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Tür 16 des Blogoezese-Adventskalenders: Tokyo Godfathers – Ein Weihnachtsfilm von unerwarteter Seite

ak16Tokyo Godfathers – wörtlich: Tokio-Taufpaten ist ein 2003 erschienener Anime-Film des vor zwei Jahren viel zu jung verstorbener Anime-Regisseurs Sashimoto Kon. Er bekommt einen Ehrenplatz in meinem Fundus weihnachtlicher oder vorweihnachtlicher Medienprodukte.

Tokyo Godfathers ist ein erwachsener Film, der mit viel Realismus die Ereignisse der Weihnachtsfeiertage im Leben dreier Obdachloser in Tokyo begleitet.

Ach Gott, schwere Kost? Mag der geneigte Leser fragen. Nein! Denn zum Glück ist es kein Deutscher Film, bei dem am Ende herauskommen muss, dass unsere Gesellschaft zutiefst verdorben ist und sie Obdachlose im Schnee sterben lässt, während sie sich dem Genuss und Glitzer der Feiertage hingibt (wer sich das bei all dem Besinnlichkeitsterror immer noch trauen mag, sei dahingestellt). Er verfällt nicht in den brutalistischen Realismus der „Kinder vom Bahnhof Zoo“ (oder „Enter the Void“, den ich mal so gar nicht empfehlen kann) oder der anderen Deutschen Hinschau-Machwerke die Authentizität erwirken wollen, indem das Wort „Ficken“ mehr Screentime erhält als die stets mit aufdringlichem Grau-Filter gefilmten BH-losen A-Körpchen der ausgemergelten Protagonistin. Er präsentiert uns nicht wie der Deutsche Elends-Tourismus-Film die Binsenweisheit, dass die ärmsten und vom Schicksal gebeutelten Menschen natürlich auch immer die besten Herzen haben, ein Genre, das ich immer als „Onkologie-Romantik“ tituliere. Der Film geht mit seinen Protagonisten, obwohl er sie komisch überzeichnet, ungemein respektvoll um. Sie sind ganze Menschen, die lügen, stehlen, sich streiten, egoistisch sind, irren und verrennen, die aber dennoch als solche immer liebenswert bleiben. Und er ist, obwohl der Macher aller Wahrscheinlichkeit nach kein Christ war, vollgestopft mit christlichen Symbolen und Ideen.

Wenn Sie also jetzt schon Lust bekommen haben, in sich anzusehen und nicht möchten, dass ich die (ich verspreche es) überraschenden und erstaunlichen Wendungen für Sie verderbe, dann sehen Sie ihn sich doch einfach gleich an (aber bitte NICHT in der Deutschen Synchro) und lesen Sie dann weiter. Oder lesen Sie gleich, wenn Sie „Spoiler“-resistent sind, wieso dieser Film in jede christliche Weihnachtsfilmkollektion gehört.

Ein schräges Krippenspiel

In der ersten Szene des Filmes sehen wir ein Krippenspiel in einer Kirche in Japan und einen Pfarrer, der darüber predigt, auch die Ausgestoßenen liebevoll anzunehmen. Das Christentum ist eine in Japan alles andere als verbreitete Religion. Im Gegenteil. Als Japan im 17. Jahrhundert in eine Phase der kulturellen Abschottung eintrat wurden die im Lande befindlichen Christen aufgespürt, Angehörige zu deren Denunziation und hingerichtet, als besonderes „Schmankerl“ oft am Kreuz. Diese religiöse Säuberung hielt bis ins 19. Jahrhundert an. In der Folge stellen Christen in Japan bis heute eine absolute Minderheit dar (ca. 6%). Es ist also kein gewöhnlicher Anblick, der uns geboten wird. Es ist ein absichtliches gesetztes, exotisches Setting. In einer sich anschließenden Armenspeisung sehen wir die drei Protagonisten des Filmes. Miyuki, eine Teenagerin, die aus ihrem als lieblos empfundenen bürgerlichen Elternhaus weggelaufen ist, Hana, eine Dragqueen, die in einem Szeneclub arbeitete und lebte, aber nach einer Auseinandersetzung mit einem Kunden von dort floh und Gin, einem Fahrradmechaniker, der sich mit Suff und Spiel hoch verschuldete und seine Familie sitzen ließ, um auf der Straße zu leben.

Diese kleine Familie, die von Hana mit Mühe und mütterlicher Fürsorge zusammengehalten wird, findet nun in einem Müllberg ein Neugeborenes. Hana, die zuvor beim Krippenspiel halb scherzend, halb von ihrem biologischen Geschlecht frustriert witzelte, ob Gott auch einem „alten Schwulen“ ein Kind schenken könne, wenn er es bei einer Jungfrau schaffe ist sofort hingerissen und nimmt es bei sich auf.

Hana tauft das kleine Mädchen spontan „Kiyoko“, was „die Reine“ bedeutet. Für sie ist Kyoko ein Engel, ein Botschafter Gottes. Und das Narrativ tut alles, um diese Annahme nach Kräften zu unterstützen. Doch davon gleich mehr.

Sicher haben Sie gemerkt, dass wir am Anfang des Filmes mit einer allegorischen Parallelisierung konfrontiert werden in der sich verschiedene christliche Bilder überlagern: Die drei Weisen aus dem Morgenland sind drei Obdachlose. Statt einer reinen Jungfrau kommt eine Frau zu einem Kind, die nicht einmal eine Frau ist und die in ihrer selbstironisch überzogenen Mütterlichkeit sich auch selbst karrikiert. Als dritte Möglichkeit erscheinen die drei aber auch als die Schäfer auf dem Felde, die von Gott zu einem Kind gerufen wurden, das ihr Leben verändern wird.

Weihnachtswunder und Wunderkinder

Kiyoko führt sie alle in einer Reihe unwahrscheinlicher Zufälle ihren ursprünglichen Verwandten und Bezugspersonen zu. Alle drei lernen, dass die Verurteilungen, die Schmach vor der sie geflohen sind, letztlich vor der Freude ihrer Verwandten über die Wiedervereinigung verfliegt. Dass die Vorstellung nicht mehr willkommen zu sein eher eine Illusion, ja eine Projektion war. Letztlich hatten sie sich für ihre eigenen Fehltritte selbst exiliert und abgestraft.

