhältnis, wenn es um die Geburtenrate bei neuen Tieren geht: die jungen Männchen kämpfen untereinander und mit dem Leitmännchen. Natürlicherweise würden sie die Gruppe verlassen und einzeln davon ziehen, in der Domestizierung aber können sie nirgendwohin. Gibt es Fleischesser, ist das Problem schnell gelöst. Es ist ein der Religionswissenschaft bekanntes Phänomen, dass vegetarische Intellektuellenkommunen auf dem Land tatsächlich an diesem Problem scheiterten. So weit aber denken viele Vegetarier bei ihrer Entscheidung gar nicht, weil sie nichts mit der Realität von Tieren zu tun hat sondern von dem Bild, wie Tiere zu sein haben. (Ich möchte hierbei natürlich die vielen rühmlichen Ausnahmen ausgenommmen wissen. Außerdem umgehen Veganer, oft ohne es überhaupt zu wissen, dieses Problem).

Kein Wunder also auch, dass es eine Katastrophe gibt, wenn der kleine Marius, der so tapfer für den Erhalt der Savanne gekämpft hat (einen Dreck hat er) zerteilt und an die Löwen verfüttert wird. (Wobei man natürlich wirklich darüber streiten kann, ob man das in Anwesenheit von Kindern durchführen muss…). Oder, wenn ein Mitarbeiter im Umweltministerium auf Elefantenjagd geht, übrigens legaler Weise.

Ich mag Elefanten. Großwildjagd finde ich aber als Hobby ziemlich unromantisch, teuer und außerdem findet sie in heißen, staubigen Ländern statt.

Der Punkt ist, dass der Mann – und die Faktenlage (nämlich, dass die Elefanten zum Abschuss freigegeben waren und er nichts ausrottet, gefährdet oder sonst irgendwelche Gesetze übertreten hat – die Ranger müssen so oder so die Elefantenherden dezimieren) ist dafür vollkommen irrelevant – Todesdrohungen bekommen hat. Todesdrohungen. Da kommt mir gleich wieder das P.-Wort in den Sinn.

Weil er einfach so feige einen Elefanten erschossen hat. „Hat er verdient, ne?“, werden sich viele denken. Wer ein Tier tötet, egal aus welchem Grunde, ja es auch nur aus Überforderung oder Gedankenlosigkeit nach Meinung der Tierrechtler und/oder -schützer falsch hält, muss Lynchjustiz beinahe mehr fürchten, als ein gemeiner hinterhältiger Heckenschütze. Weil sein Opfer nicht nur für sich selbst, seinen Organismus steht, sondern für eine Philosophie schuldlosen und damit höheren Daseins (Tiere leben quasi ganzheitlich, daher sind Meditationen, bei denen man sich in ein Tier hineindenkt auch so hip), dazu stellvertretend für einen Charakter, seine ganze Art und sein Ökosystem.

Das wird ihnen aber nicht gerecht. Tiere haben zwar Persönlichkeiten und sie fühlen Schmerz, aber bei all dem sollte man nicht vergessen: sie sind immer noch nur Viecher (geliebte, schützenswerte, wunderschöne).

Damit wird man ihnen viel gerechter.

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