Die grundlegende Botschaft des Filmes liegt in der Erkenntnis, dass die Ankunft eines Kindes die Menschen nach deren Liebe und Hilfe es schreit eint und versöhnt. Auch jene, die sich gegeneinander versündigt haben.

„Tokyo Godfathers“ kontrastiert ein pessimistisches Bild der zeitgenössischen japanischen Gesellschaft in der zerrüttete, unglückliche Familien an der Tagesordnung sind und in dem die Menschen verzweifelt Geborgenheit in Surrogaten suchen, die letztlich nur auf Einseitigkeit oder auf Selbstbetrug basieren mit der christlichen Botschaft von einer umhüllenden, liebenden Kraft, die uns Sinn und Hoffnung schenken kann. Die uns nach Hause führt, auch dann, wenn wir glauben, dass wir dort längst nichts mehr verloren haben.

Er zeichnet die Option einer Gesellschaft, in der auch die „weggeworfenen“ Menschen ihren Platz finden werden, in der wir keineswegs gezwungen sind unsere Fehler immer und immer zu wiederholen. Für die Japanische Gesellschaft mit ihren schwindelerregend hohen Selbstmord-, besorgniserregend geringen Geburtenraten und ihrem zunehmenden Trend zur Kommodifizierung des Zwischenmenschlichen ist diese Botschaft mindestens genauso dringlich, wie für die unsrige.

Und so stolpert unser Quartett durch das kalte, kalte Tokyo, in dem, bisweilen ungesehen, ein Engel nach dem anderen ihren Weg kreuzt und Weihnachtswunder sich an Weihnachtswunder reiht. Dabei wird der Zuschauer gelegentlich auch mit der Frage konfrontiert, wieso der Mensch nicht in der Lage ist, mit dem kleinen Glück behutsamer umzugehen, wenn er es findet. So musste Miyaku von zuhause fliehen, weil sie in im Streit ihren Vater erstochen hatte. Ihr kleines Kätzchen namens „Angle“ war verschwunden und in ihrem Zorn beschuldigte sie den kalten und strengen Vater, sie ihr weggenommen zu haben – ein Irrtum, wie sich herausstellt. Als Gin seine Kyoko (seine Tochter trägt zufälligerweise denselben Namen) wieder trifft, fährt der notorische Lügner fort, ihr Märchengeschichten aufzutischen, um ihr nicht sagen zu müssen, in welchen Verhältnissen er lebt. Das Schöne und Heilige überwältigt und überfordert die Menschen. Man kann es nicht halten oder erzwingen, sondern kann sich nur bereit machen, dass es zu einem kommt und dabei das Beste aus dem machen, was man bereits hat. Der Film ruft zur Geduld und Behutsamkeit mit den Mitmenschen auf.

Von der Freiheit, zu irren und der Pflicht zu verzeihen

In dieser Hinsicht ist Tokyo Godfathers sehr japanisch: er nimmt den einzelnen für das Gelingen des Ganzen in die Pflicht. Seine Protagonisten sind nicht nur von der Gesellschaft Verstoßene – dass diese ihnen die kalte Schulter zeigt stellt der Film freilich eindrücklich und schmerzhaft klar – sondern sie selbst haben zu ihrer Situation beigetragen. Sie waren auch unbarmherzig gegen jene, die sie zurückgelassen haben und haben diese aus ihrem eigenen Stolz heraus verletzt. Diese Botschaft in ihrer Konservativität ist freilich in europäischen Medienprodukten nur selten zu finden. Dabei leistet sie etwas ganz Wichtiges, sie nimmt die drei Protagonisten in ihrer Menschlichkeit, Entscheidungsfreiheit und Fehlerhaftigkeit ernst. „I could go home anytime“, sagt Miyoko. „It’s those who say that, who never do.“, antwortet Hana. Dadurch, dass der Film in seinen Schuldzuweisungen so diffus bleibt, kann er das Thema von Sünde und Vergeltung so glaubhaft vermitteln: unsere Fehltritte sind niemals monokausal. Und deshalb teilen wir die Verantwortung für diese mit der Gesellschaft. Weder ist es die böse Gesellschaft, die sie uns aufzwingt, noch hat diese das Recht, auf gescheiterte Menschen mit dem Finger zu zeigen. Und manchmal wird einfach trotzdem alles gut.

Es ist die schroffe Aneinanderreihung von grausamem Realismus und bis zum Slapstick kitschigen Wundern, die diesen Film trotz allem so leicht und erträglich machen. Eine Ambivalenz die wiederum auf den Charakter des Weihnachtsfestes verweist, das immer ein wenig zwischen Kitsch und Ernst osziliert.

Dass Satoshi Kon auf christliche Bilder zurückgreift ist nicht nur in deren weltweit erkennbaren Kodierung begründet: Wer das Christentum, und sei es als Außenstehender, ernst nimmt muss die Weihnachtsgeschichte als Geschichte darüber auffassen, dass Gott auch der Allerkleinste nicht zu klein ist und dass wir in einer Welt voller unwahrscheinlicher Wunder leben, derer wir selbst das größte sind. Ob die Lösung denn am Ende eine wirklich Christliche sein wird – oder muss – das lässt er freilich offen. Und so wollen wir es auch halten und diesen Film einfach als Homage, als versteckte Liebeserklärung an die Träume, Werte und Ästhetiken unserer Kultur auffassen. Mit dieser hat Kon, ganz versehentlich, als Buddhist einen der christlichsten Weihnachtsfilm gemacht, den ich überhaupt kenne.

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Nikolausbuch und -Aktion des BDKJ Köln

Das Nikolaushandbuch

Rezension

Freundlicherweise hat mir der BDKJ Köln eine Ausgabe des „Nikolaus-Handbuch“es zur Verfügung gestellt, das ich nun im Folgenden auf der Basis meiner Erfahrung in der Jugendarbeit (5 Jahre als Oberministrantin) näher beleuchten möchte.

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Tatsächlich lag das Buch des Meisterkritikers Torberg nur zufällig mit auf dem Tisch. Aber wir nehmen beide kein Blatt vor den Mund ;)

Zunächst einmal bin ich generell davon angetan dass es dieses Handbuch gibt. Meine Erfahrungen mit Nikolaus-Darstellern sind gemischt. Da war einerseits de Direktor meiner Grundschule, der zwar in Weihnachtsmannmütze aufschlug, aber eine wesentlich glaubhaftere Figur ablieferte (Obwohl in der ersten Reihe einige Schlaumeier reinbrüllten „Wieso hast Du denn eine Armbanduhr?!“), als unser dünner, 1,40m großer verdruckster Oberministrant mit Mitra und Stab. Am Gymnasium hingegen stritt ich mich volle 7 Jahre lang mit der SMV über ihr bescheuertes Weihnachtsmann-Kostüm. Ich habe also hohe Erwartungen.

Leider erlebe ich gleich zum Anfang eine Enttäuschung. Wieso ich als Leser dieses Buches geduzt werde ist mir ein Rätsel. Die meisten Nikolausdarsteller dürften über 16 Jahre alt sein. Außerdem sollen sie schließlich, wie später mehrfach und richtigerweise betont wird, einen würdevollen Eindruck hinterlassen. Jugendarbeit hin oder her: das einzige Buch, das mich duzen darf ist der Ikea-Katalog. Und schon da nehme ich es nur zähneknirschend hin.

Gelungene Einführung für ernsthafte Nikoläuse

Inhaltlich gefällt mir das Vorwort sehr gut: Traditionen wieder stark zu machen ist auch meiner Meinung nach ein zentraler Schritt zu einem neuen katholischen Selbstverständnis, das der Moderne standhalten kann. Es ist auch in meinen Augen eine der wichtigsten Maßnahmen in Hinblick auf die Mission. Dass die Autoren sich getraut haben, dies so offen zu schreiben verdient in meinen Augen Hochachtung.

Etwas schade finde ich, dass es ein wenig so klingt, als hätte das Christentum das Schenken und das Teilen erfunden („die der christlichen Tradition entspringen“). Das kann man nun bei aller Begeisterung kaum behaupten.

Die Handreichung für Nikoläuse ist sinnvoll strukturiert. Ausgehend von einer meiner Meinung nach etwas stark von katholischem Kulturpessimismus geprägten Analyse des gesellschaftlichen Bedarfs nach einer traditionsverbundenen aber modernisierten Form, den Advent zu begehen, wird der Nikolaus als ein mögliches Angebot präsentiert.

Ebenso gut und wichtig sind die ausführlichen Informationen für die Hintergründe des Nikolaus: seine Herkunft aus der heutigen Türkei und die drei klassischen Legenden (eine kurze, mittlere und lange) bilden einen wichtigen Anknüpfungspunkt für die tatsächliche Arbeit der Nikoläuse. So haben sie nicht nur immer etwas sinnvolles zu erzählen – wobei der Verlust des Erzählens meiner Meinung nach ohnehin eine zu beklagende gesellschaftliche Entwicklung darstellt, sondern können z.B. auch die gerade in Betrieben und Schulen zahlreich anwesenden türkischstämmigen muslimischen Teilnehmer einbinden. Hier wären sogar noch mehr Geschichten eine tolle Sache gewesen!

Ebenso leistet der theoretische Teil wichtige Aufklärung darüber, woher der Weihnachtsmann eigentlich kommt. Viele deutsche Katholiken lehnen ihn aus ihrem Anti-Amerikanismus heraus ab. Darüber vergessen sie ganz, dass der Weihnachtsmann nicht nur eine eigentlich ganz harmlose Werbefigur wie der Kellogg’s-Löwe ist, sondern unter anderem als neu interpretiertes „Väterchen Frost“ auch eine sozialistische Kampffigur aus der Sowjetunion, die bewusst zur Verdrängung christlichen Brauchtums eingesetzt wurde.

Praktische Anweisungen sinnvoll in den Vordergrund gestellt

Im praktischen Teil werden tatsächlich viele wertvolle Tipps gegeben. So z.B. wie man das Gewand richtig anlegt und auf welche möglichen Schwierigkeiten man dabei achten sollte. Auch finde ich es sehr schön, dass immer wieder betont wird, dass der Nikolaus für die Kinder tatsächlich „echt“ ist, dass man eine „Magische Gestalt“ für sie ist. Daher ist es auch vollkommen korrekt, dass die Seiten über das Nikolausgewand rot markiert sind und es zu einem zentralen Thema des Buches wird. Viel zu oft neigt man im Christentum dazu, solche Details als unnötige Oberflächlichkeiten abzutun. Gerade bei Gestalten wie dem Heiligen Martin oder Nikolaus kann es aber meiner Meinung nach nicht oberflächlich genug sein: schließlich werden alle Augen für die nächsten Stunden nur auf ihm ruhen, sein Aussehen ist es, das den Moment zu etwas ganz Besonderem macht.

Ebenso wertvolle Hinweise betreffen die Größe der Geschenke (die leider immer mehr zunimmt) und die Anweisung zur Abwesenheit von verkleideten Helferlein. Ich erinnere mich noch genau, dass unsere Schulbesuche immer geradezu überquollen von Teenagerinnen in knappen, lächerlichen Engelskostümen. Das war zumindest für die unteren Klassen, die noch vom Nikolaus verzaubert werden wollten eher kontraproduktiv.

Auch halte ich die Erfahrungsberichte und den tagesaktuellen Bezug zu den Flüchtlingsheimen für wichtig und generell deren Einbindung in die Nikolaustradition für eine gute Idee, ebenso wie ich keinerlei Einspruch in Bezug auf die Tipps für das Verhalten während des Besuches habe. Es mag für den Darsteller schade sein, wenn er seine Präsentation unterbrechen und das Gewand ablegen muss, um ein verängstigendes Kind zu beruhigen, aber Eltern und andere Anwesende werden es ihm danken.

Kein Herz für den Krampus…

Nun komme ich aber auch zu den Teilen, die mir nicht so gut gefallen haben.

Der eine liegt in der generellen Ablehnung von Traditionen wie dem Krampus, „Hans Muff“ und ähnlichen Gestalten. Von meiner Großmutter her kenne ich noch Geschichten, die tatsächlich nach der unnötigen Traumatisierung von Kindern klingen: ihre Eltern taten selbst, als hätten sie Angst um ihre kleine Tochter und versteckten sie vor dem Krampus im Keller. Dann veranstalteten sie draußen ein Getöse, rasselten mit Ketten um ihr vorzuführen, wie der Krampus sie suchte. Erst dann wurde sie befreit und der Nikolaus kam.

Es gibt keinen Grund, Kinder durch so eine Horrorvorstellung zu zerren.

Zugleich war für mich als Kind der Krampus immer ein selbstverständliches Gespann mit dem Nikolaus. Zu keiner Zeit hatte ich wirklich Angst, dass er mir etwas tun könnte: in meinen Augen war er nur für die richtig ernsthaft bösen Menschen reserviert und dazu zählte ich mich, trotz unaufgeräumtem Zimmer und Löchern in der Jeans nie. Jederzeit konnte der Nikolaus dem Krampus Einhalt gebieten, ja ich hatte den Eindruck, dass der Nikolaus die Kinder eher vor dem Krampus schützt.

Natürlich ist es kein Problem, auf den Krampus zu verzichten: lieber so, als die Kinder ernsthaft zu erschrecken oder sie vom Nikolaus abzulenken, gleichzeitig hat auch der Krampus eigentlich eine wichtige Botschaft: nämlich, dass es in der Welt böse Dinge gibt, aber auch, dass wir alles tun, um die Kinder vor ihnen zu schützen.

Das Ausklammern des Bösen in der zeitgenössischen Religionspädagogik halte ich von Jeher für ein Problem: es entspricht einfach nicht der Erfahrung der Kinder, die in der Regel genau wissen, wie sich Angst, Einsamkeit und Unrecht anfühlen. Leider ist auch das Nikolaus-Handbuch da keine Ausnahme. Wenn man, wie das Buch mehrfach anmerkt, die Nöte von Kindern ernst nehmen möchte, dann muss man ihnen auch zugestehen, dass es diese Nöte gibt. Wir Erwachsene verkitschen die Kindheit gerne als selige Zeit, aber im Leben von Kindern ist die Finsternis und das Böse mindestens so real wie der Nikolaus. Dafür gibt es eben die Gestalt des Krampus. Wir brauchen ihn nicht mitzubringen, aber er gehört eben einfach zu der Tradition dazu. Dass er keine christliche Figur ist, halte ich dabei für absolut unerheblich. Würde das Christentum sich aller heidnischen Einflüsse entledigen, wäre bald nicht mehr viel übrig davon.

In der einen Hand Schoki, in der anderen die Moralkeule

Ein weiterer Kritikpunkt von meiner Seite betrifft die Tendenzen, globale Probleme anzusprechen. Die Frage, „wo sie selbst „Nikoläuse“ sein können“, braucht kein Kind. Dank der Umweltpädagogik und zahlreichen sozial förderlichen Kinderserien lastet auf unseren Kindern ohnehin schon viel zu sehr der Druck, die Welt zu retten.

Kinder anzustiften, im Alleingang den CO2-Ausstoß der Familie zu verringern oder ihnen klar zu machen, dass ihre Plastikspielzeuge die Delfine ausrotten und ihre Nestlé-Joghurts schuld sind, dass die Kinder in Afrika hungern ist leider Gottes heute ganz normal geworden.

Der Nikolaus sollte also wirklich besseres zu tun haben, als die Kinder an diesem Tag, wo sie im Zentrum stehen und als ganze, wertvolle Menschen angenommen werden sollen, mit ihrer globalen Verantwortung zu konfrontieren. Das ist letztlich auch nur eine moderne Variante des vom Nikolaus-Handbuch mit solchem Impetus verurteilten Sündenregisters. Dafür die Welt zu retten gibt es Erwachsene.

„Es ist wichtig, ihnen zu zeigen, dass wir als Erwachsene für sie da sind und für sie Verantwortung übernehmen.“ (S.22), heißt es im Interview mit Hans Gerd Grevelding. Dazu gehört auch, sie mit Erwachsenenproblemen in Ruhe zu lassen und ihnen zu versichern, dass sich jemand für sie darum kümmert. Aus meiner eigenen Erfahrung als Oberministrantin kann ich auch sagen, dass aufgedrehte, glückliche, frisch beschenkte Kinder sowieso gut in der lage sind solche moralinsauren pädagogischen Selbstreflexionen geflissentlich auszublenden.

In dieselbe Kategorie fallen auch die Rührstücke aus der dritten Welt, die am Ende des Buches eingefügt sind. Weder kommt der Nikolaus darin vor, noch eignen sie sich zur Präsentation in einer Nikolausfeier. Nicht mal auf einer Betriebsfeier mit Erwachsenen möchte ich vom Nikolaus für den guten Zweck angepumpt werden. Die meisten Menschen sind gerade im Advent ohnehin mit Spendengesuchen überfüttert.

Nach Marcel Mauss ist es schließlich auch das nicht-reziproke, bzw. das nur unsichtbar reziproke am Geschenk, dass dieses als solches konstituiert. Sprich: wenn der Nikolaus mir ein Geschenk bringt, dann aber um Spenden für Adveniat wirbt, dann fühle ich mich nicht beschenkt, sondern bestochen.

Wieso ausgerechnet der Nikolaus, ein Heiliger, der Süßkram bringt, zur Konsumkritik anregen muss ist mir auch vollkommen schleierhaft.

Offensichtlich geht es heute in der katholischen Kirche nicht mehr ohne diese Plattitüden aus der ritualisierten Gesellschaftskritik ab.

Insgesamt sehr empfehlenswert

Das ist schade, weil ich vom Prinzip her finde, dass das Nikolaus-Handbuch und die Nikolausaktion hervorragende Ideen sind und das Buch selbst für einen Nikolaus-Darsteller sowohl inhaltlich als auch vom lobenswert reduzierten Umfang her gut konzipiert und nützlich ist.

Ein weiteres, aber eher kleines Manko wären noch Tipps für den Notfall, in dem eine Frau den Nikolaus spielen muss. Während meiner Zeit als Oberministrantin kam das einige Male vor, weil Väter keine Zeit hatten, die Direktorin der Grundschule und die Pastoralreferentin weiblich waren und der Pfarrer nicht infrage kam, weil er der Veranstaltung als Pfarrer beizuwohnen hatte. Unsere Pastoralreferentin machte ihre Sache sehr gut. Ich hätte mir trotzdem gewünscht, dass das Buch eine Handreichung für diesen etwas komplizierten Fall böte.

Alles in Allem ein empfehlenswertes Buch für jeden, auch außerhalb der konkreten Nikolausaktion, der dieses Jahr als Bischof verkleidet Kindern eine Freude machen möchte. Es räumt mit vielen Unsicherheiten auf und gibt wertvolle, praktische Tipps, die leider mit den üblichen Klischees kirchlicher Jugendarbeit garniert werden.

Das Nikolaus-Handbuch gibt es über den BDKJ-Köln zu jeder Bestellung eines „echten“ Schokoladennikolauses.

Ein Kommentar

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Darf oder soll man sich zu Weihnachten aufbrezeln?

Ich gebe es zu – und zwar gerne – um mich für den Heilig Abend fertig und frisch zu machen habe ich 2 Stunden gebraucht – wobei man bedenken sollte, dass ich (aufgrund meiner Haarstruktur) zum Haarewaschen allein mindestens 1 Stunde brauche und da ich in der Woche vor Weihnachten aufgrund eines gründlichen Hausputzes… wir wollen ja nicht ins Detail gehen… auf jedenfall reinigte ich meine irdische Erscheinung gründlich, zog mein niegelnagelneues Samtkleid im 50s-Stil an, schminkte mich, trug Parfum auf und schlüpfte in die mittelhohen Hacken – nicht die Hohen.

In der Mette dann blickte ich mich um. Schlabberige Wollhosen und Jeans, Kapuzenpullover, fahle Gesichter, denen eine Spur Rouge gewiss nicht geschadet hätte, graue Filzmäntel, ausgelatschte Mokassins.

Versteht mich nicht falsch – es geht mir nicht darum, dass ich viel besser angezogen war, als die anderen alle (daran habe ich mich schon längst gewöhnt ;)), es geht mir darum, dass die meisten Gemeindemitglieder am Pfarrfasching mehr Zeit in ihr Erscheinungsbild investieren, als an Weihnachten. Ich sage bewusst: Zeit, nicht Geld. Denn ob man sich mit seinem Aussehen Mühe gegeben hat erkennt man auch bei Menschen, die wenig oder gar kein Geld haben. Ob der Dunkle Anzug, der Schwarze Rock vom C&A, beziehungsweise H&M ist, ist mir komplett egal. Und ich weiß, dass sie das alle besser könnten, vom Geburtstag des Pfarrers, Konzerten in der Kirche und alle, wirklich alle, hätten sie ein Dirndl oder einen Trachtenanzug im Schrank gehabt.

Um zu verstehen, wieso es für mich wichtig ist, zur Kirche und besonders zu Festtagen gepflegt gekleidet zu erscheinen, muss man sich in meinen Tagesverlauf hineinversetzen. Die Phasen vor Feiertagen sowie die Samstage sind für mich normalerweise Putz- und Arbeitsphasen. Ich mache mein Zeug für die Uni fertig oder erledige die Hausarbeit, die liegenbleibt, weil wir alle berufstätig oder in der Ausbildung sind und meine Mutter auch noch meine Großeltern versorgen muss. Vor Weihnachten oder Ostern will ich es dann wirklich sauber machen – ein areligiöses Kaschern quasi – auch, weil ich weiß, dass meine Mutter darunter leidet, wie es bei uns bisweilen aussieht. Samstag Abend – am 24. oder Karsamstag mittags in extremerer Version – bin ich körperlich und geistig erschöpft. Meine Haare riechen nach Staub und Putzmittel, meine Hände sind trocken, meine Nägel kaputt, ich bin ungeduscht und trage verfleckten, verstaubten und verschwitzten Schlabberlook. Kurz: ich fühle mich so richtig versifft. Ich brauche eine Pause, eine Bremse, einen Schnitt. Also lege ich mich in die Badewanne, schmeiß die Putzklamotten in die Wäsche, feil und lackier mir die Nägel, kurz: stelle den zivilisierten Menschen wieder her, der ich einmal war und erst, wenn ich mich wieder wohlfühle ist Sonntag, ist Feiertag. Offen gestanden: das selbe mache ich auch, bevor ich in die Oper gehe oder ins Konzert (jaja, ich weiß: Kunst als bilgungsbürgerliche Religion ;)).

Für mich ist das beinahe wie ein Ritual, und unterdessen klären sich auch wieder die Gedanken und richten sich auf das aus, was kommt (und wir alle wissen ja auch, dass man unter der Dusche die besten Einfälle hat). Wenn ich mir diese Zeit nehme, dann bedeutet dass auch, dass mir der Feiertag, der Gottesdienst wichtig genug dafür ist.

Wie machen das bitte die Leute, deren Vorbereitung ist, dass sie nur in die Schuhe steigen müssen? „Was hab ich heute noch vor? Zahnarzt, Brot kaufen, Kirche…“ So ähnlich zumindest muss das sein.

Natürlich weiß ich, dass die Argumentation – übrigens ähnlich wie bei den Jeans-und-Pullover-Kandidaten in der Oper – dieser Personen eine andere ist: sie wollen sich nicht mit solchen Oberflächlichkeiten aufhalten, sind bewusst demütig und sparsam, wollen nach außen ein Zeichen setzen, dass jeder, auch der Ärmste, in der Kirche willkommen ist, finden, dass Kirche lebendig sein und nicht durch die Steifheit der Sonntagskleidung aus dem Leben gerissen werden sollte, yada yada yada..

Oberflächlichkeit. Ist man oberflächlich, weil man mit allen menschlichen Mitteln versucht und seien sie noch so mangelhaft., sein Bestes zu zeigen?

Schlägt das nicht in die (ver)alte(te) Kerbe, dass Frauen eitel sind und sich nur aufgrund sexuellen Verlangens, Männer des gesellschaftlichen Dünkels wegen schön machen wollen? Daher die auf mich oder meine Schwester gerichteten Blicke, die etwas Anklagendes haben, daher das bewusste Understatement? Haben wir wirklich noch diese olle, verspießte Moral, dieses viktorianische Bild von Weiblichkeit? Und weiter: bedeuten Schlichtheit und Mäßigung, die übrigens an keiner Stelle vorgeschrieben werden, wirklich, dass man sich penetrant alltäglich kleidet?

Ist es nicht Heuchelei, ja mindestens genauso oberflächlich, sich betont ärmlich, scheußlich und unispiriert zu kleiden, wenn man Besseres im Schrank hat? „Seht her! Ich habe alles zu bieten! Von A- bis D-mut!“?! Ist absichtliche Schäbigkeit nicht die absurdeste und zugleich ekehafteste, da selbstgerechteste Form von Eitelkeit?

Lustigerweise bietet das Markusevangelium auch noch genau zum Thema angemessene Kleidung ein Gleichnis;

1 Jesus erzählte ihnen noch ein anderes Gleichnis: 2 Mit dem Himmelreich ist es wie mit einem König, der die Hochzeit seines Sohnes vorbereitete.1 3 Er schickte seine Diener, um die eingeladenen Gäste zur Hochzeit rufen zu lassen. Sie aber wollten nicht kommen. 4 Da schickte er noch einmal Diener und trug ihnen auf: Sagt den Eingeladenen: Mein Mahl ist fertig, die Ochsen und das Mastvieh sind geschlachtet, alles ist bereit. Kommt zur Hochzeit! 5 Sie aber kümmerten sich nicht darum, sondern der eine ging auf seinen Acker, der andere in seinen Laden, 6 wieder andere fielen über seine Diener her, misshandelten sie und brachten sie um. 7 Da wurde der König zornig; er schickte sein Heer, ließ die Mörder töten und ihre Stadt in Schutt und Asche legen. 8 Dann sagte er zu seinen Dienern: Das Hochzeitsmahl ist vorbereitet, aber die Gäste waren es nicht wert (eingeladen zu werden). 9 Geht also hinaus auf die Straßen und ladet alle, die ihr trefft, zur Hochzeit ein. 10 Die Diener gingen auf die Straßen hinaus und holten alle zusammen, die sie trafen, Böse und Gute, und der Festsaal füllte sich mit Gästen. 11 Als sie sich gesetzt hatten und der König eintrat, um sich die Gäste anzusehen, bemerkte er unter ihnen einen Mann, der kein Hochzeitsgewand anhatte. 12 Er sagte zu ihm: Mein Freund, wie konntest du hier ohne Hochzeitsgewand erscheinen? Darauf wusste der Mann nichts zu sagen. 13 Da befahl der König seinen Dienern: Bindet ihm Hände und Füße und werft ihn hinaus in die äußerste Finsternis! Dort wird er heulen und mit den Zähnen knirschen. 14 Denn viele sind gerufen, aber nur wenige auserwählt. (Matt. 22, 1-14; Einheitsübersetzung)

Klar, es ist ein Gleichnis, es ist im übertragenden Sinne gemeint, andererseits: Der Mann wird nicht hinausgeworfen, weil er ein ärmliches Kleid trägt – wenn man Leute auf der Straße zusammenfängt, dann muss man auch erwarten, dass man Arme dabeihat, er wird hinausgeworfen, weil er unangemessen gekleidet ist. Unangemessene Kleidung bedeutet: ich habe nicht wirklich vorher nachgedacht, was ich hier mache, es ist mir egal, was der Anlass dieser Veranstaltung ist und eigentlich bin ich mir auch selbst egal. Der Mann weiß ja nicht einmal eine Antwort auf die Frage.

Alltagskleidung ist meiner Meinung nach keine angemessene Kleidung für die Kirche und erst recht nicht für einen Feiertag, weil der Sonntag und der Feiertag auch keine alltäglichen Tage sind oder sein sollten.

Letztlich frage ich mich, ob all diese Ausreden, bewusste Zurückhaltung, Demut und das ganze Gedöns, ob das nicht nur Ausreden für Gedankenlosigkeit oder, im schlimmeren Fall, für Faulheit sind, wenn sie nicht sogar Ausdruck des Gedankens sind, was besseres, demütigeres und wahrhaftigerereres zu sein, als alle anderen?

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Geistiger Input zu Weihnachten – einige Hinweise

Bis noch vor ca. 4 Jahren lehnte ich Weihnachten in jugendlichem Leichtsinn ab. Ich fand es doof. Ich hasste all den verkitschten amerikanischen Konsumkram, ich hasste all die verkitschte europäische Konsumkritik. Ich hasste den feministisch angehauchten Prediktdauerlutscher unserer Pastoralreferentin darüber, dass Maria als junge Frau all ihre Träume und Ziele für die Zukunft aufgibt, um Gott zu folgen.

(Man erlaube mir einen kleinen Exkurs: ’ne Frau in Nazareth hatte um die Zeitwende eh keine anderen Pläne, als zu heiraten und Kinder zu kriegen und ihr Traum war es, sich niemals ums tägliche Brot zu sorgen, gut von ihrem Mann behandelt zu werden und keine Kriegszeiten erleben zu müssen. Das war mit Verlaub schon ganz schön utopisch und die Geburt Jesu hinderte sie an der Durchführung dieses Traums zwar faktisch, aber das war für sie ja bei der Verkündigung nicht ersichtlich).

Ebenso wenig war mir eingängig, warum ein solider, junger Handwerker in einem wirtschaftlich prosperierenden, da von den Römern besetzten Land angeblich arm gewesen sein soll…

Ausgedehnt berichteten Pfarrer und Pfarrpersonal, Schuldirektoren und Kinderliedbarden, von der bettelarmen Heiligen Familie, die wegen ihrer sichtbar ramponierten Kleidung von Herberge zu Herberge gehetzt wird, durch die Bitterkälte (bei den Simpsons ist es wenigstens Marias geplatzte Fruchtblase, die den Wirt veranlasst, sie aus seiner frisch renovierten Lobby zu schmeißen) irren und schließlich in einem Stall nur durch ihre eigene Herzensglut gewärmt Geborgenheit vor dem hüfthhohen Schnee Bethlehems finden. Rülps.
Das ganze scheint mir nur einem Ziel zu dienen: leicht gewonnener Applaus von den billigen Plätzen. Für das Heilsgeschehen ist es nämlich vollkommen egal, wie arm oder reich Jesu Familie war, deshalb steht’s auch nicht im Evangelium. In einer Apokryphe lesen wir, Marias sei ein Priester im Tempel gewesen (wie glaubwürdig das ist, sei einmal dahingestellt). Und der soll seine Tochter einem abgerissenen Hungerleider versprochen haben? Ganz bestimmt.

Aber die durchaus politisch angehauchte Konsumkritik zu Weihnachten ist ja so ungemein idyllisch und vor allem: unendlich simpel. Der Pfarrer kann da eine anrührende Geschichte a la „Teen Moms“ erzählen, vom verzweifelten Mädchen und ihrem treuen Verlobten, die in einer Welt voller sozialer Kälte * wimmer * nicht einmal an Weihnachten Zuflucht finden. * schluchtz * Und die Zehen frieren ihnen ab und die Hirten, die doch der Bodensatz der jüdischen Gesellschaft waren, die * schnief * lassen sogar ihre Herde auf dem Feld zurück (und dann wird der Sohn Gottes, Messias und König der Könige geboren) und die bösen, bösen, bösen Börsenmakler Wirte, die sitzen unterdessen auf ihren Bergen von Geld! Die Gemeinde kann empathisch lauschen, mit Tränen in den runzligen Augen dem blondgelockten Engkelchen noch einen Fünfer in die Manteltasche schieben und dann daheim bescheiden Würstchen mit Kartoffelsalat schmausen. Aber nachdenken muss sie glücklicherweise nicht – wo käme man denn da hin? Ich für meinen Teil langweilte mich und schluckte Tabletten gegen Sodbrennen.

Doch im Laufe der Zeit stellte ich fest, dass Weihnachten nicht die theologisch bedeutungslose Puderzuckerschicht auf dem Kirchenjahr ist, sondern ein handfestes Riesending. Auch für mich. Theologisch gesehen ist es eine absolute Unerhörtheit, quasi die kanonisch gewordene Blasphemie: der eine Gott wird Mensch. Daraus erwachsen die faszinierendsten Gedankenkonstrukte und Konsequenzen.

Interessanterweise lernte ich das alles nicht in der Kirche, sondern durch mediale Produkte sowie auf der Uni, deshalb teile ich jetzt mit Euch meine ganz persönliche, nicht-verblödete Weihnachtshitparade.

  1. Der Film „Das letzte Einhorn“

Da an Weihnachten ohnehin ein Cartoon nach dem anderen läuft, um den Eltern ihre aufgedrehten Bälger vom Hals zu halten, läuft auch dieser Film zu dieser Zeit im Fernsehen.

Für Erwachsene lohnt es sich trotz angekitschter Optik einmal hineinzusehen; die Handlung basiert auf einem echten Fantasyklassiker („The last Unicorn“ von Peter Beagle) und die Animationen stammen von jenem Team, das sich später zum Herz der mittlerweile doch gut bekannten Gibli-Studios entwickeln sollte (für jene, die noch nie davon gehört haben: das Japanische Disney).

Ein Einhorn (bereits im Physiologus eine Christusmetapher), entdeckt, dass es wohl das letzte seiner Art ist und macht sich auf eine Reise, um all die anderen Einhörner zu suchen. Verzweifelt stellt es fest, dass die Menschen es gar nicht erkennen können, weil sie so vernagelt sind. Nur ein Zauberer, der nicht an seine eigenen Kräfte glaubt und die von Selbsthass und ihrem sozialen Abstieg gequälte Räuberhauptmannsgattin Molly folgen dem Tier, das schließlich auf einem einsamen Schloss angekommen in eine Menschenfrau verwandelt wird, um es zu tarnen. Nun ist es das Einhorn gewohnt, unsterblich zu sein und leidet schrecklich unter seinem irdischen Leib, ebenso unter den menschlichen Emotionen, die es geradezu überwältigen. Und der Rest ist Spoiler.

Klingelts? Richtig. Der Film vermittelt versteckt die Grundlagen der christlichen Inkarnationsidee. Nicht nur wird ein Unendliches in einen Irdischen Leib mit Irdischen Empfindungen gebracht, nein: dadurch werden auch menschliche Emotionen ins Unsterbliche übertragen. Das Einhorn, das geliebt und gelitten hat, konserviert sie quasi für die Ewigkeit. Wer sich einmal vor Augen geführt hat, was für eine unendliche Erniedrigung und Qual der um ihn herum zunächst wachsende, dann zerfallende Leib Jesu für ihn als Göttlichen gewesen sein muss, der braucht auch den Quatsch von der Armut und der einfachen Herkunft seiner Eltern nicht mehr. Jede Geburt wäre für ihn noch zu niedrig gewesen. Gleichzeitig aber macht er die lustvolle Erfahrung menschlichen Daseins und erhebt damit unsere Gefühle, macht sie zum Teil des Ewigen.

An Weihnachten feiern wir letztlich, dass unser Gott aus eigener Erfahrung weiß, wie sich eine vollgeschissene Windel, sowie die liebende Umarmung einer Mutter anfühlen, dass er die menschliche Gefühlswelt in- und auswendig kennt und letztlich transzendiert. Ich sagte doch: ein unheimliches Riesending.

Dass diese Erkenntnis aus einem Zeichentrickfilm stammt und nicht aus dem Mund eines Priesters spricht eigentlich schon Bände darüber, dass die Texte und Predigten die man an Weihnachten normalerweise konsumiert immer nur ein und der selbe fade Einheitsbrei sind – mit wenigen rühmlichen Ausnahmen freilich.

  1. Mittelhochdeutsche Inkarnationslyrik

Ja ganz recht. Ich konsumiere Texte aus der angeblich düstersten Zeit der Kirche: dem Mittelalter (die Renaissance oder die Spätantike war viel schlimmer, übrigens). Unter den höfischen Dichtern stellt die Lyrik rund um das Wunder der Fleischwerdung Gottes beinahe ein eigenes Genre.

Am Schönsten sind sie natürlich im Original und ich ermutige jeden, das einmal zu versuchen: besonders wer einen süddeutschen Dialekt spricht, kommt unter Zuhilfenahme dieser nützlichen Einrichtung eigentlich ganz gut zurecht, wenn er ein bisschen übt.

Walther von der Vogelweide, Friedrich von Sonnenburg, Konrad von Würzburg, Reinmar von Zweter, Heinrich von Mügeln und Frauenlob (Heinrich von Meißen) gehören nur zu den bekanntesten Dichtern, die sich mit diesem Thema auseinandersetzen und dem Leser wahre Kopfnüsse verdichteter Bildsprache aufgeben.

Sie trauen sich, mit geradezu spielerischer Freude, die Paradoxa der Fleischwerdung und mit besonderer Hingabe die Jungfrauengeburt um- und umzuwenden. Eines meiner Lieblingsbilder beispielsweise bezeichnet Maria als den Spiegel, an dem Gottes Atem, der Heilige Geist, kondensiert. Christus ist eben dieses Kondensat, der Tau. Nicht nur wird hier faszinierend die Dreifaltigkeit ins Spiel gebracht, sondern auch die Unberührtheit Mariens und zu guter Letzt als wohl schönste Idee: Gott erkennt (! erkennen im übertragenden, wie im biblischen Sinne?) in der klaren, reinen Maria sich selbst, sein Antlitz aber wird durch die Fleischlichkeit Jesu aber letztlich verhüllt – im Beschlagenen Spiegel kann man sich ja nicht mehr sehen. Und dieses Bild stammt aus dem angeblich so düsteren 13. Jahrhundert! Ebenso schwindelerregend wie den damaligen Dichter traf zumindest mich die Erkenntnis, dass „Ave“ „Eva“ rückwärts ist – Gott macht an Maria die Erbsünde rückgängig. Das ist natürlich mittlerweile aus guten Gründen kein besonders attraktiver Gedanke mehr, aber das macht ihn nicht minder faszinierend.

Natürlich verlangen die Texte eine gewisse biblische Sattelfestigkeit, zumal der mittelalterliche theologisch gebildete Mensch auf etwas andere Stellen wert legte, als wir heutzutage (So war Gideon damals eine echte Größe, kommt bei uns aber nicht mehr so oft vor). Ein gutes (Symbol-)Lexikon ist möglicherweise ganz angebracht und vielleicht auch etwas Humor, denn der Mittelalterliche Autor stellt sich Gott bisweilen etwas… handfester vor. Besonders wenn es um die genaue Mechanik der Empfängnis geht.

Und wem das noch nicht genug altmodische Theologie ist: der bereits angesprochene Physiologus kreist ebenfalls regelmäßig um diesen Problemkomplex.

  1. Flyleaf „Christmas Song“ und „Do you hear what I hear?“

Flyleaf ist eine post-grunge-(white-)metal-Band deren (ehemalige) Sängerin Lacey klingt, als hätte sie Bleiche getrunken (und manche behaupten, dass sie das wirklich getan hat). Das „white“ vor Metal kommt hingegen hauptsächlich daher, dass sich ca. ¾ ihrer Texte entweder eindeutig oder leicht versteckt auf christliche Themen beziehen und zwar im positiven Sinne, die Mitglieder der Band sind alle offen christlich.

Natürlich haben sie auch ein Weihnachtslied („Christmas Song“) in ihrem Repertoire, das es leider nicht zu kaufen gibt, aber im Internet zugänglich – daher kann ich es nicht verlinken und empfehle, einfach selbst danach zu suchen.

Dass Laceys über alle Maßen ausdrucksstarke Stimme nicht jedermanns Sache ist, lässt sich kaum bestreiten, aber mir hat sie quasi einen emotionalen Kinnhaken verpasst. Selten fühlte ich mich derart emotional am Geschehen der Weihnachtsgeschichte beteiligt, die Betonung des Gedankens, dass dieses Kind bereits geboren wird, um eines Tages zu sterben – dass dies letztlich ja bei keinem Kind anders ist… Aber es versaut einem natürlich die gute Weihnachtslaune. Ebenso die in den Lyrics deutlich gemachte Überforderung aller Beteiligten mit dem großen Wunder, dem sie beiwohnen dürfen – inklusive der drei Weisen aus dem Morgenland – die nicht anders können, als sich voller Angst damit abzufinden. Dieses Lied reißt einen sofort aus jeder Plätzchenträgheit und führt einem vor Augen, was für ein gewaltiger, geradezu angsteinflößender Feiertag Weihnachten eigentlich ist. „Rocking around the Christmas-tree“ wollte ich auf jeden Fall danach nicht mehr hören, dafür war ich ab sofort süchtig nach Laceys Stimme, die sich auf der Seele anfühlt, als würde sie einem den Schorf runterpuhlen.

Wem das auch so geht, dem empfehle ich noch ihre Version von „Do you hear what I hear“, eines klassischeren Weihnachtsliedes, bei dem es um einen Hirten auf dem Feld geht.

Ich bin natürlich jederzeit offen für noch mehr Anregungen für geistige Beschäftigung an und um Weihnachten.

Selbstverständlich bin ich in dieser Zeit freigiebiger und verbringe mehr Zeit mit meiner Familie. Aber was erfüllt uns zusätzlich intellektuell? Womit können wir unseren hungrigen Geist füttern, wenn wir uns schon den Magen vollschlagen?

In diesem Sinne: Frohe Weihnachten da draußen, ich hoffe ihr habt es warm und tröstlich, ich hoffe, ihr fühlt die Freude.

Eure Raschelmaschine

Oder um es Flyleaf zu überlassen:

„Gods angels sound their trumpets and blow their horns

tonight the long awaited saviour’s to be born.

The goodness bound by Satan – it has been torn,

with this babys precious brow ready for thorns.“

Ein Kommentar

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